Copa América Wenn Brasilianer über den Ball stolpern

Zu Beginn der Südamerika-Meisterschaft ist die Kritik an Brasiliens Nationaltrainer Carlos Dunga schärfer geworden: Stars wie Ronaldinho und Kaka sagten ab. Das Team wird als zu schwach eingeschätzt - nur der Bremer Diego wittert die große Chance.

Bei Weltmeisterschaften hui, daheim in Südamerika pfui: Während die Fußballer aus Argentinien und Uruguay die Prestige trächtige Copa América schon je 14 Mal gewinnen konnten, hinken die hoch eingeschätzten Brasilianer ausgerechnet beim ältesten Kontinental-Turnier mit sieben Siegen weit hinterher. Zwischen 1949 und 1989 holten sie sogar keinen einzigen Kontinental-Titel. Bei der 42. Ausgabe der Copa, die heute in Venezuela begann, wird es für den fünfmaligen WM-Champion schwer, diese Bilanz aufzupolieren. Denn die "Seleção" tritt dort mit einem Rumpfteam ohne die geschonten Superstars Ronaldinho und Kakà sowie den verletzten Lúcio an.

"Unser Team bei der Copa ist Besorgnis erregend", klagte Juca Kfouri, einer der angesehensten Sportjournalisten Brasiliens, nicht nur wegen der fehlenden Asse. Nationalcoach Carlos Dunga habe zum Beispiel einen Stürmer wie Afonso vom niederländischen Club SC Heerenveen nominiert, der stets über den Ball stolpere. "So einer kann nie und nimmer das kanariengelbe Trikot tragen. Auch andere Berufungen beweisen, dass Dunga ein Dickkopf ist", schimpfte Kfouri.

Dungas erste offizielle Feuerprobe

Der frühere Stuttgarter Dunga wird vor seiner ersten offiziellen Feuerprobe aber nicht nur von Kfouri kritisiert. Als Kolumnist der Zeitung "Folha de São Paulo" monierte Tostão, der Weltmeister von 1970, er würde gern einen Trainer "mit mehr Kenntnissen und Visionen" sehen. Und Ex-Nationalspieler Sócrates, in Brasilien als kritischer Geist bekannt, sieht die Berufung "selbst auf nationaler Ebene unbekannter Spieler" mit Misstrauen. Nicht nur Sócrates fürchtet, dass dabei "geschäftliche Interessen" eine Rolle spielen könnten.

Der Druck ist aber auch ohne die Top-Akteure immens. "Dunga benötigt den Titel um jeden Preis", schrieb die Zeitung "O Globo". "Nur überzeugende Leistungen und sehr gute Ergebnisse können das Misstrauen gegen den jähzornigen und polemischen Nationalteam-Chef auflösen", heißt es im meistgelesenen Blatt Brasiliens. Dunga kritisiert derweil die "Deserteure" und meint, jeder müsse das Nationaltrikot mit Stolz tragen. "Zu meiner Zeit sind wir immer mit Heißhunger zur Nationalelf gegangen, um zu zeigen, dass Brasilien auch gute Sachen hat", so der frühere Nationalkapitän.

Der Bremer Diedo wittert seine Chance

Mit Heißhunger werden sich sicher jene Spieler in Venezuela präsentieren, die eine neue Chance wittern - wie der Bremer Diego. Beim Titelgewinn der Brasilianer bei der Copa 2004 in Peru war der heute 22-Jährige noch Reservist und wurde auch danach nur selten berücksichtigt. "Die Verantwortung ist groß, ich will mir einen Stammplatz erkämpfen, Brasilien macht nach der verpatzten WM eine Erneuerung durch", sagte der Bundesliga-Legionär. "Wenn wir den Titel holen, rückt für uns die WM 2010 näher", meinte Stürmer Robinho von Real Madrid. Beide Asse wurden 2002 zusammen als Shootings-Stars mit dem FC Santos brasilianischer Meister, versagten aber beim Olympia- Qualifikationsturnier Südamerikas zwei Jahre später kläglich.

Wie Robinho und Diego hoffen auch "Ewige Talente" wie die Stürmer Vagner Love (23/ZSKA Moskau) und Fred (23/Olympique Lyon) auf ihren Durchbruch. Tostão sieht in der Abwesenheit der Führungsspieler wie Kakà und Ronaldinho auch eine Chance. "Wir müssen beweisen, dass der brasilianische Fußball nicht vom Talent zweier Männer abhängig ist".

Emilio Rappold/DPA DPA

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