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EM 2012: Drei Fragen zum Auftakt der Gruppe D

In der Gruppe D wartet mit der Partie Frankreich - England schon der nächste EM-Kracher. Die Vorzeichen sprechen eindeutig für die Franzosen, doch die Three Lions kontern mit dem Erlöser Roy Hodgson. In den Drei Fragen zum Spieltag widmen wir uns den Stimmungen in den jeweiligen Ländern.

Wie wäre es doch einfach, wenn Fußballspiele aufgrund der Stimmung unter den Fans vorhergesagt werden könnten. So würde das englische Team bei der EM wohl schon nach der Vorrunde heimfahren, Frankreich stünde dagegen fast schon im Finale.

In den Drei Fragen zum Spieltag in der Gruppe D zeigen wir, dass es so leicht nicht ist, denn England glaubt an den Erlöser und will sich die Taktik von Champions League-Sieger FC Chelsea zu eigen machen.

Wird der defensive Hodgson zum Erlöser?

Selten ist eine englische Mannschaft mit so geringen Erwartungen in ein großes Turnier gestartet. Ein halbes Jahr voller Negativ-Schlagzeilen liegt hinter den Three Lions. Erst trat Trainer Fabio Capello zurück, dann ließ sich die FA mit der Ernennung des Nachfolgers irrational viel Zeit, nebenher schwelte der angebliche Rassismus-Skandal um Ex-Kapitän John Terry weiter und die Rot-Sperre von Wayne Rooney vergrößerte die sportlichen Sorgen.

Gepaart mit den verletzungsbedingten Absagen von Gary Cahill, Frank Lampard und Gareth Barry glauben auf der Insel nur die kühnsten Optimisten an den Titelgewinn der Engländer. Auch Stürmer-Legende Alan Shearer sieht schwarz: "Ich glaube kaum, dass wir das Turnier gewinnen," sagte Shearer englischen Medien. "Soweit ich mich erinnern kann, ist es das erste Mal, dass wir ohne große Erwartungen in ein Turnier starten."

Somit muss schon ein Wettanbieter herhalten, um ein wenig Optimismus zu verbreiten. Auf den White Cliffs in Dover installierte die Firma eine 30 Meter hohe Statue von Trainer Roy Hodgson, die an das Jesus-Pendant in Rio de Janeiro erinnern soll. Am Fuß steht "Roy The Redeemer" (Roy der Erlöser), der Blick geht in Richtung des nur 26 Kilometer entfernten Frankreich - so wollen die gebeutelten Engländer zumindest ein bisschen Angst verbreiten.

Hodgson selbst will sein Heil in bedingungsloser Defensive suchen, mit dem FC Chelsea gibt es ja auch ein erfolgreiches Vorbild. "Die Organisation unter ihm ist etwas anders als zuvor. Er legt großen Wert auf Defensive. Wir werden auch am Montag so weitermachen", sagte Ashley Young, der für Rooney in die Sturmspitze rücken und einen einsamen Abend verleben könnte.

Hodgson ist erst seit wenigen Wochen Trainer der Three Lions, die beiden 1:0-Siege gegen Norwegen und Belgien deuteten aber bereits an, wie er in England für einen Stimmungsumschwung sorgen möchte. Den Fans des FC Chelsea ist es ja auch egal, wie die Champions League gewonnen wurde. Und die Meinung von Matthias Sammer ("Wenn das die Zukunft des Fußballs ist, wie Chelsea spielt, dann ist das eine Katastrophe.") interessiert in England ohnehin niemand.

Der verletzte Frank Lampard geht sogar noch einen Schritt weiter. "Es gibt viele Gemeinsamkeiten: Einen neuen Trainer, und einige fehlende Stammspieler aufgrund von Verletzungen oder Sperren", sagte Lampard der Boulevardzeitung Sun. "Okay, England ist wirklich nicht Favorit. Aber das war Chelsea auch nicht, deshalb bin ich echt optimistisch."

Sorgt Platini für das letzte Motivations-Puzzlestück?

So schlecht wie in Frankreich vor zwei Jahren kann die Stimmung in England aber gar nicht sein. Bei der WM 2010 schieden Les Bleus schon nach der Vorrunde aus, das Verhalten der Spieler bei einem Trainingsstreik beschäftigte zwischenzeitlich sogar die Politik.

Seitdem hat sich aber viel getan. Der neue Trainer Laurent Blanc startete zwar mit zwei Niederlagen und musste selbst eine Rassismus-Affäre überstehen, doch nach 21 Spielen ohne Niederlage, einer souveränen EM-Qualifikation und dem Testspielsieg gegen das DFB-Team bestimmen wieder die sportlichen Erfolge die Schlagzeilen. Frankreich ist mittlerweile sogar in den Kreis der Topfavoriten aufgestiegen.

Wäre da nicht Michel Platini, könnte die Stimmung im französischen Kader wohl kaum besser sein. Der UEFA-Präsident hatte gesagt, dass man aufpassen müsse, wenn die französischen Spieler "aus dem Bus steigen". Bei der WM hatte das Team um Patrice Evra und Franck Ribéry in einem Bus den Trainingsstreik angezettelt. Ribéry reagierte ziemlich genervt auf die Anspielung, gerade der Bayern-Spieler hat doch gerade erst seinen Frieden mit den Fans gefunden.

Ribéry gilt als Hoffnungsträger, um den englischen Beton zu knacken. "Er hatte seine Probleme in der französischen Mannschaft, aber er ist ein großartiger Spieler und sehr wichtig für dieses Team", sagte Stürmer Karim Benzema über Ribéry, "ich habe keinen Zweifel daran, dass er am Montag in Topform sein wird." Vielleicht wollte Platini aber auch nur die letzten Prozente herauskitzeln, der Europameister von 1984 hätte sicher nichts dagegen, am 1. Juli den Pokal an einen Landsmann zu überreichen.

Ist Ibrahimovic wirklich erwachsen geworden?

Bleiben wir bei der öffentlichen Wahrnehmung in der Gruppe D: Hinter England und Frankreich rechnen sich auch Gastgeber Ukraine und Schweden Chancen für das Weiterkommen aus, wobei bei den Ukrainern außer dem Heimvorteil nichts dafür spricht.

Anders ist das bei der Blågult – und das liegt an Superstar Zlatan Ibrahimovic. Der schwedische Stürmer hat eine großartige Saison beim AC Mailand hinter sich, reiste zudem erstmals ohne körperliche Wehwehchen zu einem großen Turnier und scheint gewillt zu sein, sich ganz in den Dienst der Mannschaft zu stellen.

Die weiß, dass sie nur erfolgreich sein kann, wenn Ibrahimovic in Topform ist, auch wenn zuletzt immer mal wieder ohne den exzentrischen und häufig auch egoistischen Star gewonnen wurde. Zwischenzeitlich war Ibrahimovic sogar aus dem Nationalteam zurückgetreten, wurde vom neuen Trainer Eric Hamren aber zur Rückkehr überredet. "Wir brauchten einen neuen Anlauf. Und mit Erik ist tatsächlich ein neuer Wind eingezogen", begründete Ibrahimovic seinen Schritt.

Ibrahimovic ist mittlerweile zum Kapitän aufgestiegen, kapselt sich nicht mehr vom restlichen Team ab und lobt sogar die Atmosphäre in der schwedischen Mannschaft. Die Blau-Gelben siegten als einziges Team der Euro im Jahr 2012 fünf Mal, Ibrahimovic spricht sogar vom Titelgewinn. Damit steht er aber ziemlich alleine da.

Marcus Krämer/sportal.de / sportal

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