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Fragen und Antworten zum Österreich-Spiel: Spielt Götze? Wie sieht die Viererkette aus?

Zweiter Auftritt des DFB-Teams in der WM-Qualifikation: Ist Österreich wirklich so stark? Und wen lässt Joachim Löw spielen? Das müssen Sie vor dem Anpfiff wissen.

Von Klaus Bellstedt, Wien

Ja, den Auftakt in diese WM-Qualifikation kann man aus deutscher Sicht als gelungen bezeichnen. Der 3:0-Erfolg gegen die Färöer war ein Pflichtsieg. Mehr aber auch nicht. Joachim Löw war nicht zufrieden mit der Leistung seiner Mannschaft. Er adressierte im Anschluss eine klare Forderung an das Team: "Ich erwarte, dass wir das Spiel gegen Österreich ernster und seriöser angehen als gegen die Färöer." Die Nationalelf muss sich steigern. Der Bundestrainer erwartet ein "Spiel auf Augenhöhe". Tiefstapelei oder berechtigter Respekt vor einem erstarkten Gegner? Das sind die wichtigsten Fragen und Antworten vor dem Spiel.

1. Wie stark ist Österreich wirklich?

Joachim Löw hielt am Tag vor dem brisanten Bruderduell eine wahre Ode an die österreichische Fußballkunst. Der Bundestrainer hat in der Alpenrepublik mal gearbeitet. Er hat noch viele Freunde hier. Da war also auch ein bisschen Schmeichelei mit bei. Aber grundsätzlich hat der Bundestrainer Recht. Team Austria hat sich in den vergangenen Monaten weiterentwickelt. Das liegt auch am neuen Trainer Marcel Koller, der bekannt dafür ist, dass er etwas aufbauen kann. Das hat der besonnene Schweizer in der Bundesliga bewiesen. Koller hat aus vielen guten Einzelspielern eine Mannschaft geformt, in der die Grundordnung passt. Im August wurde mit der Türkei zumindest mal wieder eine mittelgroße Fußballnation bezwungen. "Früher war einiges nur auf Zufall aufgebaut, jetzt ist es ein gewolltes Kombinationsspiel", sagt Löw, dem zudem das schnelle Umschalten der Österreicher imponiert. Neun (!) Bundesliga-Legionäre werden in Wien wohl in der Startformation stehen – wie Schalkes Christian Fuchs allesamt tragende Stützen bei ihren Vereinen in Deutschland. Über Cordoba 1978 und den letzten Erfolg der Österreicher in einem wirklich wichtigen Spiel gegen Deutschland sprechen in Wien wirklich nur die hartnäckigsten Nostalgiker. Es muss ja auch nicht gleich ein Sieg sein. Aber von einem Punktgewinn träumen sie dieses Mal schon. Der ist so unwahrscheinlich nicht.

2. Auf welchen Spieler muss die deutsche Defensive besonders achten?

Auf Marko Arnautovic. Der Außenstürmer von Werder Bremen, ein Mann der auf dem Platz permanent auf dem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn wandert, gilt als personifizierte Hoffnung Österreichs auf eine bessere Zukunft. An guten Tagen tanzt der 23-Jährige auf dem Bierdeckel drei gegnerische Spieler gleichzeitig aus. Der Edeltechniker ist allerdings auch immer für eine Rote Karte gut. Bremens Trainer Thomas Schaaf darf sich jetzt schon ein paar Jahre an ihm abarbeiten: Tendenz: leichte Besserung – vor allem was dessen Einstellung betrifft. "Wir müssen mehr laufen als die Deutschen und aggressiver in die Zweikämpfe gehen", sagt Arnautovic vor dem Spiel im Ernst-Happel-Stadion – und meint damit im Zweifel vor allem sich selbst. Laufen war jedenfalls noch nie seine Stärke. Abgesehen vom schussstarken Arnautovic sollten sich Lahm und Co. vor allem auch auf Martin Harnik konzentrieren. Der Angreifer vom VfB Stuttgart ist leichtfüßig, schnell und enorm torgefährlich. Im 4-2-3-1-System von Marcel Koller bildet Harnik die einzige Spitze.

3. Bleibt Mario Götze in der Mannschaft?


Davon ist nicht auszugehen. Der Dortmunder wird zum Opfer der Systemumstellung, die Joachim Löw vornehmen wird. Gegen die Färöer spielte die deutsche Mannschaft so offensiv wie nie zuvor. Reus, Götze, Özil, Müller wirbelten in der Offensive auf einer Linie. Als einzige Absicherung im defensiven Mittelfeld agierte Sami Khedira auf der Sechser-Position. Österreich ist ein anderes Kaliber. Toni Kroos wird deshalb aller Voraussicht nach in die Startelf zurückkehren, um dem letzten Drittel des deutschen Spiels ein wenig mehr Stabilität zu verleihen. Die Folge: Einer aus der Kreativ-Kette muss auf die Bank. Und obwohl Götze in Hannover einen bleibenden Eindruck hinterlassen konnte, unter anderem wegen seines schönen Solos, das zum 1:0 führte, trifft es ihn. Aber auch nur deshalb, weil Özil und Müller mehr Erfahrung haben und Löw Reus vor dem Start in die Qualifikation eine Startplatzgarantie ausgesprochen hat. Was seine Flexibilität betrifft, muss sich Götze vor allem vor Müller nicht verstecken. Seine Zeit wird kommen. Vielleicht schon in der zweiten Hälfte, falls es gegen Österreich nicht wie gewünscht laufen sollte.

4. Und wie sieht die Viererkette aus?

Auch hier wird es Veränderungen geben. Weil Marcel Schmelzer wieder fit ist. Gegen die Färöer musste Holger Badstuber links aushelfen. Wie unwohl er sich dort fühlt, konnte man selbst gegen den Fußballzwerg beobachten. Nach hinten war das zwar solide, aber im Spiel nach vorne konnte der Bayern-Profi kaum Akzente setzen. Hinzu kamen viele schlechte getimte Flanken. Nach der Rückkehr von Philipp Lahm auf rechts wird es Zeit, dass wieder ein echter "Linker" diese Seite beackert. Löw hofft jetzt auf Schmelzer. Badstuber kehrt dafür auf seinen angestammten Platz in die Innenverteidigung neben dem etablierten Mats Hummels zurück. Weichen wird Per Mertesacker, zumal das Comeback des Arsenal-Akteurs nur durchwachsen war. Die Abwehr-Latte wird es auch mittelfristig schwer haben, in die Startelf zurückzukehren. Seine Zweikampfführung ist oft hölzern, die Spieleröffnung wie schon seit Jahren verbesserungswürdig.

5. Welche Alternativen zu Miro Klose hat Joachim Löw im Angriff?

"Wir brauchen zu viele Chancen, um ein Tor zu erziele"“, klagte Joachim Löw nach dem Spiel gegen die Färöer. Problem erkannt! Gefahr auch gebannt? Nein, weil es ausgerechnet auf dieser so wichtigen Position eine Personalknappheit im Kader des Bundestrainers gibt. Wegen der Verletzung von Mario Gomez steht vorne derzeit nämlich nur der ewige Miro Klose (34) zur Verfügung. Der Bundestrainer würde dem so nicht zustimmen wollen. Er würde vermutlich auf Lukas Podolski verweisen. Aber der kann qua seiner Veranlagung gar kein Ersatz für die Stürmer sein. Der Ex-Kölner gehört auf die linke Seite, sein Hauruck-Spielstil ist robust, weniger filigran und trickreich. Beim 3:0 zum Auftakt der WM-Qualifikation wurde Podolski 15 Minuten vor Schluss für Klose eingewechselt. Es passierte nichts mehr. Und jetzt? Muss Klose warten und sich so lange durch die Partien schleppen, bis Gomez wieder bereit steht. Ewig darf das nicht so weiter gehen. Hinter diesen beiden Angreifern klafft im deutschen Fußball ein großes Loch. Wenn es gegen Österreich wirklich Spitz auf Knopf stehen sollte und Klose bei Rückstand Deutschland die Puste ausgeht, hat Löw im Grunde nur noch eine Möglichkeit: Marco Reus nach vorne ziehen, wohlwissend, dass ihm dann im offensiven Mittelfeld ein Spieler aus seinem System wegbrechen würde. Ideal wäre das nicht.

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