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EM 2012: Vorschau Niederlande - Deutschland - Die taktischen Möglichkeiten

Würde ein Einsatz von Klaas-Jan Huntelaar Hollands Chancen auf einen Sieg gegen Deutschland erhöhen? Sollte Rafael van der Vaart als spielender Sechser auflaufen? Wir haben die taktischen Möglichkeiten der Niederländer abgeklopft und weisen auf den Schlüsselspieler von Oranje Boven hin und der heißt nicht Arjen Robben.

Schon im zweiten Spiel der EM 2012 ist die Mannschaft der Niederlande zum Siegen verdammt. Der Druck im Spiel gegen den Erzrivalen Deutschland ist riesig. Wir wollen aber nicht über die psychischen Befindlichkeiten der Spieler spekulieren, noch werden wir uns der gepflegten Nachbarschaftsrivalität und ihren Anekdoten widmen. Wir werfen hingegen einen Blick darauf, welche taktischen und personellen Mittel den Niederländern zur Verfügung stehen, um Deutschland zu schlagen.

Sollte Huntelaar spielen?

Bert van Marwijk hat eigentlich ein Luxus-Problem. Ihm steht der Torschützenkönig der Premier League und der Torschützenkönig der Bundesliga zur Verfügung. Das taktische System der Niederländer (4-2-3-1) sieht aber nur einen klassischen Angreifer vor. Experten wie Johan Cruyff oder Huub Stevens sind der Meinung, es könnten dennoch beide Stürmer spielen. "Ich würde Robin van Persie und Klaas-Jan Huntelaar gemeinsam spielen lassen. Da muss man etwas schieben und ausprobieren. Aber Bondscoach Bert van Marwijk hat da eben eine andere Meinung“, sagte der ehemalige Nationalspieler der Niederlande laut Hamburger Abendblatt.

Was genau aber meint er mit "schieben und ausprobieren“? Wenn wir die Varianten einmal durchspielen, wird deutlich, warum Bert van Marwijk sich so schwer damit tut, beide Stars in die Startelf einzubinden. Klaas-Jan Huntelaar ist ein klassischer Strafraumstürmer mit enormen Qualitäten im Abschluss und im One-Touch-Fußball. Seine Stärken liegen weder im Dribbling noch in der Schnelligkeit oder im Kombinationsspiel. Ein Einsatz als Flügelstürmer ist somit auszuschließen. Robin van Persie ist spielerisch stärker und kann variabler eingesetzt werden.

Bei den Versuchen ihn auf dem Flügel beginnen zu lassen, enttäuschte van Persie jedoch in der Vorbereitung. Etwas besser kommt der Spieler des Arsenal Football Club als hängende Spitze zurecht. Allerdings würde das bedeuten, Wesley Sneijder müsste auf den Flügel ausweichen (für Ibrahim Afellay). Damit würden die Niederländer jedoch ihren Schlüsselspieler in eine im wahrsten Wortsinne weniger zentrale Rolle bringen. Wesley Sneijder ist das Uhrwerk der Niederländer. Im ersten Spiel der Gruppe B bei der EM gegen Dänemark wusste er durch diagonale Pässe in die Schnittstellen, gezielte Seitenwechsel und Tempodribblings zu gefallen und war bester Spieler seines Teams.

Sneijder spielte die meisten Pässe (62 Pässe, der nächsthöhere Wert 55) und kreierte die meisten Chancen (10, der nächsthöhere Wert 5) seines Teams im Spiel gegen Dänemark (Quelle: zonalmarking.net). Sneijder Pass auf Klaas-Jan Huntelaar, den der eingewechselte Schalker nicht nutzen konnte, war eine der besten Möglichkeiten der Holländer in der zweiten Spielhälfte und dazu eine Augenweide.

Die Huntelaar-Diskussion - Das Fazit:

Bert van Marwijk wird seinen Schlüsselspieler wohl nicht aus dem zentralen offensiven Mittelfeld abziehen. Am ehesten verzichtbar scheint Ibrahim Afellay, der verletzungsbedingt keine gute Saison hinter sich hat und der unauffälligste Offensivspieler gegen Dänemark war. Doch wie gesagt, Robin van Persie tat sich zuletzt auf dem Flügel schwer und sollte Bert van Marwijk nicht Stürmer gegen Stürmer tauschen, ist wohl damit zu rechnen, dass Klaas-Jan Huntelaar erneut zunächst auf der Bank Platz nehmen darf.

Die Flexibilität der Niederländer

Wenn man das niederländische Team kritisiert, dann sollte man bedenken, dass Oranje Boven immerhin 28 Torschüsse gegen Dänemark aufbieten konnte und zum Teil nur knapp (Pfostentreffer von Arjen Robben) am Torerfolg scheiterte. Dennoch waren einige typische und einige untypische Eigenschaften des holländischen Spiels zu beobachten. Zum einen das relativ vorhersehbare Angriffsspiel der Niederländer, zum anderen das ausbleibende Pressing - und untypisch: fehlende Aggressivität im Mittelfeld. Beginnen wir mit dem wenig flexiblen Angriffsspiel.

Ralf Rangnick beschrieb den Stil der holländischen Elf zuletzt in der Sport-Bild zutreffend. Holland spiele "einen sehr ähnlichen Fußball, wie ihn Louis van Gaal bei Bayern München spielen ließ. Dieser Fußball kann durchaus auch erfolgreich sein, ist aber aufgrund der geringen Flexibilität insgesamt leicht ausrechenbar. Es gibt kaum unerwartete Positionswechsel und direkte Kombinationen und als Folge davon ein relativ vorhersehbares Aufbauspiel mit wenig Überraschungsmomenten." Sieht man einmal von phasenweise sehr starken Sneijder ab, hat Rangnick vollkommen recht.

Arjen Robben ist in seinem Spiel leicht ausrechenbar. Er hatte trotzdem Glück, dass der in der Defensive schwach agierende Simon Poulsen ihm immer wieder den Weg in die Mitte anbot und so gefährliche Situationen zustande kommen konnten. Ein variables Positionsspiel findet bei den Niederländern kaum statt. "Die Holländer orientieren sich stark an ihrer jeweiligen Position. So hat ihr Spiel auf mich sehr zerstückelt gewirkt. Mit zerstückelt meine ich: Wenn ein Spieler im Ballbesitz war, war höchstens noch ein weiterer Spieler anspielbar. Ich kann mich nur an wenige Angriffe gegen Dänemark erinnern, an denen einmal drei oder vier holländische Spieler beteiligt waren. Das liegt für mich an den Vorgaben, die Positionen starr einzuhalten.“

In dieser Hinsicht fehlen dem niederländischen Spiel auch aus dem defensiven Mittelfeld Impulse. Mark van Bommel und Nigel de Jong hielten sich strikt an ihre Position und nahmen vor allem in der ersten Hälfte selten am Offensivspiel teil. Eine Variante mit Rafael van der Vaart als spielender Sechser wurde nicht ohne Grund bereits probiert und diskutiert. Ein großes Fragezeichen hinterließ auch das phasenweise nicht vorhandene Pressing der Niederländer im Mittelfeld. Man ließ dem Gegner viel Platz, auch De Jong und Van Bommel waren oft zu weit vom Gegner entfernt. Es fehlte dem gesamten Spiel der Niederländer bei Ballbesitz des Gegners an Aggressivität.

Bei Ballbesitz der Niederländer übten die Dänen William Kvist und Niki Zimling oft direkt Druck auf de Jong und van Bommel aus und verhinderten somit das schnelle Umschaltspiel. In diesem Fall kümmerte sich ein Abwehrspieler um Sneijder und somit wurde das Offensivspiel auf die Flügel gezwungen, wo die Niederländer leichter auszurechnen sind.

Mehr Flexibilität? Das Fazit:

Auf das zum Teil statische, wenig variable Angriffsspiel der Niederländer kann sich die deutsche Mannschaft gut einstellen. Aus der Sicht der DFB-Elf wird dabei entscheidend sein, ob Sami Khedira die Kreise von Wesley Sneijder erfolgreich einengen kann. Arjen Robben sollte bei Philipp Lahm in guten Händen sein, natürlich muss er, wenn er nach innen zieht, gedoppelt werden. Sollte Bert van Marwijk durch die Hereinnahme von Rafael van der Vaart einen spielerisch starken Sechser bringen, würde das die ohnehin schon kaum sattelfeste Defensive der Niederländer entscheidend schwächen.

Gerade in den zentralen Räumen hinter den Spitzen ist Mesut Özil enorm gefährlich. Die Niederländer werden dem Vorbild der Portugiesen folgen, die es sehr gut verstanden, die zentralen Räume eng zu gestalten und Özil und Schweinsteiger wenig Spielraum zu geben. Gerade der Sechser Miguel Veloso machte ein tolles Spiel, dennoch ist Özil nie ganz zu verhindern. Es ist also zu erwarten, dass die Niederländer mit den physisch starken De Jong und Van Bommel auflaufen werden. Ein spielender Sechser ist aufgrund der im Umschaltspiel starken zentralen deutschen Mittelfeldspieler nicht zu empfehlen.

Ist das Spiel über die Flügel Hollands Chance?

Sollten die Deutschen mit Khedira, Schweinsteiger und der Unterstützung der zentralen Abwehrspieler die zentralen offensiven Räume für die Niederlande eng gestalten können, wird sich das Spiel auf die Flügel verlagern. Dabei sind Gregory van der Wiel und Jetro Willems gefragt, die den offensiven Flügelspielern zuarbeiten müssen. Dänemark konnte durch sehr weit außen agierende Offensivspieler immer wieder verhindern, dass die beiden Verteidiger sich einschalten konnten. Doch wie sieht es bei Deutschlands Flügelspielern aus? Thomas Müller erledigt seine Defensivaufgaben für einen offensiven Flügelspieler ordentlich. Eine Schwachstelle könnte Lukas Podolski sein, der als defensivschwach gilt.

Die Niederländer haben eine Offensive, die mit großartigen Individualisten gespickt ist. Das Bindeglied in diesem Offensivuhrwerk ist Wesley Sneijder. Wenn der Spielmacher, der bei Inter Mailand eine schwierige Saison hinter sich hat, die Nebenspieler in Szene setzten kann, hat Holland eine gute Chance, gegen Deutschland zu gewinnen. Keine Frage, die Optionen der Niederländer liegen in der Offensive, aber nur wenn gleichzeitig die zentralen Räume nicht preisgegeben werden.

Da dem Team von Bert van Marwijk aber oft die Variabilität und die Bewegung im Spiel ohne Ball fehlt, sehen wir gute Chancen für das deutsche Team, schon nach dem zweiten Spiel dieser Europameisterschaft für das Viertelfinale planen zu dürfen. Erwischen die Individualisten Van Persie, Robben und Co. aber einen Galatag, können sie auch buchstäblich im Alleingang ein Spiel entscheiden.

Michel Massing

sportal.de / sportal

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