Slaven Bilic Rocker an der Seitenlinie


Tattoos schmücken seinen Körper, er spielt E-Gitarre und komponiert Rocksongs: Privat liebt Slaven Bilic das wilde Leben. Als kroatischer Nationaltrainer fordert er jedoch Disziplin von seinen Spielern und setzt auf Reformen - mit Erfolg. Bilic hat es geschafft, eine neue Euphorie in seinem Land entfachen.
Von Oliver Trust, Split

Vieles klingt ungewöhnlich, wenn es um Slaven Bilic geht, nicht nur, dass man ihn in Kroatien den Reformer nennt, weil er für einen Neuanfang mit jungen Talenten sorgte und die Taktik des Nationalteams modernen Ansprüchen anpasste. Wenn Bilic Bundesliga schaut, sitzt er in einem Cafe in Split und schaut die Konferenz aller Spiele. Split ist sein Revier. Hier ist er geboren und hier gab er neulich auf dem Dach eines Gebäudes ein Konzert mit seiner Band Hardrock "Rawbau".

"Der reine Wahnsinn" und "Hitzköpfe"

Bilic ist Heavy-Metal-Fan und der neue Song, für eine Brauerei geschrieben, passt bestens zum kroatischen Fußball. "Der reine Wahnsinn" (Vatreno Ludilo) heißt er. In Kroatien heißen die Fans des Nationalteams "Hitzköpfe" (Vatreni). Die kennen kein Pardon, wenn es um ihr Nationalteam geht. Es klingt ziemlich martialisch, wenn man im Stadion ihre Gesänge hört. Fußball ist in Kroatien eine ernste Sache, auch in der Liga, und im Nationalteam umso mehr. Die neue Euphorie ist vor allem sein Werk.

"BAP-Triumphirat"

Bilic spricht immer noch gut Deutsch. Erstaunlich gut, dabei hat er nur einmal in Deutschland gespielt. 1993 bis in den Winter 1995 hinein - beim Karlsruher SC. "Alles dort gelernt", sagt er. "Aber ich vergesse so viel. Ich bräuchte mal drei, vier Wochen dort, dann ging es bestimmt wieder besser." Der Mann, der einen Abschluss in Rechtswissenschaften machte, aber hat für Sprachkurse wenig Zeit. Wenn es mit dem Deutsch hapert, spricht er Englisch. Nach Karlsruhe spielte er bei West Ham United und dem FC Everton. Seit dem 25. Juni 2006 ist er Nationaltrainer. Damals schimpfte ganz Kroatien über die Versager der WM 2006 in Deutschland. Bis er kam, den die Fans zuerst misstrauisch beobachteten.

Man hat ihm nicht viel zugetraut damals. U-21-Trainer war Bilic zuvor. Aber es schien ein kalkulierbares Risiko. Bilic war noch kein großer Trainer, aber einer mit einer Idee, was ihm in dieser Anfangszeit voller Zweifel durchaus half.

Ohne Erfolge in der EM-Qualifikation wäre er seinen Job längst wieder los: "Die haben alle gedacht, ich bin gleich wieder weg." Bilic aber erkannte, dass sich etwas ändern muss im kroatischen Fußball. Er holte sich Hilfe. Es dauerte, bis er die kroatischen Fußball-Legenden Robert Prosinecki und Aljosa Asanovic überredete, in seinen Trainerstab zu kommen. Nun nennt man sie das "BAP-Triumphirat" (Bilic-Asanovic-Prosinecki). Bilic ist der Chef, aber es hilft, wenn Männer im Team stehen, deren Wort im kroatischen Fußball etwas zählt.

Mit Geduld zum Erfolg

Und so war der Systemwechsel vom 3-5-2 zum 4-4-2 eine gemeinsame Entscheidung, der dem Team neue Stabilität brachte. Ebenso wie der behutsame Wechsel des Personals. Bilic und Co. bauten nach und nach junge Talente ein. Zum Beispiel Mittelfeldstar Luka Modric, der jüngst für 26 Millionen Euro zu Tottenham Hotspurs wechselte. Oder Vedran Corluka (21/Manchester City), der junge Linksverteidiger, oder Niko Kranjcar (23/Portsmouth) im Mittelfeld. Bilic schuf nicht nur einen neuen Teamgeist, sondern legt Wert auf eiserne Disziplin.

Für jeden Gegner legt er ein spezielles Konzept vor, das die Mannschaft umsetzen muss. "Man kann nicht alles an einem Tag oder in einer Woche schaffen, aber man kann mit guten Argumenten überzeugen", sagt Bilic. Ein gutes Argument war das das 3:2 in London, das England mit die Qualifikation für die EM kostete. Schnelles Spiel über die Flügel und Seitenwechsel hatte Bilic angeordnet, weil man dort die Schwächen der Engländer sah. Die Partie in England war so etwas wie eine Übungseinheit. Kroatien war schon qualifiziert, trotzdem legte man sich ins Zeug.

Keine Angst vor großen Namen

Bilic ist erst 39 Jahre alt und genau das sieht er als Vorteil. "Ich als junger Trainer habe das Gefühl, ich kann meine Spieler besser verstehen. Es ist eine Ebene, auf der wir uns unterhalten", sagt er. "Aber auch ich brauche Erfolg." Die Botschaft kommt bei seinen Spielern an. So lobt der junge Corluka, einer der Gewinner der Bilic Reform, den neuen Trainer: "Bilic glaubt an uns und unsere Stärken. Er hat uns eingeschworen, und wir stehen vorbehaltlos hinter seiner Arbeit. Wir ziehen gemeinsam an einem Strang und gehen durch dick und dünn."

Das Fußball-Paradies hat Bilic allerdings nicht ausgerufen. So verteilte Bilic saftige Geldstrafen, als drei Spieler vor den Begegnungen gegen Andorra und England den Zapfenstreich überzogen. Das brachte ihm Respekt ein, weil auch namhafte Akteure seines Teams darunter waren. "Egal", sagt er, "ob dich die Leute mögen oder nicht. Wenn du offen und gradlinig bist, dann respektieren sich dich."

Reformer Bilic plant die Zukunft

Ganz Kroatien hofft auf Bilic und seinen neuen Weg. Seit 1998, als die Kroaten beim 3:0-Sieg im Viertelfinale Deutschland böse vorführten, schied die Mannschaft nach enttäuschenden Leistungen meist früh aus. Bei der WM 1998 in Frankreich gab es den bis heute legendären dritten Rang, den größten Erfolg des kroatischen Fußballs. "Vielleicht", sagt er vorsichtig, "sind wir heute ein Stück weiter im Kopf als damals. Sicher ist, diese junge Mannschaft steht noch nicht am Ende ihres Weges, ich erwarte Großes von ihr." Ohne es offen zu sagen, schon bei der EM. Nationaltrainer Slaven Bilic hat ebenfalls noch nicht fertig. Erst vor kurzem schlug er ein Angebot des Hamburger SV aus und verlängerte seinen Vertrag als kroatischer Nationalcoach um zwei Jahre bis 2010, dem Jahr der nächsten WM. Als der HSV lockte verbesserten die Kroaten ihr Angebot noch einmal. Ohne den Reformer Bilic geht es im kroatischen Fußball nicht.


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