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Felix Magath: Schalkes Tee trinkende Grinsekatze

Schalke-Trainer Magath glaubt an den Titel, sagt er. Seine Spieler sehen das realistischer und haben ganz andere Sorgen.

Von Andreas Morbach, Gelsenkirchen

Es geht dem Ende entgegen, das merkt man. Es ist vormittags elf Uhr, vor der Schalker Geschäftsstelle wird trainiert - mit jeder Menge Unterübungsleitern, aber ohne Chef. Denn hinter dem Rücken der Trainingskiebitze eilt Felix Magath gerade davon - im braunen Anzug. Schon einige Male in dieser Saison musste der Trainer-Manager-Vorstand der Gelsenkirchener den Hauptjob auf dem Rasen seinen Assistenten überlassen, weil es irgendwo etwas zu regeln gab. Und jetzt, wo Schalke seit fünf Tagen für die Champions League qualifiziert ist, gibt es für Magath bei der Planung der nächsten Saison besonders viel zu tun.

Vizeweltmeister und Vizeeuropameister Christoph Metzelder als Spezialist fürs Abwehrzentrum sowie den slowakischen WM-Stürmer Erik Jendrisek von Aufsteiger Kaiserslautern hat er bereits an Land gezogen. Nun rast Magath schon wieder weiter, nur kurz gestoppt von Heidrun Kizyna. Die 46-Jährige aus Bottrop hält ihm einen Stift und ein selbst entworfenes T-Shirt entgegen. Auf dem steht, mit Hinweis auf das winterliche Loch im Dach der blau-weißen Arena im Januar: "2010: Schalke hat zwar einen Dachschaden, aber auch eine Schach spielende, Tee trinkende Grinsekatze."

Ohne eine Miene zu verziehen unterschreibt die Grinsekatze - ein Textil, dessen Botschaft so harmlos daherkommt wie das Schalker Halali auf die wieder einmal in greifbare Nähe gerückte Meisterschale. Magath besteht im Zuge seines Psycho-Scharmützels gegen den punktgleichen Spitzenreiter aus München zwar darauf, dass auf die Bayern in den letzten zwei Partien gegen das aktuell schwächste Ligateam Bochum und beim designierten Absteiger Berlin "auf jeden Fall noch ein Unentschieden wartet".

Schalke bewahrt Ruhe

Bei den auffallend euphoriefreien Trainingsgästen ist allerdings nicht der Münchner Termin am 22. Mai das Thema. Sondern deren großartiges 3:0 in Lyon, das den Bayern den Weg nach Madrid geebnet hat. "Die haben Fußball wie von einem anderen Stern gespielt", sagt ein Zaungast mit strammem Bauch und dem Töchterchen neben sich auf dem Fahrradsitz. Auf der anderen Seite des Trainingsplatzes wird die ohnehin kaum spürbare Euphorie auch von offizieller Seite eingebremst - von Marcelo Bordon.

Der Brasilianer, jahrelang das kickende Kernstück des FC Schalke, ist mit der überraschenden Verpflichtung von Metzelder sehr nachdenklich geworden. Bordon fragt sich, welche Rolle der Trainer ihm, dem 34-Jährigen mit Vertrag bis 2011, für die kommende Spielzeit zugedacht hat. Den Edelersatzmann für die Innenverteidigung, neben Metzelder und dem jungen Benedikt Höwedes, wird er kaum geben wollen. "Gott hat mir in dieser Saison noch einmal richtig viel Kraft gegeben", sagt der strenggläubige Christ Bordon - und findet, das sei doch ein schöner Moment, um nach sechs Jahren auf Schalke Adieu zu sagen.

Vizemeister sind sie schon, Meister können sie wieder mal werden. Aber auch Bordon weiß, was bei den Bayern passieren kann: "Durch so ein Spiel wie in Lyon kriegst du noch mehr Selbstvertrauen, das wird schwer für Bochum in München." Was jedoch nichts ausmacht: Das anspruchsvolle Duell mit Werder Bremen am Samstag warten die emotional so oft gebeutelten Gelsenkirchener jetzt erst einmal in aller Ruhe ab. Aber sollte ihnen danach noch immer nur ein Remis - oder notfalls auch eine Niederlage - der Bayern in Berlin zum ersten Meistertitel seit 52 Jahren reichen, werden sie sich auf Schalke doch wieder nicht einkriegen vor Aufregung.

Diesen Artikel haben wir für Sie in der Financial Times Deutschland gefunden.

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