VG-Wort Pixel

Fußball-EM 2016 Der Angst trotzen: Die EM war selten wichtiger als diesmal

Ein Polizist und eine Polizistin in schusssicherer Weste vor dem Logo der Fußball-EM in Frankreich
Eine Fußball-EM im Zeichen der Terrorangst: Polizisten sind überall in Frankreich präsent - auch an den Trainingsstätten der einzelnen Teams (hier in St. George de Reneins während einer Übungseinheit der nordirischen Mannschaft)
© Juri Kochetkow/DPA
Es lässt sich nicht leugnen: Unmittelbar vor Beginn der Fußball-EM in Frankreich ist die Vorfreude alles andere als ungetrübt. Zu groß ist die Furcht vor neuen Terrorattacken. Dennoch muss das Turnier stattfinden, es war selten so wichtig wie jetzt.

Erinnern Sie sich? Gestern vor zehn Jahren begann das Sommermärchen, die Fußball-WM in Deutschland. "Die Welt zu Gast bei Freunden". Erstklassiger Fußball, Kaiserwetter, entspannte Partystimmung auf den Fanmeilen, Verbrüderungen über alle Grenzen hinweg und vor allem: Unbeschwertheit! Wir haben schon damals über uns selbst gestaunt, und im Rückblick staunt man noch mehr.

Mit der Fußball-EM in Frankreich steht von heute an wieder ein großes Fußballfest an. Von Unbeschwertheit aber kann keine Rede mehr sein. Die massiven Terrorattacken der jüngsten Vergangenheit, die anhaltende Flüchtlingskrise und als Folge aus beidem das Erstarken rechtspopulistischer Kräfte in vielen Staaten der EU haben für jeden von uns die Welt verändert - das lässt sich längst nicht mehr leugnen. Jeden, der sich für die EM interessiert, treibt auch die Hoffnung um, dass "nichts passieren" wird - vielleicht sogar mehr als die Frage nach dem künftigen Europameister. Und so mancher Fan hat sich aus Angst vor möglichen Anschlägen den Trip ins Nachbarland verkniffen.

Fast jeder Dritte will Public Viewing während der Fußball-EM meiden

Ein mulmiges Gefühl und Verunsicherung sind überall spürbar - zumindest das ist den Terroristen gelungen. Mehr als 100.000 Polizisten, Soldaten und private Sicherheitsleute sind in Frankreich im Einsatz. Kneipenwirten ist es verboten, TV-Geräte ins Fenster zu stellen, um Menschenansammlungen vor den Bistros und Cafés während der Spielübertragungen zu vermeiden. In Brüssel wird es bei dieser EM kein Public Viewing geben, obwohl das eigene Team es durchaus weit schaffen könnte. Hierzulande, im Land des Fußball-Weltmeisters, will fast jeder Dritte dem Public Viewing fernbleiben. Und obwohl sich die Nationalmannschaft demonstrativ unbelastet gibt, verzichtet beispielsweise Jérome Boateng doch auf Besuche seiner Familie in Frankreich. Die Eindrücke aus dem Länderspiel gegen Frankreich am Tag des Terrors in Paris sitzen eben doch sehr tief.

Kurz nach den Anschlägen vom 13. November war eine Absage der EM durchaus in der Diskussion. Noch vor wenigen Tagen sagten Sicherheitsbeamte, sie würden die Fanmeile am Pariser Eiffelturm am liebsten absagen. Doch das wären falsche Signale. Man sollte dem Fußball zwar nicht zu viel Gewicht beimessen, dennoch hat dieser Sport es immer wieder geschafft, Menschen verschiedener Länder, Religionen und politischer Einstellungen zu vereinen, sie miteinander spielen zu lassen - auch in schweren politischen Zeiten. Die EM gibt dem so zerstrittenen Kontinent die Gelegenheit, wieder etwas zusammenzurücken, das Gemeinsame zu erleben. Das kann Europa nur gut tun. Die friedliche und begeisternde Eröffnung der Fanmeile am Eiffelturm mit David Guetta und mehr als 80.000 Menschen macht Hoffnung. Es mag pathetisch klingen, doch es gilt der Angst zu trotzen. Deshalb: Lasst die Spiele beginnen!


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker