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Fußball-Presseschau: Gegen Allah ist Beckenbauer eine Krippenfigur

Heute geht es um mehr als den Einzug ins Finale. Das Spiel zwischen der Türkei und Deutschland ist ein "Halbfinale mit Integrationshintergrund". stern.de und "indirekter freistoß" blicken in die Gazetten.

Matthias Drobinski (Süddeutsche Zeitung) bemalt die Projektionsfläche Fußball: "Millionen Deutsche, Deutschtürken und Türken in Deutschland werden ihr Leben, ihre Träume und Sehnsüchte in einem Spiel wiederfinden. Das gilt für die Deutschen, die nicht mehr die Rumpelfußballer der Welt sein wollen und darauf hoffen, dass die Nationalmannschaft ihre Sehnsucht nach Leidenschaft und Eleganz erfüllt. Das gilt noch mehr für die Türken im Land, für die Triumph und Leid ihres Teams ein Bild der eigenen Lage ist: Da ist eine Mannschaft ganz unten, trotzdem erkämpft sie sich immer wieder den Sieg in letzter Minute, steckt alle Verletzungen weg, widerlegt alle Experten, die den Türken nicht mehr zugetraut haben, als ebenso leichtfüßig wie leichtfertig unterzugehen. Es ist der Triumph der Gedemütigten, derer, die kaum jemand ernstgenommen hat. Fußball ist aber noch mehr als ein Spiegelbild der Realität. Fußball ist offen - die Leute gehen ins Stadion, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht. Diese Offenheit unterscheidet das Spiel von der Wirklichkeit. Im richtigen Leben fällt es vielen Türken in Deutschland schwer, den gleichen Bildungsgrad, den gleichen Lebensstandard und die gleiche Anerkennung zu bekommen wie die Deutschen - schon bei Geburt liegen sie quasi mit 0:1 zurück, müssen immer ein bisschen schneller laufen und härter kämpfen. Ein Fußballspiel beginnt dagegen mit 0:0, und immer hat das Unerwartete seinen Platz: der Außenseitersieg, das Tor in der letzten Minute, der Keeper, der im Elfmeterschießen den Ball doch noch mit den Fingerspitzen um den Pfosten lenkt. Das Spiel öffnet also den Türken in Deutschland für eine Nacht das Tor zu einer anderen Wirklichkeit, einer Wirklichkeit, in der sie gleich und gleichwertig sind, während sie sonst den Unterschied spüren."

Berthold Kohler (Frankfurter Allgemeine Zeitung) erkennt mangelnde Assimilation und Versäumnisse der deutschen Politik: "Deutschland hat von seiner größten Einwanderergruppe viel zu lange keine Eingliederungsanstrengungen verlangt - weil die Multikulti-Ideologen lieber die Deutschen umerziehen wollten und die bürgerlichen Parteien die irrige Hoffnung hegten, die ‚Gastarbeiter' würden schon wieder wegziehen. Doch hätte auch nicht jeder Türke so gut Fußball spielen müssen wie Altintop, Podolski oder (meistens) Gomez, um sich aus eigenem Antrieb so in Deutschland einzufügen wie die Polen, Italiener und Spanier, die hier leben. Fußballer können, wie gesehen, sogar noch schöne Tore schießen, wenn in ihrer Brust zwei Herzen schlagen. Ein Staat aber, der in seinem Inneren sich verfestigende Parallelgesellschaften toleriert, geht schweren Zeiten entgegen. Der türkische Fahnenwald in Deutschland ist - bei allem Respekt vor den patriotischen Empfindungen derjenigen, die rotweiß flaggen - ein Menetekel für diese Republik. Der Türkei freilich kann man zu solchen Bürgern nur gratulieren."

Jan Christian Müller (Frankfurter Rundschau) nimmt einen Pro-Integrations-Film des DFB und die wohlmeinende Rhetorik der Verantwortlichen zum Anlass, die praktizierte Abschottung der Nationalmannschaft zu kritisieren: "Die Fortschritte unter Theo Zwanziger sind unverkennbar. Das ist ebenso gut wie überfällig. Auch Oliver Bierhoff hat sich zu dem Spot geäußert: ‚Wir sind uns der Verantwortung als Nationalmannschaft bewusst.' Leider ist von diesem Bewusstsein im Trainingscamp im Tessin nichts zu spüren. Unmittelbar neben dem verdeckten Übungsgelände des DFB trifft sich die Jugend Europas zum gemeinsamen Campen und Sport treiben: Hunderte Teenager nur einen Spannstoß vom Platz entfernt und in Wahrheit doch viel, viel weiter weg. Es hätte natürlich etwas Mühe gekostet - 60 Minuten als Stunde der Offenen Tür zum Beispiel -, das Ansinnen des Präsidenten und das Versprechen des Managers glaubwürdig mit Leben zu füllen. Eine Geste des Respekts nur. Diese Mühe waren auch die Gastgeber und deren Familien aus Ascona und Tenero dem DFB nicht wert. Völkerverständigung ist mehr als ein zweiminütiger Werbespot. Im deutschen Kader stehen eine Menge weltoffener Profis. Aber wenn sie das Tessin verlassen, gehen sie als Geistermannschaft."

Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) wählt die Überschrift "Bruder-Duell und" macht die Deutschen auf ihre Ähnlichkeit zu den Türken aufmerksam: "Die Binsenwahrheit, wonach die Deutschen erst geschlagen sind, wenn sie im Kabinengang stehen, scheint für die Türken unter Fatih Terim in verstärktem Masse zu gelten: Wer diese Mannschaft in den letzten drei Spielen erlebt hat, der könnte meinen, sie gebe ein Spiel erst dann verloren, wenn der Mannschaftsbus das Hotel erreicht hat. In der Nachspielzeit schlug jeweils ihre Stunde. Und im Duell vom Punkt zeigte sie sich so nervenstark wie die Deutschen, die Hohepriester des Elfmeters. Diese Disziplin frappiert Außenstehende, die sie als Vertreter orientalischer Lässigkeit wähnten. Auch die körperliche Präsenz würde den deutschen Abwehrrecken gut anstehen. Wenn Deutschland heute auf die Türken trifft, dann spielt die Mannschaft gegen einen fußballerischen Wiedergänger. Mögen sich Deutsche und Türken trotz der mehr als 40-jährigen Geschichte der Gastarbeiter noch immer fremd sein, so legt der Fußball den Schluss nahe, dass zumindest die eine Seite die Werte der anderen dankend aufgesogen hat."

Michael Horeni (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

befasst sich unter dem Titel "Szene einer Vernunftehe" mit dem pragmatischen Verhältnis zwischen Joachim Löw und Michael Ballack: "In den letzten Tagen ist um die Nationalelf ein Deutungsstreit erkennbar geworden, der sich sozusagen um die Frage des Urheberrechts des Erfolgs dreht, um die taktische Veränderung, die gegen Portugal so hervorragend wirkte. Es ist eine unglücklich geführte Diskussion, und das liegt daran, weil sie auch die Machtfrage im Team berührt. Ballack und Löw haben in dieser Frage bisher keine einheitliche Linie gefunden, und so gaben die Hauptfiguren in diesen Tagen nur wortreiche, aber unpräzise Erklärungen ab, die nicht recht zusammenpassen wollten. (…) Löw schätzt die sportliche Entwicklung, die Ballack durch seinen Wechsel in die Premier League genommen hat, außerordentlich. Bei der WM 2006 betrachteten Löw, damals schon für die Taktik zuständig, und Klinsmann den Kapitän als ‚Kind der Bundesliga', als einen Spieler, der stark von den routinierten Abläufen der Liga geprägt worden sei. Nun ist Ballack, gereift und gestärkt, bei Chelsea. Er hat sich zu einem eigenständigen Macht- und Kraftzentrum entwickelt."

Markus Völker (tageszeitung)

verweist auf die Unterstützung, die die Türkei erfahren wird: "Dass die Deutschen leichtes Spiel haben, könnte sich als Trugschluss erweisen, denn das türkische Team wittert eine historische Chance. Es handelt quasi im nationalen Auftrag. Die Kicker in den roten Leibchen sind nun keine normalen Fußballspieler mehr, sie sind Botschafter mit Stollenschuhen, Abgesandte eines EU-Prätendenten. Ja, selbst Allah ist mit im Spiel, hat er doch der Nationalelf und, nicht zu vergessen, dem türkischen Volk die späten Tore gegen Tschechien und Kroatien geschenkt. Allah ist groß, Allah ist mächtig, gegen ihn ist der Fußballheilige Franz Beckenbauer nur eine lächerliche Krippenfigur."

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