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Europa-League-Sieg Wir sind alle Helden – Eintracht Frankfurts Triumph ist mehr als nur ein Erfolg der Mannschaft

Eintracht Frankfurts Torhüter Kevin Trapp feiert den Europa-League-Titel mit den Fans
Da ist das Ding: Eintracht Frankfurts Torhüter Kevin Trapp feiert den Europa-League-Titel mit den Fans
© Alex Grimm / Getty Images
Nach 42 Jahren holt Eintracht Frankfurt wieder einen internationalen Titel. Das Europa-League-Finale für Fußball-Romantiker offenbart eins: Die Eintracht ist auch dank ihrer Fans in Europa angekommen.

Es war um Mitternacht, als RTL das erste Interview mit einem frischgebackenen Europa-League-Sieger führte. Kevin Trapp, der mit einer phänomenalen Parade kurz vor Ende der Verlängerung Eintracht Frankfurt ins Elfmeterschießen rettete und dort den Schuss von Aaron Ramsey parierte, trat vors Mikro und verneinte gleich die Aussage, dass er der Held des Abends sei. "Ich bin nicht der Held, die Mannschaft ist der Held, die da hinten sind die Helden“, sagte Frankfurts Rückhalt und zeigte in das weite Rund des Estadio Ramón Sánchez Pizjuán in Sevilla. Dort standen zehntausende Anhänger der Eintracht, die ebenso wie ihre Mannschaft über 120 Minuten und mehr alles gegeben hatten. Gleichzeitig feierten in Frankfurt mehr als 50.000 Fans beim Public Viewing im Waldstadion den Erfolg ihrer Mannschaft, der mehr ist, als nur ein Titel in der Vitrine – auch die Nacht an der Mainmetropole war alles andere als ruhig, wenn auch leider nicht immer friedlich.

Friedlich war die Stimmung bei den Frankfurter Fans ohnehin nicht immer. Noch vor wenigen Jahren titelte die "Zeit“ über die Anhänger der Eintracht: "Die Ultras und der Niedergang eines Vereins“. Die Eintracht, jahrelang eine Art Fahrstuhlmannschaft, hatte ein gewaltiges Fanproblem: Die Gruppierungen schlugen sich nicht nur mit den Anhängern anderer Vereine, sondern bedrohten auch die Offiziellen und Spieler des Vereins. 2011 stürmten wütende Fans nach einer Heimniederlage gegen Köln das Grün im Waldstadion und mussten von der Polizei zurückgedrängt werden. Der anschließende Absturz in die Zweitklassigkeit sollte der Startschuss für die neue Eintracht sein. 2012 kehrte Frankfurt zurück ins Fußball-Oberhaus, unter Trainer Niko Kovac entwickelte sich das Team ab 2015 stetig weiter: DFB-Pokalsieg gegen die Bayern, Europa-League-Halbfinale gegen Chelsea, begeisternde Spiele unter Adi Hütter in der Bundesliga – Frankfurt spielte sich regelmäßig in einen Rausch und zurück in die Herzen der Fans.

Eintracht Frankfurts Europa-League-Erfolg wäre ohne die Fans kaum möglich gewesen

Ohne die Leistung von Spielern und Verantwortlichen im Verein schmälern zu wollen, ist es auch die Entwicklung abseits des Platzes, die den stolzen Frankfurter Adler zu neuen Höhenflügen verholfen hat. So hoch, dass die erst im März verstorbene Vereinslegende Jürgen Grabowski ihn vielleicht berühren kann. Ob ein Sturmlauf wie im Camp Nou in Barcelona im Viertelfinale ohne 30.000 Anhänger im Rücken möglich gewesen wäre, ist fraglich.

Im Halbfinal-Rückspiel gegen West Ham United entwickelte sich das Waldstadion zu einem Hexenkessel – nicht nur wegen der frühen roten Karte gegen West Hams Aaron Cresswell: 48.000 Anhänger waren so deutlich über die Außenmikrofone zu hören, dass die Kommentatoren Marco Hagemann und Steffen Freund in ihre Mikros schon fast brüllen mussten. Auch in Sevilla entwickelten sich die Anhänger zu einer großen Stütze. Die zahlenmäßig überlegene Anhängerschar der Glasgow Rangers, berüchtigt für ihre lautstarke Unterstützung, war nur nach dem überraschenden Führungstreffer zu hören. Und sonst? War das Stadion fest in Frankfurter Hand: Vom Einlauf der Mannschaften mit imposanter Choreographie auf den Tribünen bis zum Schlusspfiff verausgabten sich die ganz in weiß gekleideten Frankfurter Fans für ihren Verein. Ihr Lohn war der Titel und auch die Feierlichkeiten der Spieler, die umgehend mitsamt Pokal die Nähe zu den Fans suchten.

Europa-League-Sieg: Wir sind alle Helden – Eintracht Frankfurts Triumph ist mehr als nur ein Erfolg der Mannschaft

Es sind diese Emotionen, die eine Mannschaft tragen können und über Grenzen gehen lassen. Umso erfrischender sind aber auch die Emotionen der Mannschaft auf dem Platz: Dass ein Torhüter nur wenige Minuten nach dem Spielende nicht sich oder die Mannschaft allein als Helden sieht, sondern direkt an die Fans denkt, verdeutlicht den Anteil der Anhänger an dem unglaublichen Lauf der Frankfurter in der Europa League. Ganz Frankfurt präsentierte sich als lautstarke Einheit – und die Champions League darf sich in der kommenden Saison auf eine ganz besondere Stimmungslawine aus Südhessen gefasst machen.

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