FC Bayern Lieber Uli Hoeneß!


Ein Weihnachtsbrief von stern-Redakteur Mathias Schneider an den FC-Bayern-Manager.
Von Mathias Schneider

Zunächst einmal in aller gebotenen Form: Gratulation zur Herbstmeisterschaft! Sie haben Wort gehalten, das muss man Ihnen lassen. Ihr FC Bayern, der werde auferstehen aus den Ruinen, haben Sie allen Spöttern entgegengeschmettert nach dem kummervollen Frühjahr 2007. Vierter! Uefa-Cup! Und dann noch diese hässlichen Vorwürfe: Sie seien nicht mehr recht bei der Sache. Vielleicht sogar ein bisschen müde. Müde? Sie?

Sie haben derlei Angriffe ja schon immer gern persönlich genommen, wie so ziemlich alles, was über Ihren Klub - also über Sie - geschrieben wird. Das geht ungefiltert rein bei einem empfindlichen Knochen wie Ihnen. Kein Champions-League-Sieg, kein Weltpokal, keine Meisterschaft (wie viele sind das jetzt eigentlich?) hat Ihnen Gelassenheit beschert. Also sind Sie im Sommer losgezogen auf der Suche nach der ultimativen Bayern- Elf - um zu beweisen, dass man Uli Hoeneß noch immer besser nicht herausfordert. Als sei Kritik ein Fehdehandschuh.

Ihre letzte große Schlacht sollte es sein. Da lässt man schon mal ein paar Prinzipien fahren. Den Weg zum Dream-Team schossen Sie sich mit der Geldkanone frei: Ribéry, Toni, Klose, Zé Roberto, Sosa, Schlaudraff, Jansen. 70 Millionen Euro: futsch. Wo Sie doch so oft auf überteuerte Kirmestruppen geschimpft haben, wie sie sich Inter Mailand oder Real Madrid halten. Nun haben Sie selbst eine.

Ihre Welt, das waren immer echte Kerle. Sie hießen Salihamidzic, Fink, Effenberg. Und natürlich Jeremies, der sein Knie für den verdammten Champions-League-Titel 2001 geopfert hat. Es war die Zeit, in der der FC Bayern in Europa kompakt wie eine Dampfwalze daherkam. Man hat Sie selten glücklich gesehen zuletzt. Hat sich der Aufwand wirklich gelohnt? Nullnull gegen Frankfurt, gegen Duisburg, nullnull in Berlin. In der Tabelle fünf Törchen vor Bremen, mehr nicht. Da wächst die Angst, dass alles in einer Blamage endet - der kostspieligsten Vizemeisterschaft der Bundesliga-Geschichte.

Ihre Auserwählten kicken, na ja, wie der FC Bayern im Herbst seit Jahrzehnten kickt: ohne Zauber. Doch Sie sehnen sich danach, für die Schönheit des Spiels geliebt zu werden, das ist Ihr letzter Traum, bevor Sie Ihre Nachfolge bestimmen. Ein neuer FC Bayern soll erstrahlen, das Problem ist: Sie scheuen sich, den alten aufzugeben.

Die Hierarchie aufbrechen wollten Sie nach dem Champions- League-Sieg, haben Effenberg keinen neuen Vertrag gegeben, aber den Mann vergessen, der die alte Rangordnung verkörperte: Kahn. Dessen Launen drücken allen aufs Gemüt. Keiner kann in seinem Schatten gedeihen. Sie sind Kahn halt dankbar. Das ist menschlich, aber für die Mannschaft gefährlich. Nun hat Ihr Trainer den Torwart suspendiert, weil der mal wieder machte, was er wollte. Ob Hitzfeld so verloren gegangene Autorität gewinnen konnte? Es naht wohl ein Ende, das Sie beiden gern erspart hätten.

Der arme Hitzfeld - sieht aus wie vor dreieinhalb Jahren, als Sie ihn das erste Mal für zu nachgiebig hielten. Für Magath haben Sie den integren Mann zu Beginn des Jahres zurückgeholt. Als könne man die glorreiche Vergangenheit in Zukunft umdeuten, wenn man in der Gegenwart nicht weiterweiß. Ihr Vorstandskollege Rummenigge befand es für nötig, ihn jetzt wegen ein paar Auswechslungen bloßzustellen. In der Mannschaft mosert schon wieder jeder munter vor sich hin. So viele Stars, aber am Ende leben alle nur von Ribéry. Es ist wie einst, als es noch Spielmacher gab, von denen alles abhing. Der Eindruck verfestigt sich, dass Ihrem FC Bayern, lieber Uli Hoeneß, die Entschlossenheit fehlt, wirklich neu anzufangen. Früher genügte Ihr Wille, um den willensstarken FC Bayern zu formen. Wie verbindet man den mit Eleganz? Wer kann so etwas?

Was Sie brauchen, ist ein Architekt. Einer, der dem Klub ein Leitbild gibt, der womöglich auch Ihnen den Weg in die Zukunft weist. Denn was Bayern fehlt, ist eine klare Idee, ein kraftvoller Trainer, der sein Konzept im Blick hat, wenn er Spieler verpflichtet. So wie es Liverpools Benítez macht oder Wenger bei Arsenal oder Rijkaard in Barcelona. Das ist ja die Liga, in der Sie wieder mitspielen wollen. Ihr FC Bayern aber handelt bislang vor allem nach den alten Reflexen: der Konkurrenz in der Bundesliga die Besten weglocken. Und, neu: weltläufigen Glitterstaub übers Team streuen. Ein Bauplan ist nicht erkennbar.

Was fehlt, ist ein Trainer, der größer ist als seine Stars. Einer, der nicht vom Vorstand klein gemacht wird. Der es wagt, Ihnen zu widersprechen. Magath sagte mal, er fordere keine großen Namen, Spielersuche sei Sache des Managers. Also Ihre. Nur ließen Sie in den vergangenen Jahren nebenbei ein Stadion bauen. Sie verloren Kraft - und vielleicht auch das Auge für die Entwicklung des Spiels?

Lieber Uli Hoeneß, wenn Sie in diesen dunklen Tagen einen Mann bestimmen, der Hitzfeld beerbt, wünschen wir Mut. Den Mut, sich künftig ein bisschen zurückzunehmen. Es wird Ihnen schwerfallen, gewiss. Aber so sind eben Endspiele, auch ganz persönliche.

Herzlichst, Ihr Mathias Schneider

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker