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Chaos bei Schalke 04: Fan-Aufstand gegen Felix Magath

Statt sich wie üblich vor dem Derby in schwarz-gelben Schmähungen zu ergehen, proben die Schalke-Fans den Aufstand gegen Trainer Felix Magath.

Von Klaus Bellstedt

Vor dem Bundesliga-Derby des FC Schalke 04 bei Spitzenreiter Borussia Dortmund (Freitag, 20.30 Uhr im Liveticker von stern.de) gehen zahlreiche Schalker Anhänger auf Distanz zu Trainer Felix Magath . In einem offenen Brief fordert der "FC Schalke 04 Supporters Club" den Aufsichtsrat wegen der umstrittenen Transferpolitik auf, den "Irrsinn der letzten Tage" zu stoppen. Die Interessensvertretung passiver Schalke-Mitglieder fürchtet um die Identität des Vereins und fordert einen sofortigen Kurswechsel.

Vor allem nach der Verpflichtung der ablösefreien "Altstars" Angelos Charisteas (30) und Ali Karimi (32) haben die Anfeindungen zugenommen. Charisteas und Karimi sind die laufenden Transfernummern 39 und 40 in der Ära des alleinigen Machthabers auf Schalke. "Die Transferperiode belastet uns", lauteten Magaths eigene Worte. Doch inzwischen belasten seine Transfers nur noch ihn selbst. Mehr noch: Sie werden für ihn zu einer ernsthaften Bedrohung.

Fans laufen verbal Amok gegen Transferpolitik

"Die Fans laufen gerade verbal Amok. Wir haben Angst, dass Magath unseren Club kaputt transferiert", sagt Rolf Rojek, Vorsitzender des Schalker Fan-Club Verbandes (SFCV). Rojek, der knapp 87.000 organisierte Schalke-Fans hinter sich weiß, war bis August 2010 auch Fanbeauftragter des Vereins. Dann wurde er von Magath wegen "Interessen-Kollisionen" seines Amtes enthoben. Seitdem liegt die führende Fan-Organisation der größten Schalker Fanclubs mit Magath im Clinch.

Auch in den königsblauen Internet-Foren wird der Trainer in diesen Vor-Derby-Tagen scharf angegriffen. So kritisiert ein Schalke-Fan im Forum des Supporters Club e.V.: "Magaths Konzept ist die Konzeptlosigkeit". Und ein weiterer formuliert drastisch: "Dieser Trainer läuft Amok." Ein Beitrag auf der Homepage des Clubs lautet: "Ehre und Stolz ist mehr als ein Titel! Die Macht des Herrn Magath macht unser Schalke kaputt! Erfolg ja - aber nicht um jeden Preis."

Warum die Fans von Schalkes "Theaterdirektor" ("Süddeutsche Zeitung" über Magath) immer mehr abrücken, ist nachvollziehbar. Profis werden nach dem Prinzip "Versuch und Irrtum" verpflichtet und wieder abgeschoben. Teure Missverständnisse (Mittelfeldspieler Jurado/13 Millionen Euro Ablöse) bekommen eine billige Ersatz-Variante (Karimi), die wiederum streng nach Einsätzen honoriert wird.

Triste Bundesligawirklichkeit: Platz elf nach 20 Spielen

Zum Problem wird dieses Geschäftsmodell, wenn der kalkulierte Erfolg ausbleibt. In Wolfsburg holte Magath den Titel, in seiner ersten Spielzeit auf Schalke die Vizemeisterschaft. Die triste Wirklichkeit im Winter 2011: Nach 20 Spielen liegt Schalke mit 25 Punkten auf Platz elf. Die Champions League und selbst die Europa League sind kaum noch zu ereichen. Und attraktiver Fußball in der Arena bleibt eine absolute Ausnahme. Viel zu wenig für die nach Erfolg lechzenden Fans der Königsblauen. Die Frustration vieler Schalker geht sogar soweit, dass im Internet bereits zum Boykott des Derbys am Freitag aufgerufen wird.

So schreibt "Blue Moon" im Forum vom "Schalker Block 5": "Aufgrund der aktuellen Geschehnisse schlage ich vor, dass wir alle im Gästeblock, und auch alle Schalker, die sich auf neutralen Plätzen in Dortmund aufhalten werden, die ersten Minuten im Stadion den Support einstellen, bzw. wir die ersten Minuten draußen bleiben und der Block leer bleibt. Wir müssen ein Zeichen setzen. Es geht nicht mehr so weiter."

Angespannte Stimmung seit der Jahreshauptversammlung

Das Verhältnis zwischen Fans und Trainer ist nicht erst seit diesen Tagen angespannt. Die Kluft war schon am 10. Mai größer geworden, trotz der Euphorie nach der direkten Qualifikation für die Champions League. Auf der Jahreshauptversammlung hatten die Schalke-Mitglieder eine Satzungsänderung verhindert, die Magath bei Transfers finanziell weitgehend freie Hand gelassen hätte - die Kommunikation zwischen dem Coach und dem "höchsten Gut", den Fans, war danach nahezu zum Erliegen gekommen. Der Streit entbrannte in den Wochen danach, als Magath sich ein ums andere Mal in Interviews über die gescheiterte Satzungsänderung beschwerte und als Drohszenario unverhohlen mit einem Engagement bei RB Leipzig kokettierte.

Die Art und Weise der Abberufung (telefonisch via Pressesprecher) des einstigen Fanbeauftragten Rojek brachte schließlich das Fass zum Überlaufen. Der hatte den massiven Widerstand so nicht erwartet. Magaths Bezeichnung der organisierten Fans als "kleine Gruppe" tat schließlich ihr Übriges dazu.

Magath sieht sich als "Schnäppchen-König"

Für die jüngsten Anfeindungen der Fans hat Magath wenig Verständnis. "Die Kritik an den Transfers ist unangebracht. Charisteas kann uns mit seinem Kopfballspiel helfen. Karimi entfacht als Mittelfeldspieler den Konkurrenzkampf", sagte Magath der "Bild"-Zeitung. Die Transfers würden sogar wirtschaftlich Sinn machen, ergänzte der in der letzten Saison noch gefeierte Magath: "Ich bin wohl eher ein Schnäppchen-König als ein Ramsch-König! Durch geschickte Verkäufe habe ich eine sechsstellige Summe Überschuss erwirtschaftet."

Die Fans hingegen fürchten, dass ihr Club langsam aber sicher zu einem Fitnessklub für Alte verkommt. Die Stimmung gleicht jedenfalls einem Pulverfass. "Stoppt diesen Irrsinn, der in den letzten Tagen auf Schalke eskaliert ist! Er ist nicht nur finanziell vereinsschädigend, sondern dabei auch noch rufschädigend, wie die öffentlichen Reaktionen gezeigt haben", schimpft der Supporters Club.

"Als früherer Fan-Beauftragter von Schalke habe ich Magath immer gesagt, er soll die Fans mitnehmen. Aber das macht er nicht", sagt Fan-Boss Rojek. "Ich habe keine Ahnung, was nach einer Derby-Pleite passieren wird. Viele Szenarien sind denkbar, auch, dass wir vor die Geschäftsstelle ziehen und 'Magath raus' skandieren. Wir haben hier richtig Druck auf dem Kessel. Irgendwann platzt das mal." Es klingt wie eine Drohung.

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