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EM 2021 Perfekt "inszeniert": Warum Gareth Southgate die volle Schuld an Englands Scheitern trifft

Englands Nationaltrainer Gareth Southgate klatscht in die Hände nach verlorenem EM-Finale 2021
Wieder einmal blieb nur, Größe zu zeigen: Englands Nationalcoach Gareth Southgate nach der Final-Niederlage im Elfmeterschießen gegen Italien.
© Carl Recine / Getty Images
Der unglückliche letzte Elfmeterschütze ist es diesmal nicht. Diesmal ist es der Coach, der England das nächste Elfmeterdrama beschert hat. Dabei hätte es Gareth Southgate besser wissen müssen.

Wären da nicht die Weltmeister von 1966, man könnte glauben, dass es nur einen Weg gibt, sich mit der englischen Nationalmannschaft unsterblich zu machen: Man muss nach großem Kampf im entscheidenden Moment ein Elfmeterschießen im Halbfinale oder Finale eines großen Turniers vergeigen. In diesem Sinne ist Gareth Southgates Platz in den Annalen der englischen Football Association ab sofort zementiert. Denn der 50-Jährige hat dieses auf der Insel so oft erlittene und entsprechend gefürchtete "Kunststück" nun sogar zweimal hingekriegt: als Spieler und jetzt auch als Trainer.

Wie konnte er nur, speziell mit der bitteren Erfahrung seines eigenen entscheidenden Fehlschusses 1996 im EM-Halbfinale von Wembley gegen Deutschland, diese Verantwortung, diesen aus millionenfacher Titelsehnsucht aufgebauten Druck ausgerechnet seinen jüngsten Spielern aufbürden? Das auch noch in einer nahezu filmreifen Inszenierung?

Gareth Southgate: Filmreif inszeniertes Scheitern

Die Supertalente Marcus Rashford, 23, und Jadon Sancho, 21, ließ er – für viele  sowieso unverständlich – während des gesamten Turniers beinahe komplett außen vor, um sie dann ausgerechnet im allerletzten, alles entscheidenden Moment eigens einzuwechseln und von ihnen zu verlangen, vor 67.000 Zuschauern eine 55 Jahre währende Wartezeit auf einen weiteren Titel für die stolze Fußballnation England mal eben zu beenden. Und damit ja noch nicht genug: Nachdem trotz der Fehlschüsse der beiden noch nicht alles verloren war, blieb es ausgerechnet dem Jüngsten, Buyako Saka, 19, vorbehalten, Englands Traum am Leben zu halten. An einer solchen Aufgabe sind in der Fußballhistorie schon größere Stars gescheitert.  

Es ehrt Gareth Southgate und zeigt Größe in der Niederlage, dass er das neuerliche Strafstoß-Debakel Englands auf seine Kappe nahm. Kein Wort von "Lotterie" oder "Pech". Er habe die Elfmeterschützen ausgewählt, ließ er wissen, entschieden habe er nach den Trainingseindrücken. Doch ein Elfmeterschießen nach 120 aufreibenden Minuten und vor zigtausenden erwartungsvollen Fans lässt sich nun mal nicht simulieren. Das weiß natürlich auch Southgate, und doch fand er kein anderes Kriterium für die Auswahl der Schützen. Wurde er von arrivierten Stars im Stich gelassen? Der ansonsten stets forsch auftretende ManCity-Star Raheem Sterling war jedenfalls nicht unter den ersten fünf Schützen. Oder hatte er Spieler, die sich der Verantwortung gestellt hätten, bereits ausgewechselt? So oder so: Der frühere Nationalverteidiger zahlte bitteres Lehrgeld als Nationalcoach.

Ein weißer Fußballer im blauen Trikot zieht einen schwarzen Fußballer in weißem Trikot am Kragen nach hinten

Keine gute Idee: Mit Catenaccio gegen Italien

Das allerdings nicht nur wegen des vercoachten Elfmeterschießens. Denn die Engländer hatten Italien nach dem frühen Tor durch Luke Shaw schon da, wo sie sie haben wollten – unter Druck und (zunächst) ohne Mittel gegen die Wucht, die die "Three Lions" zu Beginn des Spiels entfalteten. Da zeigte Southgates Mannschaft, dass sie im Laufe des Turniers gewachsen war. Jetzt wäre die Gelegenheit gewesen, die Himmelsstürmer der "Squadra Azzurra" vielleicht schon entscheidend zu treffen und das ewige englische Scheckgespenst Elfmeterschießen zu vertreiben. Italien brauchte lange, um ins Spiel zu finden, doch Southgate wusste die Zeit nicht zu nutzen, sein Team entscheidend anzutreiben.

Keine gute Idee war es auch, später mehr und mehr zu versuchen, ausgerecht gegen Italien mit einer Art Catenaccio das so wertvolle 1:0 über die Zeit zu bringen. Das kam nicht nur fast einer Majestätsbeleidigung gegenüber den Erfindern des Fußball-Bollwerks gleich, sondern musste sich irgendwann rächen. Und so kam es wie es wohl kommen musste. Nach dem 1:1 fehlte es der englischen Mannschaft an der Kraft, auf jeden Fall ein Elfmeterschießen zu vermeiden.

Die Lehre: Kein Elfmeterschießen

Ein solches Shoot-out zu verhindern, darauf hätte Gareth Southgate sehr viel mehr Wert legen müssen. Angesichts der Fußballhistorie, vor allem aber aufgrund seiner eigenen Erfahrungen. Das ist ihm nicht gelungen. Southgate muss und wird daraus seine Lehren ziehen. Sollte er im Amt bleiben, hat er das Glück, dass durch die Corona-Verschiebungen schon nächstes Jahr die WM in Katar ansteht. "Ich will mich zu nichts länger bekennen als ich sollte", sagte er am Tag danach: "So wie ich heute hier sitze, will ich die Mannschaft nach Katar führen. Diese Mannschaft ist noch nicht an ihrem Höhepunkt." Wenn das auch auf ihren Trainer zutrifft und die Jungstars an ihrer traumatischen Erfahrung wachsen, könnte es 2022 wie in dem Fußball-Song "Football's coming home" am Ende tatsächlich heißen: "No more need for dreaming".


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