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DFB-Pleite gegen die USA Ein Hauch von Messi

Von wegen keine Erkenntnisse: Die DFB-Elf wähnt sich trotz des 1:2 gegen die USA vor der EM auf dem richtigen Weg. Dass sie schon wieder Barcelona nacheiferte, wertet ihr Trainer als gutes Zeichen.
Von Mathias Schneider, Köln

Mächtige Banner gehören zum modernen Fußball mittlerweile wie Eckfahnen und Stadionleinwände. Längst ist der große Kick nicht nur seinen Spielern eine Bühne, sondern Sponsoren und – ja, auch das – dem eigenen Verband selbst. Also legten eifrige Hände ein mächtiges Banner im Mittelkreis aus, auf dem riesig groß nur zwei Worte prangten: die Mannschaft. Flankiert wurde die verbandseigene Aktion von einem nicht minder imposanten Konterfei, das sich über den gesamten Unterrang der Westtribüne spannte. Die mächtige Aufschrift auch hier: die Mannschaft.

Die Mannschaft. Ein schöner Claim, wie das neudeutsch heißt, ersonnen bei der Weltmeisterschaft. Den Franzosen ihre Equipe Tricolore, den Deutschen ihre Mannschaft, sie soll in Zukunft vor allem im Ausland die Assoziation eines wunderbaren Kollektivs wecken, das es auch in einer Welt jenseits von Bad Reichenhall und Schleswig zwingend zu bestaunen gilt.

Ein Haufen geistig urlaubender Nationalspieler

Leider fällt es nicht ganz leicht, einen solch hehren Ansatz im Alltag immer zu bestätigen. Zumal, wenn Absenzen und zwingend verordnete Erholungsphasen den Kader ausdünnen. So fand sich dann in Köln eher ein Mannschaftchen ein. Aber wenn man US-Nationaltrainer Jürgen Klinsmann auf der Pressekonferenz richtig verstanden hat, ist dieses 1:2 ja auch nur "ein unerhaltsames Spielchen" gewesen, unter Freunden, für die USA zur Vorbereitung auf den sogenannten Gold Cup, eine Art kontinentale Europameisterschaft, und für Joachim Löws Männer auf das am Samstag stattfindende EM-Qualifikationsspiel gegen die Fußball-Supermacht Gibraltar.

Von einem Kollektiv konnte deshalb zumindest im zweiten Abschnitt keine Rede mehr sein, ein bunter Haufen schon geistig urlaubender Nationalspieler stellte sich da den schnell konternden Gästen mal mehr, mal weniger in den Weg. Die in der Innenverteidigung allenfalls Bundesligadurchschnitt verkörpernden Mustafi und Rüdiger torkelten gegen die auf typischen und durchaus gut anzusehenden Klinsmann-Fußball gepolten Amerikaner von einer Verlegenheit in die nächste. Im Mittelfeld offenbarte der zur Halbzeit eingewechselten Sami Khedira seinen Trainingsrückstand, ließ Ilkay Gündogan einmal mehr nicht erkennen, warum sich ein derart langatmiges Tauziehen um seine Dienste zwischen Borussia Dortmund und - ja wem eigentlich? - entwickelt.

Der wohl vor allem der Folklore wegen eingewechselte Lukas Podolski verdeutlichte ungewollt einmal mehr, warum der sogenannte Transfermarkt zwar auch in diesem Sommer ein hitziger sein wird, für Podolski allerdings die Gefahr, zu nahe an die Großfeuer der Milan, Manchester City oder selbst Borussia Dortmund zu geraten, minimal ist.

Lionel Herrmann trägt die deutsche Offensive

So war es am Ende einem Mönchengladbacher in Köln vorbehalten, für einen Hauch von katalanischer Frische zu sorgen. Im für Löw-Debütanten biblischen Alter von mittlerweile 24 Jahren feierte Patrick Herrmann sein Debüt in der Nationalmannschaft. Doch wo man manchem seiner gefühlt tausend Vorgänger in der Ära Löw schon vor dem Anpfiff raten mochte, sich das Trikot gut aufzuheben, trudelten bei Herrmann nach 30 Minuten die ersten SMS auf dem eigenen Handy ein mit nur einer Botschaft: Lionel Herrmann.

Tatsächlich musste man sich bei Herrmann schon nach einer halben Stunde fragen, wo er sich nur so lange versteckt gehalten hatte. Mit Tempodribblings trug er die deutsche Offensive quasi im Alleingang zwischen Schürrles Aktionismus auf der linken Seite und dem sichtlich von einer langen Saison ausgezehrten Mesut Özil. Das 1:0 bereitete er mit einem imposanten Spurt samt finalem Slalomlauf vor und auch sonst gab er dieser deutschen Elf mehr als Podolski in den vergangenen zehn Länderspielen zusammen.

"Wir hatten wahnsinnig viele gute Aktionen von hinten heraus", bilanzierte Löw nach der Partie eine Spur zu euphorisch die erste Halbzeit, als wolle er bloß sicherstellen, dass ein jeder seiner Schützlinge in bester Stimmung den Urlaub antritt. Sein Neuling hatte jede dieser Aktionen getragen.

Er habe "grundsätzliche Dinge" für das nächste Jahr als Erkenntnis gewonnen, fuhr der Trainer fort. Vor allem früh attackierende Mannschaften hätten seiner Elf ja in der Vergangenheit das Leben schwer gemacht. Nicht selten musste das Langholz des Fußballs, der sogenannte Befreiungsschlag die Bedrängnis lösen. "Wir sind ja in den letzten zwei Jahren eine Ballbesitzmannschaft geworden", erklärte Löw weiter.

Schlägt bei der EM die Stunde des Mini-Messi?

Er musste die Analogie nicht benennen, man hatte sie auch so im Kopf: Wie der FC Barcelona unter Pep Guardiola, so lange die Blaupause für Löws Art, Fußball spielen zu lassen. "Die Bereitschaft, in die Tiefe zu gehen, Chancen herauszuspielen, haben wir verloren", gestand Löw nun. Auch dies eint sein Team mit den Katalanen in der Vor-Luis-Enrique-Epoche.

In der ersten Halbzeit habe ihm deshalb das "blitzartige Umschalten" von Defensive auf Offensive besonders gefallen, wie auch die vor allem von Herrmann getragenen Konter. Wer das Champions-League-Finale Barcelonas gegen Juventus Turin am vergangenen Samstag miterlebt hatte, konnte glauben, Löw spreche über die Katalanen. Mit einem Konter hatte dort der echte Messi das 2:1 vorbereitet. Längst haben die Spanier ihr Spiel von nervtötenden Dauerrotationen des Balles befreit. Blitzschnell geht es heute mit schneidenden Pässen hinter die Abwehr.

Nun soll die Transformation der derzeit besten Mannschaft der Welt Löw offenbar wieder ein Beispiel geben, wie man "die Mannschaft“ für die nächsten Aufgaben fit macht. Allein die Spanier haben mit Neymar und Messi die neben Ronaldo besten Dribbler der Welt in ihren Reihen. Das muss natürlich nichts heißen, der eine ist ja Brasilianer, der andere ein im Nationaltrikot auf ein Normalmaß heruntergedimmter Argentinier. Beide werden in Frankreich in zwölf Monaten fehlen.

Ob dann die Stunde des Mini-Messi schlägt?

Zumindest hat Löw in Herrmann wieder eine fidele Kraft voller Tatendrang auf dem Flügel. Podolski und Schürrle müssen gewarnt sein, auch wenn Löws Loyalität mit seinen Weltmeistern vor allem Schürrle noch ein Weilchen schütze dürfte.

Patrick Herrmann ist also angekommen. Ob Frankreich und Spanien ihn gleich fürchten müssen, bleibt abzuwarten.

Gibraltar schon.

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