HOME

Stern Logo EM 2012

Italiens Skandalstürmer Mario Balotelli: Wahnsinn auf zwei Beinen

Wenn Mario Balotelli mit Italien gegen die DFB-Elf antritt, kann alles passieren. Der Stürmer ist unkalkulierbar, sein Ruf erbärmlich. Bei der EM hat sich "Balo" bisher im Griff.

Von Klaus Bellstedt, Danzig

Seine härteste Prüfung hat Mario Balotelli bei dieser EM schon hinter sich. Als das Viertelfinalspiel seiner Italiener gegen England auch nach 120 Minuten noch 0:0 stand, ging es in Kiew ins Elfmeterschießen. Es folgte eine Szene, die in jedem EM-Rückblick vorkommen wird. Als erster Spieler schritt der Stürmer mit dem Ball unter dem Arm zum Punkt. Englands Torwart Joe Hart legte den Weg rückwärts zurück und sah ihm dabei in die Augen. Mal lächelten sie sich an, mal blickten sie grimmig - es war der Versuch zweier Manchester-City-Kollegen, sich gegenseitig aus der Ruhe zu bringen. Am Ende gewann Balotelli das Duell und Italien das Elfmeterschießen. Der 21-Jährige traf sicher.

Als erster Schütze in einem Elfmeterschießen anzutreten, ist immer etwas Besonderes. Der Druck ist noch ein Stückchen größer. Andererseits: Man kann vorlegen und so seiner Mannschaft einen winzigen psychologischen Vorteil verschaffen. Balotelli übernahm Verantwortung. Vor allen anderen. Das war das Erstaunliche. Für den Angreifer stand in diesem Moment viel auf dem Spiel. Vielleicht sogar alles. Hätte er verschossen, wäre er wohl endgültig zu so etwas wie der Lachnummer der EM geworden. Abteilung große Klappe, wenig dahinter - zumal er schon während der 120 Minuten mehrere Großchancen vergeben hatte.

So aber gönnte sich Balotelli nach dem Spiel einen der wenigen Momente, in denen er mal gar nichts sagte. Heimlich verschwand er durch die Hintertür aus dem Stadion. Dafür sprach sein Trainer. "Heute Abend hat er viel Charakter gezeigt", lobte Italiens Coach Cesare Prandelli. "Er kam zu mir und sagte: Ich will den ersten Elfmeter schießen. Das zeigt seinen Charakter."

Pfeile auf Jugendliche, zerlegte Sportwagen

Mit dem Charakter ist das ansonsten aber so eine Sache bei Mario Balotelli. "Mario ist als Stürmer kraftvoll und unberechenbar. Nur leider macht er ab und an eben Dummheiten", sagt Leonardo Bonucci über Balotelli, der als Sohn ghanaischer Immigranten bei einer Pflegefamilie in Brescia aufwuchs. Der Abwehrspieler der Azzurri weiß, wovon er spricht. Bonucci bewahrte seinen Mannschaftskollegen im Spiel gegen Irland womöglich vor einer Roten Karte, als er dem nach seinem wunderschönen Tor wütend losbrüllenden Balotelli den Mund zuhielt.

Der Exzentriker hatte es auf seinen Trainer abgesehen. Der hatte ihn gegen Irland nach den beiden egoistischen und undisziplinierten Auftritten gegen Spanien und Kroatien im letzten Gruppenspiel zunächst auf der Bank gelassen. Der Frust war groß. Der 21-Jährige musste ihn loswerden. Das war typisch Balotelli. Und der Einzelgänger konnte sich bei seinen Mitspielern bedanken, dass sie ihn in dieser Situation nicht alleine gelassen hatten.

Oft genug wird "Balo", wie er in Italien genannt wird, aber nicht vor sich selbst geschützt. Das Sündenregister des jungen Mannes mit der hell gefärbten Hahnenkamm-Frisur ist lang und legendär: Er zerlegte Sportwagen, warf Dartpfeile auf Jugendspieler, betrog seine Freundin mit einem auch Wayne Rooney wohlbekannten Call-Girl, spazierte mit Mafiosi durch Neapel, verpasste seinem Gegenspieler Scott Parker im Ligaspiel gegen Tottenham einen Stollenabdruck im Gesicht, prügelte sich mit einem Mitspieler um einen Freistoß und warf den Inter-Fans sein Trikot vor die Füße. Das Ausraster-Risiko ist bei Balotelli immer hoch. Aber die Italiener brauchen ihren schnellen und großen Alleskönner gerade im Halbfinale gegen die robuste deutsche Abwehr um Mats Hummels und Holger Badstuber. Sturmpartner Antonio Cassano und Balotelli-Alternative Antonio Di Natale sind zwar quirlig, aber klein.

"Der Weg vom Talent zum Star ist kompliziert"

"Wenn mich jemand auf der Straße mit einer Banane bewirft, werde ich ins Gefängnis gehen müssen, weil ich denjenigen umbringen werde." Das sagte Balotelli, der vor allem während seiner Zeit bei Inter Mailand immer wieder Opfer rassistischer Beleidigungen wurde, in einem Interview der französischen Fußball-Fachzeitschrift "France Football" vor der EM. Im Gruppenspiel gegen die Kroaten wurde der dunkelhäutige Stürmer tatsächlich von kroatischen "Fans" mit Bananen beworfen. Vereinzelt waren auch Affenlaute zu hören. Der unkalkulierbare Balotelli blieb ruhig.

Dass eine Reaktion ausblieb, zeigt, dass er wider Erwarten dazu gelernt hat. In vielerlei Hinsicht. Auch das Viertelfinalspiel gegen England dient dafür als Beleg - und zwar nicht nur wegen seines Schusses zu Beginn des Elfmeterschießens. Er trat viel mannschaftsdienlicher und umsichtiger auf als sonst. So, als würde er seinen Ruf eben nicht verteidigen wollen.

"Der Weg vom Talent zum Star ist kompliziert", weiß auch Italiens Nationaltrainer Cesare Prandelli. Und es scheint so, als habe sein großes Sorgenkind im Laufe dieser EM einen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Die deutsche Mannschaft sollte gewarnt sein. So oder so.

Wissenscommunity