FC Bayern in der Champions League Robben macht den Unterschied


Bayern München steht trotz einer 2:3-Niederlage gegen Florenz im Viertelfinale der Champions League. In einer denkwürdigen Partie trumpften die Bayern mit einer grandiosen Moral und viel Herz auf. Entscheidend für das Weiterkommen war aber vor allem Arjen Robben - und nicht Franck Ribéry.
Von Klaus Bellstedt, Florenz

Als die Europapokal-Schlacht von Florenz geschlagen war, knieten die überglücklichen Bayern vor der Kurve ihrer Fans und ließen sich feiern. Aber sie knieten auch nieder vor dem Besten aus ihrem Ensemble. Sie huldigten Arjen Robben. Der Niederländer kniete nicht nieder, er gab den Vortänzer - und dirigierte erst die Fans und dann natürlich auch seine beseelten Mitspieler. Robben war der Gewinner des Abends, dies war sein Augenblick.

Dabei hatte dieser denkwürdige Abend im altehrwürdigen Stadio Artemio Franchi zu Florenz für Robben gar nicht gut angefangen. In der ersten Hälfte blies dem rechten Flügelstürmer der Bayern ein Sturm mit Orkanstärke entgegen. Gut, mit dem eisig kalten Nordwind aus Richtung der Alpen hatten natürlich auch seine Teamkollegen zu kämpfen, aber es schien so, als ließe sich vor allem der Niederländer von den schwierigen Witterungsbedingungen die Laune verderben. Viel zu selten gelang es Robben, mit seinen gefürchteten Tempodribblings den Defensivverbund der Fiorentina zu durchbrechen. Immer wieder blieb er hängen und rieb sich in Zweikämpfen auf.

"Florenz hat das gut gemacht", sagte Bastian Schweinsteiger nach der 2:3-Niederlage seiner Bayern, die dank des 2:1-Sieges aus dem Hinspiel und dem Plus an auswärts erzielten Toren gleichbedeutend mit der Qualifikation für das Viertelfinale in der Champions League war. "Die Italiener haben genau wie in München immer gleich zwei, drei Leute gegen Robben und Ribéry gestellt. Das war taktisch enorm klug", erkannte Schweinsteiger die Leistung des Gegners an. Als die Hausherren dann auch noch mit ihrem ersten Schuss aufs Tor in Führung gingen, drohte den Bayern neben dem Sturm des Abends auch noch ein schweres Gewitter in Form des K.O.s in der Königsklasse.

Zum Ende hin Fußball gespielt

Es sollte zwischenzeitlich sogar noch schlimmer kommen. Im Mittelpunkt stand - natürlich - Arjen Robben. Endlich einmal hatte sich der Niederländer in der 33. Minute bis zum gegnerischen Strafraum durchgetanzt. Plötzlich stand er ziemlich allein gelassen vor Sébastian Frey, dem Keeper der Violetten. Es war die sprichwörtliche, 100-prozentige Chance zum Ausgleich. Aber der französische Torwart entschärfte den wirklich guten Schuss mit einer schier unmenschlichen Parade. Mittelmäßige Fußballer packen nach dem Vergeben derartiger Torchancen entnervt die Sporttasche und fliehen aus dem Stadion. Aber Arjen Robben ist eben ein Spieler von Weltklasseformat, einer der in diesen Alles-oder-Nichts-Matches den Unterschied ausmacht. Sein Auftritt sollte noch folgen. Da konnten seine Mitspieler noch so sehr patzen und rumpeln.

Denn das taten sie in dieser Partie ohne Zweifel. Da war zum Beispiel Jörg Butt, der Torwart der Bayern, der vor dem 0:1 durch Vargas einen Weitschuss abprallen ließ. Da waren aber auch die beiden Innenverteidiger van Buyten und Badstuber, die sich bei den zwei weiteren Gegentreffern von Jovetic wechselseitig düpieren ließen. Auch vom früh für den verletzten Gomez eingewechselten Klose ging, wieder einmal, kaum Torgefahr aus. Und was war eigentlich mit Franck Ribéry? Seine gelben Schuhe leuchteten bis unters Stadiondach, viel mehr Auffälliges hatte er aber nicht zu bieten. Der Franzose, Robbens Pendant auf der linken Seite, ließ sich von den robusten Italienern schnell den Scheid abkaufen. Ribérys Pass auf van Bommel, der im Anschluss per Distanzschuss zum zwischenzeitlichen 1:2 traf, war eines der wenigen Highlights im seinem Spiel.

"Wir haben viele individuelle Fehler gemacht, deshalb war es heute so ein schwieriges Spiel für uns", kritisierte auch Bayern-Trainer Louis van Gaal hinterher, der im Laufe der kurzweiligen 93 Minuten von Florenz aber auch einen Lernprozess bei seiner Mannschaft beobachtet hatte. "Es war unsere Rettung, dass wir mit zunehmender Spieldauer den Ball bei diesem Sturm am Boden gehalten haben. Der Wind hat in dieser Partie eine wichtige Rolle gespielt. Florenz hat es mit hohen Bällen probiert, wir haben Fußball gespielt. Das war zum Ende hin wichtig", so van Gaal.

"Robben-Moment" bringt die Entscheidung

Mit "wir" kann der Trainer des Bundesliga-Tabellenführers eigentlich nur seinen Landsmann Arjen Robben gemeint haben. Gekämpft haben sie alle, das muss man den Bayern-Spielern lassen. Und sie bewiesen im aufgepeitschten Hexenkessel auch eine tolle Moral und viel Herz, weil sie auch nach dem 1:3 nicht aufsteckten. Aber den Einzug in die nächste Runde hatten sie einzig und allein dem Geniestreich des Niederländers zu verdanken. Robben, der nach dem Wechsel auf ICE-Betriebstemperatur lief, hatte schon vor der entscheidenden Szene des Spiels in der 65. Minute brillante Momente. In seiner langen weißen Unterhose und im weißen Bayern-Trikot sah er aus wie ein Schneehase, der auf seinem Weg durch die feindliche Wildnis erfolgreich seine Haken schlug. Niemand bekam ihn zu fassen. Der "Robben-Moment" nahm seinen Lauf.

In seiner unnachahmlichen Weise dribbelte er rechts los, zog zwei Gegenspieler auf sich, ließ die wie Slalomstangen stehen, zog nach innen, wo zwei weitere Fiorentina-Akteure auf ihn warteten. Aber zu spät, Robben scherte sich einen Dreck um den bemitleidenswerten Haufen an Gegenspielern und zog mit links einfach ab. Der Ball nahm einen nur schwer zu beschreibenden Weg und schlug im Torwinkel ein. Jeder der gut 40.000 Zuschauer im Artemio Franchi hielt den Atem an. Es war eine Szene für die Fußballgeschichtsbücher.

Als der Kraftakt von Florenz schließlich vorbei war und die Bayern wegen Robben den Einzug ins Viertelfinale der Champions League perfekt gemacht hatten, wusste wohl auch der Superstar der Bayern, Franck Ribéry, bei wem er sich zu bedanken hatte. Nach dem Schlusspfiff stürmte der Franzose mit dicker Winterjacke auf Robben zu. Der Niederländer gestikulierte wild fuchtelnd mit seinen Armen. Es schien so, als würde er seinen Kunstschuss dem verhinderten Künstler Ribéry noch einmal erklären. Im Alpensturm von Florenz fand bei den Bayern eine kleine künstlerische Wachablösung statt. Der Zirkus war in der Stadt - und Arjen Robben führte ihn an.


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