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Edelfans vor dem Nordderby: Vom Recht auf Abneigung

Zusammen haben sie das WM-Finale 2006 als Stadionsprecher moderiert. Der Bremer Christian Stoll und der Hamburger Marek Erhardt. Viel mehr haben sie aber nicht gemeinsam. Vor dem brisanten Nordderby im DFB-Pokal zwischen dem HSV und Werder (ab 20.30 Uhr im stern.de-Live-Ticker) tragen die beiden ihre Fan-Feindschaft offen aus.

Christian Stoll, mit Weserwasser getaufter Stadionsprecher der Grün-Weißen:

Sollen sie doch bitte alle aufhören, jetzt Friedenspfeifen zu rauchen. Natürlich braucht man sich nicht gleich die Nasen einzuschlagen, aber ich will den Hamburger Schnösel-Verein nicht mögen müssen. Ich will mein Recht auf Abneigung! Um es mal hanseatisch vornehm auszudrücken. Ich verachte die Hamburger in jeder Beziehung. Die waren damals schon zu fein, der "Zeit" ihr Tor für deren Wappen zu geben. Für uns Bremer war es eine Ehre. Deshalb grüßt der Bremer Schlüssel aus unserem Wappen jeden Donnerstag vom Titelblatt der Hamburger Wochenzeitung! Und überhaupt, die von der Elbe mit ihrem näselnden Getue. Bremen sei ja nur ein Vorort von Hamburg. Ist klar, das Tor zur Welt sollen sie haben, solange wir den Schlüssel dazu behalten. Besser ist das. Der Bremer Pfeffersack ist vornehm, der Hamburger glaubt es nur zu sein. Es gibt ein paar Hamburger, die gute Bremer geworden sind: Wilhelm Kaisen und Willi Lemke zum Beispiel; umgekehrt ist mir, beim Roland, kein Einziger bekannt. Benno Möhlmann? Raphael Wicky?? Ailton???

Kommen wir mal zu Eurem Möchtegern-Einpeitscher und Ex-Stadionsprecher Lotto King Karl. Ein Stadionsprecher, der vor drei Jahren Flaschenwürfe auf unseren Keeper Tim Wiese mit den Worten begleitete, man solle doch aufhören Getränke zu reichen, muss doch was genommen haben! Aber "Lotto" ist wahrscheinlich stets schwindlig, von seiner schrecklichen Treppenlift-Selbstinszenierung spieltäglich im Norden: "Hamburg, meine Perle", der Hass wird dann am Lautesten herausgebrüllt bei der Zeile über uns Bremer. Das ist armselig.

Der Abfall ist für den Rest

Wenn ich dann kurz vor dem Spiel am peinlichen Mega-Quanten von Uwe Seeler vorbeilaufen muss, schäme ich mich immer ein bisschen fremd. Der arme Uwe hatte als HSV-Präsident auch nicht wirklich Spaß am Job. Wie Ronny Wulff oder Jürgen Hunke oder andere. Der letzte HSV-Präsident mit Freude bei der Arbeit war Wolfgang Klein. Der Sport-Moderator, Weitspringer und Rechtsanwalt war übrigens auch der letzte HSV-Präsi, der mit den Rothosen einen Titel holte. 1987 war das. Schön lang ist's her. In Worten zweiundzwanzig Jahre. Können von mir aus dreiunddreißig oder vierundvierzig werden.

Zum Sportlichen: Wir haben Diego, den, mit Verlaub, effektivsten Spieler der Liga. Wir haben mit Mertesacker und Naldo die Innen-Schaltzentrale, mit dem "Lutscher" einen Sechser vor dem Herrn und vorn wird Pizza gebacken gegen die Herren vom Hausbackenen SV. Auf einer Position freilich sind auch die Heimspieler richtig adäquat besetzt. Aber wir wissen ja, wo auch Frank Rost Nationaltorwart geworden ist. Und auf noch einer Stelle war der HSV lange gut besetzt. Dass man Marek Erhardt als Stadionsprecher nur wegen des Wechsels des Medienpartners rasiert hat, zeigt zweierlei: wenig Anstand beim Club und meinen größten Fehler: eine falsche Raute zum Kumpel zu haben. Mit ihm hatte ich tolle gemeinsame Stunden als Sprecher beim WM-Finale. Ich war für Italien, er für Frankreich; Marek ist eben immer bei den großen Verlierern, nicht allzu traurig sein, Alter, die nächsten 19 Tage!!!

Übrigens: HSV-Trainer Jol will ja vor allem den Meistertitel gewinnen. Das andere sei nur für Ruhm und Ehre. Übersetzt heißt das für mich: Der Abfall ist für den Rest. Oh, Danke du arrogantes Hamburg, wir nehmen das gern und wollen Euch nichts überlassen. Vier Niederlagen und ich mache aus Lottos Klampfe ne Laubsägearbeit. Nie der Ha Es Vau!!!

Lesen Sie auf der nächsten Seite die Replik von HSV-Fan Marek Erhardt.

Marek Erhardt, ausgestattet mit einem Herz in Rautenform:

HSV gegen Werder Bremen. Es gibt, glaube ich, kein Spiel, das die Gemüter mehr erhitzt, das die Herzen höher schlagen lässt, was aber auch so viele Emotionen freisetzt, wie dieses Nordderby. Wir haben im DFB-Pokal-Halbfinale die Bremer zu Gast. Und kaum ist der letzte Bundesligaspieltag vorbei, meint besonders ein Profi der Werderaner, "Giftpfeile" verschicken zu müssen. Gerade der Mann, der in den letzten Jahren immer wieder für Aufregung gesorgt hat, der sowieso überall aneckt, obwohl er bestimmt privat ein netter Kerl ist. Ist es also das Spiel HSV gegen den SV Wiese?

Natürlich gehört Polemik und Traktieren zum Fußball dazu. Aber gerade wenn man weiß, wie viel Brisanz in so einem Nordderby steckt, wundert es mich schon immer wieder, wie sehr das Vorspiel verbal frisiert wird. Neuester Clou von Wiese, er greift jetzt sogar schon die gegnerischen Fans an. Ich glaube bei einem Blick in seinen Arbeitsvertrag, steht das nicht unter "Pflichten". Mein sehr geschätzter ehemaliger Kollege Christian "Stolli" Stoll, der Stadionsprecher von Werder Bremen und mein Gegenpart hier auf stern.de, und ich haben diese Rivalität auch immer gelebt, aber auf einer sehr fairen und sauberen Ebene.

Jol und der Reserveakku

Eine kleine Anekdote: Stolli hat mich vor zwei Jahren ins Weserstadion eingeladen. Ich freute mich über diese Einladung wirklich sehr. Als ich dann im Stadion ankam, war ich platt. Ich hatte von ihm eine Karte für den Werder Block bekommen. Das glaub ich jetzt nicht, hab ich gedacht. Gut, ich hatte nun keine Fanausrüstung an, aber ich glaube, einige im Block wussten schon, welcher Stadt ich entsprungen war. Der HSV gewann und ich hatte einen sehr lustigen Nachmittag in einer Bremer Kurve. Ich hätte das mit Stolli nie gemacht... egal. Ich bin jetzt nur noch Fan und Stolli muss die Niederlagen von Werder in den nächsten 19 Tagen hautnah auf dem Platz erleben. Mein Mitleid hält sich allerdings in Grenzen.

Nun zum HSV. Was sich derzeit hier abspielt, ist unglaublich. Trainer Martin Jol hat es geschafft, in der Mannschaft einen Reserveakku zu installieren, der es der Mannschaft ermöglicht, bei diesem Spielplan immer die Grenzen zu überschreiten, und sich selbst nach unnötig hohen Niederlagen oder Last Minute Toren wieder zu fangen, und den nächsten Erfolg einzufahren. Ich bin ehrlich: Jedes Mal wurde ich eines Besseren belehrt. Bei aller Euphorie darf man nur bitte eines nicht vergessen. Es wurde auch Zeit. Seit über 20 Jahren hat der HSV, wenn wir mal den UI-Cup außen vor lassen, keine Titel mehr gewonnen. Wir Fans sind aber heiß auf Titel.

Die Fans erwarten Titel

Fahren Sie mal durch Hamburg. In vielen Fenstern hängen HSV-Fahnen, Restaurants werben mit Public Viewing, jedes zweite Kind besitzt ein HSV-Shirt. Sorry, Stolli, das mag in Bremen auch so sein, aber ihr habt ja nicht mal annähernd so viel Einwohner wie wir, obwohl du ja eigentlich Hannoveraner bist. Oder 96er? Hab es vergessen. Die Fans erwarten jetzt mindestens einen Titel. Welcher Titel mir am Liebsten wäre? Ich glaube der Schwerste wird der Uefa-Cup, dann die Meisterschaft und dann, vielleicht der Einfachste, wenn man das so überhaupt sagen kann, der DFB-Pokal. Wer am Mittwochabend gewinnt, hat einen leichten Vorteil für die Folgespiele!

Vier Mal in 19 Tagen gegen den größten Rivalen aus dem süßen, kleinen verpennten Bremen. Wow, wer hätte das vor Saisonbeginn gedacht. Und wer hätte gedacht, dass wir Rothosen noch in allen Wettbewerben dabei sind. Ich glaube, Hand aufs Herz, kaum einer! Ach so, ich hab ja noch nicht gesagt, welcher Titel mir am Wichtigsten wäre. Der Uefa Cup, damit große Namen auf unseren "tollen" HSV aufmerksam werden und hier Fußballspielen wollen. Wenn "Dukaten-Didi" sie denn haben will.

Und nun noch ein abschließendes Wort zu meinem alten Buddy Stolli, dem Stadionsprecher von Werder: Lieber Stolli, falls sich die Bundesländer Niedersachen, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein doch noch irgendwann zu einem großen norddeutschen Bundesland zusammentun sollten, dann kannst Du Dich nach Deinen Zeilen bei uns in der schönsten Stadt der Welt sicher nicht mehr blicken lassen. Du hast mit mir ab sofort nämlich nur noch einen einzigen Freund an der Alster.

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