Arne Friedrich Der unsichtbare Superheld

Vor dem zweiten Gruppenspiel gegen Kroatien berauscht sich die deutsche Mannschaft am eigenen Teamgeist. Lob an die zweite Reihe soll den Korpsgeist auch in den nächsten Tagen hochhalten. Einen neuen Hauptdarsteller hat die Politik der sanften Hand bereits hervorgebracht: den Superstar Arne Friedrich.
Von Mathias Schneider, Tenero

Lukas Podolski soll die Reise heute Nachmittag, da der Tross des Deutschen Fußball-Bundes aus dem Tessin zu seiner zweiten Partie ins ferne Klagenfurt aufbrach, dann doch mitgemacht haben. Wie aus sicherer Quelle zu vernehmen ist, hat sich auch Per Mertesacker gerade noch einen Platz ergattert wie auch der Kapitän Michael Ballack.

Der Druck des neuen Supermanns

Man muss das explizit betonen, denn drei Tage nach jenem mit viel Verve erspielten 2:0 gegen Polen hat sich eine neue, in den vergangenen Jahren eher im Verborgenen agierende Kraft aufgemacht, in diese Mannschaft zu drängen. Längst scheint nicht mehr ausgeschlossen, dass bislang unverrückbare Mitglieder der ersten Elf demnächst freiwillig die Heimreise antreten.

Zu groß scheint der Druck des neuen Supermans. Wer in den letzten Tage den Ausführungen des Bundestrainers Joachim Löw sowie dessen Adlatus Hans-Dieter Flick im Trainingszentrum von Tenero lauschte, musste zumindest den Eindruck gewinnen, dass diese deutsche Elf ihren größten Trumpf noch in der Hinterhand hält.

Symbol für tollen Teamgeist

Die Rede ist vom Verteidiger Arne Friedrich, 29, von Löw mit folgendem Lob bedacht: "So stark wie in den vergangenen drei Wochen habe ich Arne noch nie gesehen." Als habe Friedrich gerade allein die bisweilen mit vier Stürmern auf deutsche Tor zugelaufenen Polen in die Flucht geschlagen. Dabei durfte er doch gar nicht mitspielen.

Tags darauf, Friedrich war mittlerweile auf die Empore des großen Pressesaals gebeten worden, mochte auch Flick da nicht nachstehen. "Der Arne bringt im Training eine tolle Leistung. Er verfügt über enorme Erfahrung. Es ist wünschenswert, solche Spieler in den Reihen zu haben." Der Pressesprecher Harald Stengter sieht in Friedrich "das Symbol für den tollen Teamgeist."

Geboren ist der Superstar Arne Friedrich, der erste Akteur der einer EM ohne Einsatz seinen Stempel aufdrückt (Spötter raunen bereits, Friedrichs Aufstieg hinge genau mit diesem Umstand zusammen). Eine neue Erfahrung, kam Friedrich im Laufe seiner nun auch schon sechs Jahre andauernden Karriere als Nationalspieler bislang nicht für die bewegenden Momente in einem Fußballspiel in Betracht.

Perfekt in der Kunst der Unsichtbarkeit

Eher perfektionierte er die Kunst der Unsichtbarkeit auf dem Fußballfeld. Meist verrichtete er beinahe anonym seine Arbeit auf der rechten Außenbahn, fiel weder positiv noch negativ auf, sieht man einmal von einer Formdelle ab, die ihn ausgerechnet zu Beginn der Weltmeisterschaft im eigenen Land ereilte.

Wollte man den Akteuren der deutschen Nationalmannschaft ihrer Persönlichkeit entsprechend Länder zuordnen, so stünde hinter Friedrich die Schweiz, so neutral kommt er daher. Schon deshalb dürfte Löw seinen Verzicht beim Trip zu den Eidgenossen nie ernsthaft erwogen haben.

Friedrich selbst schreibt seinen Siegeszug einer Mentaltrainerin zu, welche ihm im vergangenen halben Jahr erheblich auf die Sprünge geholfen habe. Die Form sei deshalb toll. Der Bundestrainer sehe ihn mittlerweile eher als Innenverteidiger, teilt Friedrich noch mit. Er rechne aber nicht damit, nun gegen die Kroaten zum Einsatz zu kommen. Noch nicht.

Nur eine Kreation für die Medien?

Per Mertesacker und Christoph Metzelder werden also abermals den Vorzug erhalten, und so drängt sich der Verdacht auf, dass der Überspieler Arne Friedrich am Ende vielleicht doch eher eine Kreation Löws für die Medien gewesen ist, um zum einen den Teamgeist herauszustellen und ganz nebenbei den Akteuren aus dem zweiten Glied ein paar Streicheleinheiten zu verpassen. Angewandte Pädagogik nennt man das wohl.

Denn diese Nationalmannschaft ertrinkt dieser Tage ja förmlich in einer Woge der Glückseligkeit. Ein jeder beschwört den tollen Zusammenhalt, so dass nicht einmal mehr ausgeschlossen scheint, dass die Auswahl nach dieser Europameisterschaft gleich als Vereinsmannschaft die Bundesliga aufmischt.

Die Abwesenheit von Problemen mutet beinahe unheimlich an. Keiner sei verletzt vor der Partie morgen, berichtet Flick. "Die Mannschaft zieht im Training toll mit.“ Alle 23 Mann hätten sich nach der Partie gegen die Polen gemeinsam vom Publikum verabschiedet. „Das sagt ja alles über den Teamgeist."

Echte Bewährungsprobe für die Abwehr

Ob sich Kroatien aber von so viel Nächstenliebe im deutschen Lager wird beeindrucken lassen? Der ehemalige Bundesligaprofi Slaven Bilic wird sich kaum vom hohen deutschen Kuschelfaktor blenden lassen. Gleich sechs seiner Profis verdienen in der Bundesliga ihr Geld. Für Geheimnisse bleibt da wenig Raum. Man kennt sich.

Bilic wird deshalb aus einer massiven Deckung spielen lassen, seine ballgewandten Akteure Mladen Petric oder Luka Modric sollen dann ausschwärmen. Das Duo Mertesacker und Metzelder dürfte einer ersten echten Belastungsprobe unterzogen werden.

Nicht auszudenken, was passiert, wenn einer patzt. Der Kontrahenten Friedrich weist täglich seine vorzügliche Form nach. Die vom Trainerstab gern herangezogenen wissenschaftlichen Daten belegen bereits jetzt, dass beispielsweise der linke Außenverteidiger Philipp Lahm in Trainingsspielen heillos unterlegen – im Tischtennis.

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