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EM-Finalist: Warum Portugal das neue Deutschland ist

Alle regen sich über Portugals Finaleinzug auf. Dabei sollten gerade wir in Deutschland eigentlich ganz ruhig sein - erinnert die portugiesische Performance bei der EM 2016 doch stark an das Deutschland vergangener Jahrzehnte.

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"Ins Finale geschummelt". "Fürchterliche Spielweise". "Wandelnde Schlaftabletten". "Der Modus ist schuld". Was man nach dem Einzug der Portugiesen in das Finale der Fußball-Europameisterschaft in den sozialen Netzwerken so alles lesen muss, verwundert doch sehr. Vor allem deutsche User zeigen beim Bashing des portugiesischen Erfolgs keine Hemmungen - dabei sollten sich diese selbsternannten Fußball-Feinschmecker angesichts der eigenen Fußball-Geschichte mit jeglichen Bewertungen lieber zurückhalten.

Denn: Was Portugal bei der EM in Frankreich zeigt, ist nichts anderes als eine aktuelle Interpretation des deutschen Erfolgsrezepts vergangener Jahre. Ins Finale "mogeln" - das war über Dekaden die Königsdisziplin der DFB-Elf. Ob 1982 (inklusive Skandal-Spiel gegen Österreich und Brutalo-Foul von Toni Schumacher gegen Frankreichs Battiston), 1986 (mit einer Truppe, der selbst der damalige Teamchef Franz Beckenbauer beinahe jegliche fußballerische Klasse absprach) oder 2002 (als Ballack vorne köpfte und Kahn hinten fast alles hielt und so die mittelmäßige Restmannschaft mitgerissen wurde): Deutschland rumpelte sich stets ins Finale und der Rest der Fußballwelt wandte sich genervt bis angewidert ab.

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Deutschland plötzlich Sinnbild für schönen Fußball

Heute ist es genau umgekehrt: Seit wenigen Jahren steht Deutschland zusammen mit Spanien als Sinnbild für schönen, technisch anspruchsvollen Fußball - daraus scheinen viele Fans für sich die Berechtigung zu ziehen, kräftig über die portugiesische Performance zu lästern. Dabei bedient sich Portugal all der klassischen Mittel des alten Deutschland: Den Gegner mit rustikaler Defensive zermürben und kurz vor Schluss zuschlagen (gegen Kroatien), sich ins Elfmeterschießen retten und gewinnen (gegen Polen), Flanke-Kopfball-Tor (gegen Wales). Schlichter und effizienter geht es nicht.

Ein bisschen mehr Demut wäre aus deutscher Sicht also angebracht. Ein bisschen mehr Respekt vor der portugiesischen Leistung ebenfalls: Die Mannschaft spielt besser als ihr Ruf (das 3:3 in der Vorrunde gegen Ungarn ist immer noch der einsame Höhepunkt dieser EM), ist gespickt mit Ausnahmespielern (Ronaldo, Nani, Quaresma) und findet die richtige Taktik für so unterschiedliche Gegner wie Kroatien, Polen und Wales. Portugal ist ein würdiger Finalist.

Findet Portugal im Finale seinen Meister?

Und wenn diese Aspekte nicht ausreichen, um die Hasser zu überzeugen, sollten sie sich wenigstens von einem letzten Blick in die Fußball-Geschichtsbücher besänftigen lassen: Immer dann, wenn sich die deutsche Nationalmannschaft besonders bräsig ins Finale mogelte, fand sie ganz am Ende ihren Meister - ob 1982 (1:3 gegen Italien), 1986 (2:3 gegen Argentinien) oder 2002 (0:2 gegen Brasilien). Jedes Mal gewann der vermeintlich schönere Fußball. Dass sich die Portugiesen von dieser Statistik beeindrucken lassen, ist allerdings zu bezweifeln.

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