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Buch zur Frauenfußball-WM: Emanzipation auf dem Rasen

Wahlrecht, finanzielle Unabhängigkeit, das Recht auf Abtreibung - und nun die Anerkennung auf dem Bolz-Platz? Warum Frauen durch Fußball die Möglichkeit zur Emanzipation haben - ein Erklärungsversuch.

Ob sexy Posen in Zeitschriften oder Werbespots im Fernsehen: Die DFB-Frauen präsentieren sich zur Weltmeisterschaft betont weiblich. Viele fragen sich daher: Hört Emanzipation beim Fußball auf? Im Gegenteil, sagen die Autoren des Buches "Emanzipation und Fußball". Sie sind sich sicher: Fußball bietet dafür sogar eine besonders gute Möglichkeit.

Die beiden Herausgeber Daniel Küchenmeister und Thomas Schneider haben in ihrem Sammelband Beiträge verschiedener Sport- und Kulturwissenschaftler zusammengetragen sowie ein Interview mit der DFB-Integrationsbeauftragten Gül Keskinler.

"Jedes Mädchen, jede junge Frau entwickelt durch Sport Selbstbewusstsein und somit auch eine ganz andere Haltung in allen Fragen der Gesellschaft", sagt Keskinler darin. Das sei auch ein Weg der Emanzipation. "Im Sport, insbesondere im Fußball als Mannschaftssport, sehe ich eine große Chance für die Selbstentwicklung jeder einzelnen."

Das bestätigt Kulturwissenschaftlerin Tatjana Eggeling von der Uni Göttingen. "Weil er etwas Soziales ist", schreibt Eggeling in ihrem Beitrag, bringe Fußball Menschen verschiedener kultureller, sozialer und regionaler Herkunft zusammen und sei so "Raum und Mittel zur Emanzipation". Ähnlich sieht das die Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, Dagmar Freitag. Im Interview mit den Machern betont sie jedoch, "dass wir bei weitem nicht am Ende der Bewegung sind."

Ablesen lässt sich das - wie außerhalb des Platzes auch - an den Gehältern von Männern und Frauen: Während die DFB-Herren 2010 eine Siegprämie von 250 000 Euro kassiert hätten, winken den Damen 2011 lediglich 60 000 Euro pro Kopf. "Das klingt im Vergleich natürlich unfair", sagt Küchenmeister.

Es sei jedoch auch eine Frage des Marktwertes. "Wenn jeder Zuschauer am Fernseher zehn Cent in die Kiste werfen müsste, würde bei Ronaldo und Co tatsächlich eine solch hohe Summe herauskommen", meint er. "Der Frauenfußball hat hingegen noch nicht eine solche Wirkkraft." Mitherausgeber Schneider ergänzt: "Emanzipation ist kein erreichter Zustand, sondern ein Prozess."

Dabei bilde der Fußball die Fortschritte aber keineswegs nur ab. "Er wirkt auch in die Gesellschaft hinein, indem er Werte vermittelt." Das gelte nicht nur für die Selbstbestimmung von Frauen, sondern auch für die von Behinderten, Homosexuellen oder Menschen mit Migrationshintergrund.

"Fußball als Wettkampfsport hat zwar auch das Potenzial auszugrenzen", sagt der Kulturwissenschaftler. "Er kann Menschen, die tendenziell ausgegrenzt werden, aber auch in die Gesellschaft integrieren." Daher zeige das Cover des Buches eine junge Frau mit Kopftuch, die einen Fußball in die Luft kickt. "Es ist egal, ob das eine Frau ist und ob sie ein Kopftuch trägt", sagt Küchenmeister. "Letztlich wird sie über den Sport Selbstbewusstsein entwickeln und Respekt von anderen bekommen."

Antonia Lange, DPA / DPA

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