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Schweizer EM-Aus: Ottmar hilf!

Die Schweizer haben sich von einem großen Traum verabschiedet: Gegen die Türkei flogen sie aus dem EM-Turnier. Auf den zukünftigen Nationalcoach Ottmar Hitzfeld wartet viel Arbeit - und kein ruhiger Job auf dem Weg ins Rentnerdasein.

Von Oliver Trust

Auch eine Kuh kann traurig aussehen. Eine Schweizer Kuh auf alle Fälle. An so einem Tag wie heute. Am Tag danach, da in der Zeitung steht: "Abgesoffen" und "Schluss, Aus, Vorbei" oder "Wir sind die Europameister-Pechvögel". Die Kaubewegungen der produktivsten Kräfte der Schweizer Milchwirtschaft sind nicht so rund wie sonst und der Schwanz zuckt nervös hin und her, weil die Fliegen viel mehr nerven als nach einem Sieg. Nun gab es das 1:2 gegen die Türkei, mit dem "Schock-Tor" in der 92. Minute.

Das Schweizer Hauptquartier oben in Feusisberg erschien wie die Niederlassung einer Trauergemeinde. Alle schauten traurig drein, so sehr sie sich auch bemühten, den Blick mutig nach vorne zu richten, brav und tapfer die guten Gastgeber zu spielen, die sich unheimlich auf das letzte Spiel am Sonntag gegen Portugal freuen - und in dem es für die Schweiz um nichts mehr geht. Es wird der Tag des Abschiedes werden. Der von der Euro 2008, der vom einem großen Traum und der von Nationaltrainer Jakob "Köbi" Kuhn.

Mit einem Mal zerplatzten alle Träume

"Endstation Wien steht auf dem Mannschaftsbus. der helvetischen Kicker. Nun wird die Hauptstadt des Partnerlandes "für die Schweizer Fussball nicht mehr als ein Touristenziel sein", wie der "Tagesanzeiger" schrieb. Mit einem Mal zerplatzten alle Träume. Und die EM dauerte für die Schweiz nach mehr als zwei Jahren harter Arbeit und Vorbereitung genau fünf Tage.

Es wird schnell ans Aufräumen gehen. Schon in der Nacht nach der Niederlage, die ein ganzes Land für Stunden im Zustand der Depression verharren ließ. Die Fanzonen waren in Windeseile leer, man trocknete die Tränen auf dem Heimweg. Der Schweizer randaliert dann nicht, man brüllt nicht den Frust in die Dunkelheit hinaus, man geht, gesenkten Hauptes, still, leise und ordentlich und wartet aufs nächste Mal.

Wen man auch fragte an diesem Abend, die Worte "tiefe Enttäuschung" kamen jedem über die Lippen. "Schade", sagte Diego Benaglio der Wolfsburger. "Wir müssen weiter machen bis Sonntag, das sind wir unseren Fans schuldig", meinte Hakan Yakin, der Ex-Stuttgarter, der das 1:0 schoss, und wie Lukas Podolski (polnische Wurzeln) nicht jubelte, weil seine Familie aus der Türkei stammt. Und einer rief nach dem Retter, der bald kommen wird, und nun alle Hoffnungen auf sich vereinigt, die man nach einem solchen Niederschlag haben kann. "Wir freuen uns auf Hitzfeld. Nach acht Jahren brauchen wir eine neue Art", sagte der Stuttgarter Ludovic Magnin, der wegen Alex Freis Verletzung Kapitän sein durfte, und den türkischen Ausgleich mit verschuldete, weil er auf Sehmih Sentürk nicht aufpasste. "Seit acht Jahren haben wir die Routine, die uns viel Erfolg gebracht hat. Wenn der Misserfolg da ist, muss jemand anders kommen"

Schweizer Mannschaft ist in einer Sackgasse angekommen

Trotz aller Nostalgie, die den Abschied bestimmte, man fühlt sich in der Schweiz auch in einer Sackgasse angekommen. Den Karren nun zurücksetzen, wenden und nach vorwärts fahren das muss nun Ottmar Hitzfeld leisten. Diesen Druck, es zu einer WM zu schaffen, hat ihm Köbi Kuhn, der erfolgreichste Nati-Coach, hinterlassen. "Hitzfeld hat genug Erfahrung mit Druck Wir jedenfalls wollen nach Südafrika", sagte Magnin.

Hitzfeld also muss einen Neustart des Schweizer Fußballs organisieren, was nicht nur auf den ersten Blick mindestens so schwierig erscheint, wie mit Bayern München die Champions League zu gewinnen. Ein ruhiger Job auf dem Weg ins Rentnerdasein erwartet den ehemaligen Münchner nicht. Ein Paradies für "Auslaufmodelle der Trainergilde" wird die Schweiz kaum werden nach dem "Brutalen Ende aller Träume", auf das man vorbereitet schien. Die Zeitungen auf alle Fälle und die Kühe oben in Feusisberg, die gegen Mittag - als die Nati nach einem öffentlichen Training noch eine Pressekonferenz gab - schon wieder entspannt in die Sonne blinzelten, die sich durch Wolken und Nebel kämpfte.

Nüchtern betrachtet lautet das Schweizer EM-Motto: Es ist schief gelaufen, was schief laufen konnte. Das reicht vom Wetter, über Verletzungen wichtiger Stammspieler bis hin zur schweren Erkrankung der Ehefrau von Köbi Kuhn, Alice Kuhn. "Wir haben zweimal unglücklich verloren", sagte Kuhn und fing an, sich für seine Personalentscheidungen zu rechtfertigen. Vielleicht spürte er schon am Abend der Enttäuschung, dass man nun auch ihn aufs Korn nehmen wird.

Man wird Kuhn Fehler aufrechnen

man wird ihm zu wenig Mut für einen wirklichen Umbruch nach der enttäuschenden WM 2006 vorwerfen, als man nach einem erbärmlichen Elfmeterschießen gegen die Ukraine ausschied. Man wird ihm vorwerfen, mehr Vaterfigur als Visionär gewesen zu sein. "Vielleicht hätte ich Johan Vonlanthen früher bringen sollen, vielleicht", orakelte Kuhn. Und: "Man kann darüber nachdenken, was ich auch getan habe, ob man auf Unentscheiden hätte spielen sollen. Aber ich wollte dieses Spiel gewinnen. Die Chance weiterzukommen, wäre mit einem Unentschieden so gering gewesen."

Vor Monaten sortierte er ältere Stars wie Ciriaco Sforza, und Johann Vogel aus, ebnete den Weg für den Nachwuchs. Philippe Senderos, Tranquillo Barnetta und Gökhan Inler kamen, und man erreichte das WM-Viertelfinale 2006. Fürs schlechte Wetter, den Regen, den Nebel und die vielen Verletzten aber kann Kuhn nicht schuld sein. Wichtige Stützen fielen aus. Sein verletzter Kapitän Alex Frei zur Halbzeit im ersten Spiel, Stürmer Marco Streller mit Leistenbruch vor dem zweiten und Tranquillo Barnetta (Leverkusen), den eine zweiwöchige Verletzungspause vor der EM völlig aus der Bahn warf.

Vielleicht, so meinten manche, reiche das Potential der Schweiz für mehr einfach nicht aus. Es wird auf alle Fälle ein harter Job für Ottmar Hitzfeld, dem Mann, der Köbi Kuhn nun folgt.

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