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Bayern-Gegner Atlético: Diego Simeone - der unfairste Trainer der Welt

Für den Traum vom Champions-League-Finale muss der FC Bayern München an Atlético Madrid vorbei - und an Trainer Diego Simeone. Der Argentinier polarisiert, weil er zuweilen über die Stränge schlägt. Ein Porträt.

Diego Simeone, Trainer von Atletico Madrid, dreht an der Seitenlinie oft frei. Nun trifft der FC Bayern München auf ihn.

Diego Simeone, Trainer von Atletico Madrid, dreht an der Seitenlinie oft frei. Nun trifft der FC Bayern München auf ihn.

Wenn am Mittwochabend in der Champions League der FC Bayern München auf Atlético Madrid trifft, könnten die Unterschiede nicht größer sein - zumindest auf den Trainerbänken. Auf der einen Seite der Fußball-Ästhet Pep Guardiola, der wie kaum ein anderer für dominanten und spielverliebten Ballbesitzfußball steht. Auf der anderen Seite der Malocher , der auf Kampf, Härte und Disziplin setzt.

Der Argentinier schonte bereits als aktiver Profi - unter anderem für den FC Sevilla, Inter Mailand, Lazio Rom und seinen heutigen Arbeitgeber - weder sich noch Gegenspieler und verlangt heute das Gleiche von seiner Truppe. Simeone war als Spieler ein Ruppsack, oft an der Grenze des Erlaubten. Wie im Achtelfinale der WM 1998 gegen England, als er mit vollem Tempo in den Rücken von David Beckham sprang. Dieser ließ sich am Boden zum Nachtreten hinreißen und Simeone fiel wild gestikulierend um. Beckham bekam Rot und England schied aus. Viele englische Fußballfans sollen Simeone bis heute dafür verantwortlich machen.

So aufbrausend, wie er auf dem Platz agierte, zeigt er sich heute auch daneben. Als Trainer aber leistete er sich bereits mehrere unfaire oder unsportliche Aktionen. Im Champions-League-Finale 2014 gegen Real stürmte er in der Verlängerung aufs Spielfeld, rannte zu Real-Verteidiger Raphael Varane und stellte ihn nach einer Provokation wütend zur Rede. Seine Trainerstab musste den aufgebrachten Coach wieder einfangen und zurück zur Trainerbank begleiten. Im Supercup wenig später - erneut gegen Real - klatschte er dem vierten Offiziellen auf den Hinterkopf und gab danach trotz Tribünenverweis weiter Anweisungen an sein Team. Acht Spiele Sperre und 5000 Euro Geldstrafe waren die Konsequenz. Und erst vergangene Woche wurde er beim Heimspiel gegen den FC Malaga erneut des Innenraums verwiesen, weil von seiner Bank aus ein zweiter Spielball aufs Feld geworfen wurde - in einen aussichtsreichen Konter der Gäste.

Diego Simeone, der Krieger 

"El Cholo" nennen sie Simeone in fast ehrfürchtig. Das Wort ist eigentlich eine abschätzige Bezeichnung für einen Südamerikaner mit indigener Abstammung. Simeone trägt den Titel mit Stolz, betont er doch seine kriegerische Natur. Er ist ein Heißsporn, dessen Ehrgeiz zuweilen wahnsinnige Züge annimmt. Doch wird er bestraft, akzeptiert er schnell. Er sieht seine Fehler ein und gelobt Besserung. Er gibt sich dann als ehrlicher Arbeiter, der zu seinen emotionalen Ausbrüchen steht.

"Bei uns sind die Spieler, Zeugwarte, Angestellte und Fans auf einer Linie", sagt er. Mit dieser Art wurde er bei Atlético schnell zum Publikumsliebling. Im Estadio Vicente Calderón dirigiert er die Massen. Er schwört seine Spieler auf Einsatz, Kampf und Leidenschaft ein - und geht mit leuchtendem Beispiel voran. "Wir gehen in jeden Ball wie in den Tod, wie in ein Finale", sagt Mittelfeldmann Saúl Níguez.

Atlético und Simeone - Liebe auf den ersten Blick

Simeone und Atlético - das passt einfach. Seine Art, Fußball spielen zu lassen, trug beim Klub mit dem Arbeiterimage sofort Früchte. 2011 übernahm er Atlético und gewann gleich im ersten Jahr die Europa League. Im Folgejahr qualifizierte er sich direkt für die und gewann das Pokalfinale gegen den ewigen Stadtrivalen Real Madrid. Ausgerechnet das glamouröse Starensemble um Cristiano Ronaldo verlor gegen den Klub, bei dem Fußball noch ehrliche, harte Arbeit ist. Allein dafür würden sie Simeone in der Stadt ein Denkmal bauen. 

Nächstes Jahr, nächste Steigerung: 2013/14 gewann Simeone mit Atlético die spanische Meisterschaft und stand im Finale der Champions League. Auch wenn er dort Real mit 1:4 in der Verlängerung unterlag: Simeone hat dem Verein mit der großen Historie den Erfolg zurück gebracht - und das, obwohl Atlético nach der Jahrtausendwende eingebrochen und zwischenzeitlich sogar abgestiegen war. In Spanien spricht man mittlerweile von den großen Drei. Atlético ist im Olymp bei Real und Barcelona angekommen.

Spielweise: "lästig"

Die Spielweise seiner Mannschaft beschreibt Simeone als lästig. Das entscheidende Element: Atlético hat elf Verteidiger auf dem Platz, die blitzschnell umschalten können. Aktuell reicht das für den zweiten Platz in Spanien - punktgleich mit Barcelona, dicht gefolgt von Real. Drei Spieltage vor Schluss ist auch die Meisterschaft noch denkbar. Zwar kommen die Arbeiter aus der Hauptstadt auf nur halb so viele Tore wie die beiden großen Konkurrenten (59 zu 102/104). Dafür kassieren sie aber auch nur die Hälfte (16 zu 29/32) - Liga-Bestwert.

In der Champions League besticht Atlético ebenfalls vor allem in der Verteidigung. Erst fünf Treffer kassierte die Elf in zehn Partien bislang - einzig Benfica und der FC Barcelona konnten überhaupt Tore gegen die Madrilenen schießen. Dem FC Barcelona reichten auch zwei Treffer beim 2:1-Hinspielsieg nicht zum Weiterkommen. Der aktuelle Champion musste sich nach einer 0:2-Schlappe im Rückspiel aus dem Wettbewerb verabschieden.

Klubs wie der FC Bayern München liegen Atlético

Nun hat Simeone den nächsten FCB vor der Brust - sein Konzept bleibt das altbewährte. "Wir wissen, dass unsere Gegner zuweilen besser sind als wir", wird er in Medienberichten zitiert. "Aber unsere Stärke besteht darin, dass wir uns selbst in der Lage sehen, es mit ihnen aufzunehmen." Spielstarke Klubs wie der FC Bayern sind das Spezialgebiet von Simeones Atlético. Es wird an Pep Guardiola sein, zu zeigen, dass sein FC Bayern den Einsatzwillen und die Kampfbereitschaft dieser Truppe mit feinem Fußball entzaubern kann. 

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