Niederlande - Frankreich "Elftal" demontiert Frankreich


Die Niederlande haben es geschafft: Durch eine 4:1-Galavorstellung gegen Frankreich erreicht die "Elftal" vorzeitig das Viertelfinale. Der Vizeweltmeister hat es dagegen nun nicht mehr in der eigenen Hand, das EM-Aus zu verhindern.
Von Albert Eikenaar

Remy Poppe aus Utrecht hatte kein Vertrauen mehr in die Oranje-Mannschaft. Lieber blieb er zu Hause auf der Couch, um den Untergang der niederländischen Nationalelf mitzuerleben, gratis, statt nach Bern zu fahren und ein paar hundert Euro für ein Ticket auf dem Schwarzmarkt zu blechen. Darum hockte er Montagabend in skeptischer Stimmung, gemeinsam mit ein paar Nachbarn, beim Bier vor der Glotze, um sich das Spiel der Niederländer gegen Weltmeister Italien anzusehen. Doch schon vom ersten Moment an entwickelte sich alles anders als gedacht. Die Männer in Remys Reihenhäuschen öffneten euphorisch eine Pulle Pils nach der anderen. Aus gutem Grund. Was sich da vor ihren Augen auf dem Flachbildschirm vollzog, war nicht zu fassen: ein neues Wunder von Bern. Oranje zerbröselte "einfach so" das italienische Team, die Fetzen flogen Donadonis Edeltruppe um die Ohren. Wer hatte mit solchem Galafußball der Niederländer gerechnet?

Nicht Remy, nicht seine Freunde und sicher auch nicht die 7,2 Millionen niederländischer Fußballfans, die fasziniert vor dem Fernseher festgekettet schienen. Denn die Überraschung war um so größer, weil im Anlauf zur Europameisterschaft "Bondscoach" Marco van Basten nicht gerade erfolgreich gewesen war.

Der streitbare Bondscoach

Er legte sich mit Spitzenspielern wie Van Bommel, Makaay, Seedorf oder Davids an und verärgerte sogar Torjäger Van Nistelrooy, der später wieder nach einem guten Gespräch "in Gnaden" aufgenommen wurde. Es gab keinen Grund, sehr positiv über die Chancen von Oranje zu sein. Hartgesottene Oranjefans wie Remy wendeten sich enttäuscht von Van Basten ab. Nie gab es so wenige Niederländer, die den Teamchef unterstützten. Und genau darum fuhr Remy und viele andere mit ihm nicht nach Bern, um dort "live" zu erleben wie "Holland" von Italien in die Pfanne gehauen werden würde. Welcher Schmerz, welche Scham. Eine totale Fehleinschätzung. Nicht die Italiener, sondern die Niederländer waren es, die nach 90 Minuten beispiellosem Kicken den "historischen" Sieg jubelnd auf ihr Konto schreiben konnten. Wer hatte davon vorher geträumt? Aber es war die knallharte, sei es märchenhafte, Realität.

Galaauftritt auch ohne Robben

Der Bierkasten war längst leer, als sie Marco van Basten im Fernsehen bei seinem ersten Interview nach dem Spiel sagen hörten, "unglaublich stolz" zu sein und "neue Perspektiven zu sehen". Andererseits warnte er vor zuviel Jubel, Trubel und Heiterkeit. Sein Motto: nüchtern bleiben, abwarten, zuschlagen! Das unerwartete Traumergebnis schlug in der niederländischen Fußballgemeinde tatsächlich ein wie eine Bombe. Alle, die gemeint hatten, dass Oranje den Bach runter gehen würde, stellten sich nun hinter Van Bastens' Auswahl. Er hatte nicht mal die besten niederländischen Spieler zur Verfügung gehabt, denn Arjen Robben, der quirlige Stürmer, Robin van Persie, der geniale Techniker waren verletzt, sind aber fast wieder spielbereit. Van Basten hält sie als Geheimwaffe in der Hinterhand.

4-2-3-1 als Erfolgsrezept

Welche Rolle hatte das neue technische System, das Van Basten kurzfristig einführte? Traditionell spielte Holland in der 4-3-3 Aufstellung, mit zwei Flügelstürmern und einem Torjäger. Van Basten schien von diesem Stil überzeugt, eingeflüstert von dem niederländischen Fußballübervater Johan Cruyff. Im Frühjahr ließen jedoch sieben Stammspieler durchblicken, dass sie dieses Konzept für nicht länger zeitgemäss und für einen "Anachronismus" hielten. Van Basten sollte modernisieren und zwar so, dass die Spieler auf Positionen eingesetzt werden, die sie auch bei ihren Klubs, Traditionsvereinen wie Real Madrid, Arsenal, Chelsea, HSV haben. Der Trainer ging von diesem Druck in die Knie - und siehe da, Oranje spielt in dem 4-2-3-1 Muster wie neugeboren, frisch, voller Überzeugung, überlegen. Mit Power und Kreativität. Van Basten: "Gegen Italien gab es keine Schwachstellen. Jeder hat seine Aufgabe zu aller Zufriedenheit erfüllt".

Engelaar der Shooting-Star

Ein Spieler bekam insbesondere von Van Basten und auch von den Medien großes Lob: der bislang fast unbekannte Orlando Engelaar. Er war der König, die Schachfigur, der schonungslose Alleinherrscher, der Feldmarschall auf dem Mittelfeld, als Schaltstelle in alle Richtungen. Er legte die Bälle kurz quer, tick-tack oder gab millimetergenaue lange Pässe präzise auf die Füße der Stürmer.

Mit einer atemberaubenden Leichtigkeit. Als einziger spielt er bei einem niederländischen Provinzklub: FC Twente, wechselt aber mit seinem Chef Fred Rutten in der nächsten Saison zu Schalke 04. Obwohl er erst siebenmal für die Nationalmannschaft eingesetzt wurde, war das für ihn kein Grund, die italienischen Maestro's, die großen Namen zu fürchten. Er versetzte die großen wie Gattuso, Di Rossi, Pirlo und Ambrosini in Angst und Schrecken. Der schlaksige, 1,96 Meter lange Orlando Engelaar behielt den Überblick und vor allem die Ruhe. Er war es, der die Oranjekampfmaschine in Trab hielt. "Eine grandiose Leistung" lobte ihn Ruud van Nistelrooy.

Ein Volk in Oranje

Der preziöse Sieg bekam Anerkennung in ganz Europa. Keiner rechnete mit so einem erfolgreichen Start der Niederländer. Wer hatte schon auf sie getippt? Am Montagabend schlug die Stimmung total um. Von gelassener Zurückhaltung in überschwengliche Euphorie. Oranjefans suchten wieder ihre oranjefarbenen Kleidungsstücke, Hüte und Mützen heraus, überall hingen wie von Zauberhand Fahnen, Spruchbänder mit aufmunternden Texten, ganze Straßenzüge wurden in orangenes Plastik eingehüllt. Die Wirtschaft gewinnt hunderte von Millionen mit ihren Fußballartikeln, zum Essen, Trinken, Kleiden. Andererseits wurde weniger gearbeitet. Denn am Arbeitsplatz gibt es nur noch ein Thema: Die Auferstehung der kränkelnden Oranje-Elf.

Die Oranjewelle zeigt auch negative Nebenwirkungen. Viele melden sich ganz plötzlich krank: Oranje-Fieber. Manche Firmen akzeptieren das nicht und setzen Privatdetektive oder andere Kontrolleure ein, um das Wegbleiben zu überprüfen. Aber es gibt Arbeitgeber, die ihre Mitarbeiter nicht vergrämen wollen und ein Auge zudrücken. Remy Poppe nimmt sich ein paar Tage Urlaub und versucht fieberhaft, Kärtchen für die zwei Gruppenspiele zu ergattern. "Wenn's gelingt, fahre ich nach Bern".

100.000 Holländer fahren nach Bern

In der Schweizer Hauptstadt haben die Behörden schwere Zeiten. Sie rechneten mit einem Zulauf von 30.000 bis 50.000 Fans, aber inzwischen können es 100.000 werden, meldet De Telegraaf. Ob der Bundesplatz diese Menge fröhlicher Oranje-Verrückter verkraften kann, ist die Frage. Ein dritter Freiluft-Bildschirm wird in aller Eile aufgestellt werden müssen. Ob es genug Fluchtwege gibt, im Notfall? Keiner will mit solchen Fragen das Oranjefest verderben. Die Masse ist davon überzeugt, dass die "Französischen Hähnchen" Freitagabend im eigenen Fett geschmort werden. "Schwitzen werden sie, bis wir sie gargekocht haben". Van Basten, der gegen Frankreich als Trainer sein 50. Länderspiel betreut, zeigt sich zurückhaltend. "Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Zuerst sehen, dann glauben".


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