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Francis Koné: Der Fußball-Profi, der vier Gegenspielern das Leben rettete

Der afrikanische Profi Francis Koné hat schon mehrmals Gegenspielern das Leben gerettet. Die Geschichte eines Mannes, der nicht nur von Dankbarkeit im Profifußball erzählen kann - sondern auch von rassistischen Abgründen.

Francis Koné

Francis Koné schaltet am schnellsten, als der gegnerische Torwart nach einen Zusammenstoß bewusstlos auf dem Rasen liegenbleibt.

Die Köpfe der beiden Spieler prallten mit so großer Wucht aufeinander, dass das Geräusch im ganzen Stadion zu hören war. In der tschechischen Liga spielte der 1. FC Slovacko Ende Februar in Prag gegen die Bohemians 05. Nach über einer halben Stunde stand es immer noch 0:0, als der Slovacko-Stürmer Francis Koné versuchte, einen hohen Ball zu erreichen, der in in den Strafraum des Gegners flog. Vor ihm lief ein Verteidiger der Bohemians, gleichzeitig kam der Bohemians-Keeper herausgelaufen, um den Ball abzufangen. Beide, Verteidiger und Torwart, schauten auf den Ball und rasselten ineinander. Auch Koné ging kurz zu Boden, weil der Torwart noch in ihn hinein flog.

"Ich sah, wie der Verteidiger sich bewegte, deshalb machte ich mir um ihn keine Sorgen", sagte Koné der britischen Zeitung "The Guardian" über den Moment, als er die beiden Spieler am Boden sah. "Aber der Torwart lag bewegungslos auf dem Rücken, ich konnte das Weiße in seinen Augen erkennen." Torwart Martin Berkovec war bewusstlos. Koné reagierte sofort. Er beugte sich über den Keeper und versuchte, ihm den Mund zu öffnen. Denn der afrikanische Angreifer kennt solche Situationen, wenn Menschen ihre Zunge verschlucken und keine Luft mehr bekommen. Dann besteht höchste Lebensgefahr.

Auch eine Geschichte über Rassismus

Doch der Kiefer von Berkovec war fest verschlossen. Zwei Teamkollegen der Bohemians eilten hinzu und halfen, Berkovec auf die Seite zu rollen. Endlich schaffte es Koné, die Finger in den Mund zu schieben und die Zunge aus dem Rachen zu ziehen. "Durch den Speichel war sie ganz glitschig und er biss mich, als sein Kiefer immer wieder zusammenklappte, aber das hat mir nichts ausgemacht", schilderte Koné den entscheidenden Moment. Die ganze Aktion dauerte nur wenige Sekunden, in denen der afrikanische Fußballer seinen Gegenspieler vor Schlimmerem bewahrte.


Das ist aber nicht die ganze Geschichte. Zu ihr gehört auch, dass Koné, Nationalspieler für Togo, bis zu dem Vorfall von einigen Heimfans bei jedem Ballkontakt mit Affenlauten beleidigt wurde. Als Berkovec schließlich wieder auf den Beinen war, brandete Applaus durch das Stadion. 

Dass Koné es innerhalb weniger Minuten vom Rassismus-Opfer zum gefeierten Lebensretter gebracht hat, ist kein Zufall. Er hat zwar nie eine Erste-Hilfe-Ausblidung genossen. Der Grund, warum er so schnell reagierte und wusste, was zu tun ist, ist einfach: Der 26-Jährige hat vorher schon drei anderen Spielern auf die gleiche Weise geholfen. Koné ist seit acht Jahren Profi und hat seitdem für Klubs in sechs Ländern gespielt. Er ist ein erfahrender Weltenbummler in Sachen Fußball. Und Zungen aus dem Rachen zu ziehen, scheint sein Schicksal zu sein.

Francis Koné eifert seinem Vorbild Drogba nach 

Von der Elfenbeinküste, wo er nahe Abidjan in ärmlichsten Verhältnissen aufwuchs (für Togo spielt er, weil seine Mutter aus dem Land stammt), führte ihn seine erste Station mit 18 Jahren aus der dritten, ivorischen Liga nach Thailand. Koné wollte unbedingt als Fußballer Karriere machen, so wie sein großes Vorbild Didiér Drogba. Mit seiner Odyssee durch Fußball-Clubs dieser Welt begann aber auch eine Reise voller rassistischer Beleidigungen. "Ich war jung und ich musste stark sein in einem neuen Land, einer neuen Kultur. Der Rassismus dort war noch viel schlimmer. Ich war der einzige schwarze Fußballer in der Liga. So fiel ich noch viel mehr auf", erzählte Koné.

In Thailand war er das erste Mal als Lebensretter im Einsatz. Ein Mitspieler von ihm verunglückte im Fitnessraum und war bewusstlos so wie der tschechische Torwart. Das zweite Mal passierte ein solcher Vorfall, als Koné nach einem Länderspiel in Togo auf Bitten eines Freundes an einem Freundschaftsspiel teilnahm. Der dritte Vorfall dieser Art ereignete sich ebenfalls in Afrika. Jedesmal war Koné zur Stelle.

Nach Thailand folgen Stationen in Oman, Portugal und Ungarn, bis es ihn schließlich mit seiner Familie nach Uherske Hradiste verschlägt, wo er bei Slovacko anheuert. Der Rassismus aber, sagt er, hat ihn um die ganze Welt verfolgt: "Wenn Du ein Afrikaner bist, und Du spielst in einem Land wie diesem (Tschechien, Anm. d. Red.) ... dann ist es eben nicht so wie in Frankreich oder Belgien zu spielen. Auch wenn sich die Lage in den Ländern verbessert, sind sie nicht sehr offen. (...). Wenn ich auf dem Spielfeld bin, versuche ich das zu ignorieren. Aber es ist schwer. Rassismus macht mich krank. Es tut weh. Aber was kann man tun? Ich weiß es nicht, aber vielleicht hilft so ein Vorfall wie am vergangenen Wochenende mit Berkovec", hofft Koné.

Kone

Francis Koné: "Es tut weh"


Einige Fans sollen sich entschuldigt haben

Er erzählt, dass er nach nach dem Spiel von einigen Bohemian-Fans Nachrichten erhalten habe, zwei hätten sich sogar wegen der Schmähgesänge entschuldigt. "Ich weiß nicht, ob es ernst gemeint ist oder nicht, aber ich ich hoffe es." Lokale Medien berichteten ebenfalls, dass viele Fans Koné nach der Rettungsaktion gefeiert hätten, nachdem sie ihn vorher beleidigt hatten.

Koné klammert sich weiter an seinen großen Traum, irgendwann einmal in der englischen Premier League zu spielen. Das Stadion in Prag verließ er als Held. Und Keeper Berkovec, der am Ende einen Zahn verlor und eine Gehirnerschütterung erlitt, bedankte sich öffentlich bei dem Angreifer und hat ihn beim nächsten Prag-Besuch zum Essen eingeladen. "Das macht mich stolz", sagte Koné.

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