Der Streit Ballack-Löw Ohne Strafe geht es nicht


Rauswurf, Wegnahme der Binde, keine Konsequenzen - der Ausgang des Streites zwischen Michael Ballack und Nationaltrainer Joachim Löw ist offen. Dieser Tage soll das heiß diskutierte Treffen der beiden stattfinden. Klar ist nur: Ballacks Kapitänsamt steht auf dem Spiel. Zwei mögliche Nachfolger stehen bereit.
Von Klaus Bellstedt

Es ist das Treffen, auf das ganz Fußball-Deutschland hinfiebert: Michael Ballacks Entschuldigungsbesuch in Deutschland bei Bundestrainer Joachim Löw. Wann und wo der Showdown genau statt finden wird, steht noch nicht fest. stern.de erfuhr allerdings aus sicherer Quelle, dass Ballack seinen Canossagang über den Kanal noch Ende dieser Woche antreten wird.

Was dann passieren wird, hat der Noch-Kapitän der deutschen Nationalmannschaft in seinem öffentlichen Statement vom Samstagabend ja schon angekündigt – zumindest aus seiner Sicht. Ballack wird sich entschuldigen für seine harsche Kritik am DFB-Coach. Dem geht es allerdings weniger um Entschuldigungen, als vielmehr um die Zwischentöne. Löw wird Ballack genau unter die Lupe nehmen. Der Bundestrainer wird von seinem Führungsspieler wissen wollen, was ihn um Himmels Willen dazu getrieben hat, bei seiner Kritik den Weg über die Medien zu gehen.

Löw in der Zwickmühle

Und dann muss Ballack liefern. Oder um es mit den Worten von Löws Anwalt Christoph Schickhardt zu sagen: "Ballack muss eine Situation schaffen, die es Joachim Löw ermöglicht, ihn wieder zu berücksichtigen." Fakt ist: Das Gespräch wird kein Gespräch im engeren Sinn, es wird eine knallharte Anhörung. Mit Konsequenzen für Ballack. Wobei es sich der Bundestrainer sicher nicht leisten kann, sein bestes Pferd komplett aus den DFB-Stallungen zu befördern. So wie er es beispielweise mit Kevin Kuranyi vorexerziert hat.

Warum? Weil Löw Ballack braucht. Es gibt zum Chelsea-Star sportlich einfach keine Alternative. Auf dem Platz besitzt der Mittelfeldstratege Qualitäten, die so kein anderer deutscher Fußballer auf sich vereint. Ein bisschen geht es in diesem Streit zwischen den beiden stärksten Figuren der Nationalmannschaft ja auch um das Wohl des deutschen Fußballs. Da wäre das Entzünden eines neuen Brandherdes, und nichts anderes wäre ein Rausschmiss Ballacks, fatal.

Nachfolger gesucht?

Viel wahrscheinlicher als Ballacks DFB-Total-Ausbootung ist der mögliche Entschluss Löws, seinem "Capitano" die Kapitänsbinde abzunehmen. Auch weil nach den verbalen Attacken das einhundertprozentige Vertrauensverhältnis zu Löw nicht mehr gegeben ist. Für den Bundestrainer wäre das eine guter Kompromiss. Er hat Deutschlands besten Fußballer weiter im Team, aber zugleich wie angekündigt strikt durchgegriffen und seine Autorität gewahrt. Und dann?

Es ist nicht so, dass sich die potenziellen Nachfolger im DFB-Team auf das wahrscheinlich zum Ende der Woche freiwerdende Kapitänsamt raufen würden. Das wäre schlechter Stil. Ballack ist ja schließlich (noch) im Amt. Aber doch könnten hier und dort mögliche Kandidaten vorsichtig erste leise Ansprüche anmelden. In erster Linie wäre da Miroslav Klose zu nennen. Als Stellvertreter führte der Bayern-Stürmer die Nationalmannschaft gegen Belgien, in Liechtenstein und Finnland bereits aufs Feld.

Klose macht kein Geheimnis daraus, dass das Tragen der Binde für ihn eine große Ehre bedeutet. Kritiker warfen Klose bislang immer wieder vor, mannschaftsintern als zu ruhig und wenig verantwortungsbewusst zu gelten. Aber das gehört längst der Vergangenheit an. In München hat Klose auch in seiner Persönlichkeitsentwicklung den nächsten Schritt gemacht. Während der Halbzeitpause im Spiel gegen Wolfsburg soll es unter anderem er gewesen sein, der das Team in der Kabine beim Stand von 1:2 mit einem flammenden Appell aufgerüttelt haben soll. Noch etwas spricht für Klose: Die Zahl der Länderspiele. Würde der übliche DFB-Ritus beibehalten, den Spieler mit den meisten Einsätzen im Nationalteam nachrücken zu lassen, wäre nun Miroslav Klose (86 Länderspiele) dran.

Lahm oder Klose?

Die "Münchener Abendzeitung" bringt als Ballack-Nachfolger einen Mitspieler von Klose beim FC Bayern ins Spiel: Philipp Lahm. Stellt Ballack sein Amt zur Verfügung, wird es Lahm, will die "AZ" gar erfahren haben. Und in der Tat: Lahm wäre es genauso wie Klose zuzutrauen, diese wichtige Rolle zu übernehmen. Lahm, der ja schon im Sommer gerne das Führungsamt bei den Bayern übernommen hätte, hat als einer der ganz wenigen im Streit Ballack/Löw demonstrativ Stellung bezogen - gegen seinen Mitspieler im Nationaltrikot. "Ich habe das nicht nachvollziehen können. Man darf mit einer Kritik am Trainer nicht in die Öffentlichkeit gehen. Es ist schlecht, wenn sich ein Spieler beim Trainer entschuldigen muss." So spricht einer, der in der Hierarchie nach oben will.

Klose und Lahm stehen also Gewehr bei Fuß, wenn es um die Vergabe der Binde geht. Beide schielen möglicherweise auf einen ganz bestimmten Ausgang des Gesprächs zwischen Michael Ballack und Bundestrainer Joachim Löw Ende der Woche. Am 19. November steht in Berlin ein nicht ganz uninteressantes Länderspiel gegen England auf dem Programm. Es gibt Schlimmeres als eine deutsche Mannschaft an diesem Ort und gegen diesen Gegner auf das Feld zu führen…


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