Die Krise des FC Bayern München Nie mehr dicke Lederhose


Die Bayern waren erfolgreich, laut und verhasst. Heute sind sie nicht einmal mehr Letzteres. Ein Abgesang auf den aufregendsten Verein, den wir je hatten.
Von Dirk Benninghoff

Es gibt nichts Demütigenderes, als von Verlierern verspottet zu werden. Bernd Hoffmann ist so ein Verlierer, schließlich steht er einem Verein vor, der seinen letzten Titel vor 22 Jahren gewonnen hat. Am Sonntag feixte der HSV-Chef beim Fußball-Stammtisch im DSF, dass der FC Bayern doch eigentlich ganz froh sein könne mit dem Saisonverlauf. Er hielte sich ja immerhin im oberen Tabellendrittel. Uli Hoeneß war nicht zugegen, sonst wäre er wohl wieder rot angelaufen. Denn Hoffmanns Frotzelei verdeutlicht das größte Problem der Bayern: Die Konkurrenz - abgesehen von einigen Desperados vom Schlage Daum und Lemke jahrzehntelang ein Haufen willfähriger Bewunderer - hat den Respekt verloren. Zum sportlichen Niedergang gesellt sich gesellschaftlicher Abstieg. Das It-Girl des deutschen Fußballs verkommt zum Mauerblümchen.

Vor ein paar Jahren tanzte es noch auf jeder Party. Der FC Bayern gab jede Woche Stoff her für mindestens eine Folge "Kir Royal". Dass private Umtriebe der sportlichen Leistungsfähigkeit abträglich sein könnten: Die Bayern-Stars widerlegten eindrucksvoll diese Theorie. Effenberg pöbelte im P1 und spannte Strunz die Frau aus, Kahn fuhr mit Kulturbeutel zu Verena, Hitzfeld ging fremd mit einer Brasilianerin, Scholl heiratete lieber ein Model, Elber saß nackt auf einem Motorrad, Basler qualmte und soff, Matthäus beleidigte Holländer und pries das Genital des schwarzen Teamkollegen Valencia. Der FC Hollywood verdiente sich seinen Namen fast jeden Tag aufs Neue. Wichtig war nicht aufm Platz, sondern daneben, denn fußballerisch hatten die Bayern abgesehen vom anrührenden Drama von Barcelona sowieso alles im Griff. Meister 1999 und 2000, 2001 dazu noch Champions-League-Sieger. Bayern München war nicht einfach nur eine perfekt getaktete Fußballmaschinerie und eine wirtschaftliche Erfolgsstory, Bayern München brachte den Fußball auf die große Glamour-Bühne, machte aus Kickern VIPs und aus einer gewöhnlichen Nobeldisco einen Wallfahrtsort für Papparazzi.

"Euer Hass ist unser Stolz"

Pompös, laut und tösend war es schon in den Siebzigern, als der Bayern-Mythos mit der grandiosesten Fußballergeneration, die unser Land bislang erlebt hat, geboren wurde. Beckenbauer, Maier, Müller, ergänzt später durch Hoeneß und Breitner: Die Münchener bescherten Deutschlands Fußball eine einzigartige Kombination aus Verschrobenen, Alphatieren und Fußballgenies. Und nicht nur der Fußball, auch der Boulevard durfte sich reich beschenkt fühlen. Breitner posierte rebellisch vor Mao und mit Hoeneß halbnackt auf einem Oldtimer. Beckenbauer nahm Singles auf und posierte für Suppen-Werbung, Maier jagte im Stadion eine Ente. Für jeden war etwas dabei. 150.000 Mitglieder gewinnt man nicht nur, weil sauber gegrätscht und gepasst wird.

In den Achtzigern arbeiteten die Bayern dann hart an ihrem Image - vor allem Uli Hoeneß, seit 1979 Manager der Bayern. Von seiner erfolgreichen Arbeit zeugen nicht nur Titel, sondern genauso auch das Fan-Credo "Euer Hass ist unser Stolz". Denn Hoeneß impfte dem Verein jenes häufig beschworene "Mia san mia"-Gefühl ein, das ihm heuer so abgeht. Höhepunkte seines aggressiven Gebarens waren neben den zum schwarz-roten Klassenkampf hochstilisierten Auseinandersetzungen mit dem Bremer Kollegen Willi Lemke die verbalen Keilereien mit Christoph Daum. Noch nie hatte Deutschlands Fußball eine offener ausgelebte Abneigung erlebt als zwischen dem Bayern-Manager und dem damaligen Kölner Trainer. Die Republik war vereint im Bayern-Hass und im Bayern-Neid. Zu groß die Erfolge, zu dick die Lederhose, zu laut der Hoeneß. Lustiger Höhepunkt: Die Zuschauer im ZDF-Sportstudio singen "Zieht den Bayern die Lederhose" aus. Daum feixte, Heynckes lief rot an, Hoeneß kochte. Ein absurdes Stück Fernsehgeschichte.

Kein Suff, kein Skandal, nur Vernunft

Und heute? Van Bommel statt Effenberg, Butt statt Kahn, Klose statt Elber. Dass kaum Tore und Siege herausspringen, mag überraschen, dass der FC Bayern den Boulevard verkümmern lässt, nicht. Es wird offensichtlich weder gesoffen noch gehurt. Wenn Schweinsteiger mit Freundin Sarah auftritt, mag das ja ganz nett aussehen, und wenn sich Philipp Lahm gegen Aids engagiert, ist das sicher verantwortungsbewusst. Doch wie seinen Vertretern fehlt dem FC Bayern 2009 die Spannung. Uli Hoeneß hat sich abgenutzt. Wenn er früher zur Attacke blies, zitterte die Liga. Als er am Wochenende sagte, die Bayern stünden noch vor Weihnachten oben, fing Hamburgs Hoffmann an zu grinsen. Die markigen Sprüche wirken nicht mehr selbstbewusst, sondern verzweifelt. Bayern München geht es wie der CSU: Es hat den zweiten erfolglosen Coach in Folge. Während Klinsmann scheiterte, wurde Huber aus dem Amt gejagt, und jetzt treiben van Gaal und Seehofer die einstigen Siegesmaschinen mit Macht in Richtung Durchschnitt.

Damals, Ende der Siebziger, als die Bayern zum letzten Mal am Abgrund zum Mittelmaß standen, rettete sie ein junger Manager namens Uli Hoeneß. Zwei falsche Trainerentscheidungen später hat er sie wieder in Richtung Abgrund geführt. Jetzt haben die Münchener einen neuen jungen Manager: Christian Nerlinger. Doch mitreißen wird er den Club nicht, sondern personifiziert viel mehr die neue Schnarchigkeit, die in München Einzug gehalten hat. Die Bayern müssen aufpassen. Der Hamburger SV hatte auch viel Geld, als er 1987 seine Loser-Ära startete. Vielleicht lacht Nerlinger in 22 Jahren über Hoffmann.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker