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Fußball-Presseschau: Deutsche Mannschaft ist ein Rätsel

Die deutsche Mannschaft ist gegen die Türken spielerisch, technisch und taktisch unterlegen gewesen - trotzdem erkämpfte sie sich den Sieg. Die Türkei erfährt von allen Seiten Respekt - und die englische BBC bescheinigt den Deutschen die beste Siegermentalität aller Teams. stern.de und "indirekter Freistoß" blicken in die Gazetten.

Michael Horeni ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") macht sich auf die Suche nach der Ursache für den deutschen Sieg: "Die körperliche Präsenz, die Dynamik und Entschlossenheit, mit der das Team von Joachim Löw den Favoriten Portugal überrascht und verunsichert hatte - all das war gegen die Außenseiter aus der Türkei von Beginn nicht mehr so da, wie es nötig gewesen wäre. Die Rollen waren, und das wurde schnell klar, ganz einfach vertauscht. Die Türken waren von unbändiger Energie getrieben, sie ließen die Deutschen kommen und nutzten dann jede Unkonzentriertheit und Fehlerhaftigkeit zu schnellen Angriffen. Die Deutschen indes wirkten in ihrem nervösen und fahrigen Spielaufbau lange wie eine Mannschaft, die glaubte, mehr verlieren als gewinnen zu können. Lahm krönte einen deutsch-türkischen Fußballabend, an dem sich am Ende die typisch deutsche Tugenden durchsetzen, die im entscheidenden Augenblick dann doch mit den Deutschen und nicht mit dem türkischen Double waren."

Christian Gödecke ("Spiegel Online") wird und wird nicht schlau aus Löws Team: "Eine Mannschaft, die im Verlaufe dieses Turniers gestolpert ist, als man es nicht erwartete (gegen Kroatien). Die kämpferisch überzeugte, als man einen spielerischen Befreiungsschlag erhoffte (gegen Österreich). Die glänzte, als alle ein Kampfspiel befürchteten (gegen Portugal). Die sich nun so schwer tat, als alles für einen deutlichen Erfolg sprach. Und die dann doch noch zum 3:2 traf, als es keiner mehr für möglich hielt. Diese DFB-Elf hat in diesem Turnier nie getan, was man von ihr erwartet hat. Nur gewonnen hat sie am Ende meistens. Und so verblasst das Wie hinter dem Ergebnis, zum ersten Mal seit 1996 wieder das Endspiel einer EM erreicht zu haben."

Peter B. Birrer ("Neue Zürcher Zeitung")

fühlt sich prächtig unterhalten und findet Makel beim Gewinner: "Und wieder kam das Publikum im St.-Jakob-Park in den Genuss eines packenden K.-o.-Spiels. Der Halbfinal zwischen Deutschland und der Türkei war vor allem in der Schlussphase an dramatischen Momenten und unerwarteten Wenden fast nicht zu überbieten. Weil das späte Glück diesmal nicht den tapferen Türken, sondern den über weite Strecken enttäuschenden Deutschen lachte, stehen diese im Final. Für neutrale Beobachter entwickelte sich ein attraktives Wechselbad, das über das dürftige Rendement des deutschen Teams hinwegtäuscht. Der spätere Sieger bekundete vorerst erhebliche Mühe. Er fand sich in der Favoritenrolle nicht zurecht und musste den überraschend gut organisierten Türken besonders in der ersten Halbzeit mehr Spielanteile und Torchancen zugestehen. Er wirkte verunsichert und kam auch nicht in einen ruhigeren Zustand, als Schweinsteiger nach dem Pass seines Copains Podolski elegant zum 1:1 ausglich. (…) Einmal mehr rückte die Psychologie in den Vordergrund."

"L'Équipe" aus Frankreich stimmt ein, zeigt aber Verständnis: "Deutschland hat enttäuscht. Es ist ein Rätsel, wie diese Mannschaft die guten und die schlechten Vorstellungen vereint. Diesmal konnten die Spieler von Joachim Löw sich nur mit den Mitteln der Vergangenen behelfen, soll heißen: mit ‚dem Deutschen', ohne jedwede Ästhetik. Man hatte viel von der Mannschaft erwartet, doch sie bot nur eine weitere erschöpfte Vorstellung - allen voran Kapitän Michael Ballack. Er wirkte schwerfällig im Vergleich mit den Türken. Er war kurzatmig, obwohl er gegen Portugal noch stark gespielt hatte. Man kann den enttäuschenden Start der Partie mit dieser physischen Schwäche der Deutschen erklären, aber das Mentale hat sicherlich auch eine große Rolle gespielt. Sie waren Favoriten gegen eine wundersame türkische Mannschaft, die nichts zu verlieren hatte. Und so blieben sie lange Zeit gehemmt in einem Spiel, das sie auf jeden Fall gewinnen mussten, und in dem ihnen keiner eine Niederlage verziehen hätte. Es war eine äußerst unangenehme Ausgangslage."

"Le Monde"

bekundet beiden Seiten großen Respekt: "Die Niederlage kann die Türken nur sehr traurig stimmen. Ein weiteres Mal haben sich die Männer von Fatih Terim einen Namen im Fußball gemacht, indem sie ihn zu dem zurückführten, was er wirklich ist: ein Spiel, das in jedem Moment in der Lage ist, sich zu drehen; eine Zusammenballung von Emotionen. Aber gegen einen Gegner der genauso fähig war, im richtigen Moment die Leidenschaft zu entzünden, mussten sich die Türken in den erschöpfenden Schlussminuten beugen. (...) Schon im Sterben liegend qualifizierte sich Deutschland nicht unverdient für das Finale, indem es seine Stärke, auf schwierige Situationen zu reagieren, und seine Offensivkraft unter Beweis gestellt hat. Aber diese Partie vermindert dennoch nicht den großartigen Eindruck, den die Türkei hinterlässt, deren nie endender Mut als Erinnerung an diese Europameisterschaft bleiben wird."

Der Live-Blog der BBC

fasst das Spiel in einer wunderbaren Sentenz zusammen: "Wenn es ein Team gibt, das mehr darüber weiß, wie man Spiele in der letzten Minute gewinnt, dann ist es Deutschland. Meister gegen Lehrjunge."

Christian Eichler ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") bewertet Podolski zweischneidig: "Podolski bleibt in jedem Fall der unterhaltsamste Spieler dieser EM auf deutscher Seite. Unterhaltsam, das gilt im Angriff wie in der Abwehr. Denn in beiden Rollen, die er auf seiner neuen Position im linken Mittelfeld ausüben muss, ist er immer für Torgefahr gut. In der Defensivbewegung schläfrig und ohne Blick dafür, welchen Gegenspieler er nehmen muss und wen sein Partner Lahm nimmt - in der Offensivbewegung aber explosiv und hellwach wie ein Raubtier."

Im "Tagesspiegel" heißt es: "Der größte Skandal der Fußballgeschichte: Eines der Ballkinder hatte Lahm vor dem Spiel in der Kabine eingesperrt, sein Trikot angezogen und sich aufs Feld geschmuggelt. Anders lässt sich der Auftritt der deutschen Nummer 16 in der ersten Halbzeit nicht erklären." Spiegel Online ergänzt: "Lahm war typisch für das deutsche Spiel. Unerwartet schlecht, aber im wichtigsten Moment da. Ballack gelang nichts. Hätte er nicht in der ersten Hälfte Metzelder und Mertesacker zusammengestaucht, man würde sich wohl wundern, dass sein Name auf dem Spielberichtsbogen auftauchte."

In der "Süddeutschen Zeitung"

lesen wir: "Friedrich hatte mit dem Linksverteidiger Hakan mehr Probleme als vorige Woche mit dem galaktischen Linksaußen Cristiano Ronaldo. Wurde im Spiel nach vorne mehrmals bei seiner Lieblingsbewegung erwischt: preschte energisch vor, guckt energisch, stellt dann energisch den Fuß auf den Ball und spielt energisch zurück. Lahm: immer wieder gute Aktionen, machte dennoch einen ungewohnt gestressten Eindruck und verlor spektakulär häufig Zweikämpfe. Sensationell sein Siegtreffer in letzter Minute. Mertesacker wirkte mitunter so, als wäre er nicht nur 196 Zentimeter lang, sondern auch 196 Kilogramm schwer. Schlampige Abspiele. Bei näherer Betrachtung seines Mienenspiels musste man an einen Studenten denken, der an der Examensaufgabe leidet. Empfahl sich in seinem 48. Länderspiel zum ersten Mal für eine Auswechslung. Hitzlsperger leitete mit einem jener Pässe, die Klinsmann ‚vertikal' getauft hat, den Ausgleich ein. War auch sonst mit vielen direkten Pässen der schnelle Umschalter von Abwehr auf Angriff, den Löw sich wünscht. Der kreativste, produktivste und konstanteste unter den Mittelfeldspielern. Frings war als Kämpfer und Zerstörer gefragt - und deshalb auch eine sehr wertvolle Ergänzung."

Die "Berliner Zeitung"

fügt an: "Metzelder wankte durch den Strafraum wie eine Warnboje auf hoher See. Seine Orientierungslosigkeit übertrug sich auf die ganze Abwehr. Die Lücken in der Defensive waren größer als die Sahara und Sibirien zusammen. Lahm zeigte ungewohnte Unsicherheiten. Steigerte sich in der zweiten Hälfte mit Vorstößen, hätte einen Elfmeter für und gegen sich bekommen müssen. Mit Lehmann schwach vor dem 2:2. Machte alles durch sein Tor wett. Ballack schien gedanklich schon bei der Pokalübergabe in Wien zu sein - oder zumindest am Pastabuffet nach dem Spiel. Klose fand lange überhaupt nicht ins Spiel, erhielt kaum Anspiele. Nicht wiederzuerkennen gegenüber früheren Leistungen. So grau wie das Kostüm von Kanzlerin Merkel. Doch auf seine Kopfballstärke ist eben Verlass, auch wenn ihm Rüstü beim 2:1 höflich den Vortritt ließ."

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