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EM in England: Das Leiden der Anderen

Sie waren nicht vor Ort und doch dabei: Ohne eigenes Team hatten die Engländer während dieser Europameisterschaft plötzlich Zeit, einfach nur Fußball zu schauen. Und das hat einigen gar nicht so schlecht gefallen.

Von Cornelia Fuchs, London

Keine Tobsuchtsanfälle nach unverständlichen Schiedsrichter-Entscheidungen, kein halber Herzinfarkt nach verschossenen Freistößen und keine blutig gekauten Fingerkuppen nach unabdinglich verlorenen Elfmeterschießen - ohne eigenes Team konnten die Engländer in den vergangenen Wochen ungewohnt schmerzfrei ein internationales Fußball-Turnier verfolgen. Die Schriftstellerin A.S. Byatt, normalerweise leidenschaftlicher England-Fan, brachte es in einem Essay in der Tageszeitung "Guardian" auf den Punkt: "Ich fragte mich, ob die EM 2008 überhaupt spannend würde ohne unser Nationalteam. Tatsächlich war es viel erbaulicher, vielseitiger und interessanter als jedes Turnier vorher."

Und dann erzählt sie von Ballacks Gesicht beim Freistoß gegen Österreich, "eine verzogene Maske konzentriert atmender Energie, wie eine klassische Skulptur eines Windgottes". Oder die türkischen Tore in den letzten Minuten der Spiele gegen Tschechien und Kroatien - "die zufriedenstellendsten und euphorisierendsten Momente des ganzen Turniers, ja, die spannendstens Momente im Fußball, die ich je gesehen habe." Und warum war dieser Fußball so großartig, so episch, so rundum wohltuend? Weil die Engländer nach der ewigen Verzweiflung über die eigenen elf Männer und deren Unfähigkeit, mal wieder ein internationales Fußballturnier zu gewinnen, einfach nur Fußball schauen konnten. Und niemanden unterstützen mussten. Oder, wie A.S. Byatt es formuliert: "Unterstützen bedeutet ‚das Gewicht von etwas tragen."

Überall gibt es Hitlisten

Und dieses Unterstützen, allein im Sessel zu Hause, ist häufig ein sehr unentspanntes, unschönes Vorhaben. Es hatte schon immer etwas Seltsames, mit einem Problem im Fernseher konfrontiert zu werden, zu dessen Lösung ich überhaupt nichts beitragen kann. Außer zu leiden, natürlich. Von diesem Leiden haben sich die Engländer in diesem Sommer also eine Auszeit genommen. Und sie genossen es. Die Zeitungen schwelgen in den besten Momenten des Turniers. Überall gibt es Hitlisten: die tollsten Trainer (ein Wettkampf zwischen dem türkischen Fatih Terim mit seinen ausdrucksstarken Handbewegungen und dem stoisch ruhigen Luis Aragonés), die schönsten Tore (Schweinsteigers Treffer gegen die Türkei, eine "Mischung aus Kraft und klinischer Präzision"), die wildesten Fans (die Schweden, die freundlichsten Betrunkenen Europas).

Das Schönste, da sind sich die Kommentatoren einig: Am Ende gewinnt auch noch die Mannschaft, die es verdient hat. Und nicht die Deutschen, die, nach dem berühmten Ausspruch von Gary Lineker, eigentlich immer die Oberhand haben nachdem 22 Männer über 90 Minuten Spielzeit auf dem Rasen herumgerannt sind. Aber die Niederlage der Deutschen provoziert nicht die gewohnte Häme, ganz im Gegenteil. Ballack wird zum tragischen Helden des Turniers hochstilisiert, dem der Fußballgott ähnlich wenig geneigt zu sein scheint wie dem englischen Team.

Brunettes Brian-Jones-Double

Noch nicht einmal die ansonsten für ihre Schlagzeilen berühmte Boulevard-Zeitung "The Sun" greift zu einer ihrer Kriegs-Anleihen. Stattdessen erzählte Geoff Hurst, der "Hattrick-Held von 1966", warum er die Deutschen unterstützen wird: "Die Deutschen gewinnen sogar, wenn sie schlecht sind", schrieb er noch in der "Sun" am Samstag-Mittag vor dem Endspiel: "Das ist das Zeichen eines wirklich großartigen Teams. Wir haben sie so oft beleidigt in den vergangenen Jahren - weil wir ihnen so ähnlich sind." Und der Guardian bilanzierte: "Die Deutschen sollten niemals unterschätzt werden. Ok, das wussten wir schon - aber diesmal hat es dem Fass den Boden ausgeschlagen. Ein launischer und möglicherweise gestörter Torwart. Ein koketter, brunetter Brian-Jones-Doppelgänger als Trainer. Verteidiger-Zwillinge mit der Mobilität einer fleischfressenden Pflanze. Und trotzdem kommen sie ins Finale."

Die EM 2008 hat die englischen Fußballfans mit sich und ihrem Sport ins Reine gebracht. Und eine Frage aufgeworfen, die alle jetzt beantwortet wissen wollen: Warum spielen wir nicht so? So leidenschaftlich wie die Türken oder Russen, zum Beispiel? Oder einfach so wie Deutschland, zwar nicht immer toll, aber meist unter den letzten vier Mannschaften bei solchen Turnieren? Der neue Bürgermeister Londons, Boris Johnson, hat darauf in seiner heutigen Kolumne versucht, eine Antwort zu geben: "Meine Freunde, es ist unsere Schuld, und wenn wir besser werden wollen in diesem Sport, dann sollten wir aufhören, Fremde dafür verantwortlich zu machen, die unsere Liga dominieren. Wenn auf dem Hintern sitzen als Sportart anerkannt würde, dann wären wir Weltmeister."

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