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Sieg der DFB-Frauen: Plötzlich scheint alles möglich

Die deutschen Fußballfrauen haben sich bei ihrem 4:2-Sieg über Frankreich neu erfunden. Bundestrainerin Silvia Neid hat hoch gepokert – und alles gewonnen. Plötzlich scheint alles möglich.

Von Klaus Bellstedt, Mönchengladbach

Sich etwas mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu nehmen, kann manchmal Erstaunliches bewirken. Siege zum Beispiel, die vorher niemand erwartet hätte. Dass die deutsche Frauen-Nationalmannschaft ihr drittes und letztes Vorrundenspiel bei dieser Weltmeisterschaft überraschend deutlich mit 4:2 gegen Frankreich gewann, lag nämlich auch – zumindest indirekt – an der Seitenwahl. Die zog sich länger als sonst hin, weil die anwesenden fünf Damen am Anstoßpunkt noch ein kleines Pläuschchen hielten. Die deutsche Mannschaft hatte sich da schon längst in voller Kaderstärke zum obligatorischen Anfeuerungskreis versammelt, wartete – und nutzte die Zeit. Kerstin Garefrekes, die in Vertretung der ausgemusterten Spielführerin Birgit Prinz diese Wahl im Mittelkreis durchführte, kam und kam nicht. Auch egal, dachten sich die Spielerinnen und begannen schon mal, sich in die richtige Stimmung zu brüllen.

Minutenlang stand das Team eng umschlungen. Nadine Angerer, die Torfrau mit Führungscharakter, stampfte immer wieder mit dem linken Fuß auf den Boden und gab die Einpeitscherin. Als Garefrekes endlich dazu kam, hatte die Mannschaft ihren Schwur längst geleistet. Die Spielerinnen waren bereits im Begriff auszuschwärmen und ihre Stellungen einzunehmen, als die Vize-Kapitänin noch einmal alle zusammentrommelte. Nicht mal 30 Sekunden dauerte ihre Ansprache. Wilde Schreie und Gejohle waren die Folge. Dann endlich wurden sie von der Kette gelassen. Welche Worte genau gefallen waren, darüber schwiegen sie sich hinterher alle aus. "War heftig und auch bisschen anders als sonst." Die Andeutungen von Babett Peter, der linken Verteidigerin, reichten aber, um sich auszumalen, dass es um so etwas wie Wiedergutmachung gegangen sein muss.

Endlich Spielfreude gezeigt

Angerer und Co. packten sich beim Schwur von Mönchengladbach selber an der Ehre. Und es gelang ihnen tatsächlich, die innere Blockade, die sie in den beiden Spielen gegen Kanada und Nigeria so sehr hat verkrampfen lassen, zu lösen. "Die Mannschaft wirkte von der ersten Minute an wie befreit. Und dann hat sie endlich und erstmals bei diesem Turnier Spielfreude gezeigt." Silvia Neid sah nach dem 4:2-Erfolg gegen Frankreich zwar cool und gelassen wie immer aus, ihre Gesichtszüge waren aber im Vergleich zu ihren genervten Statements nach den mühsam erkämpften Auftaktsiegen deutlich entspannter. Kein Wunder, Silvia Neid war ja auch die heimliche Siegerin des Abends.

Eine im Vergleich zum Nigeria-Spiel auf gleich vier Positionen veränderte deutsche Mannschaft schickte die Trainerin auf das Feld. Mehr Risiko geht kaum bei einer Weltmeisterschaft. Ihr Plan ging voll auf. Vor allem die Hereinnahme der beiden Offensivkräfte Lira Bajramaj und Inka Grings entpuppte sich als Volltreffer. War das Spiel der deutschen Frauen bei dieser WM bisher statisch und langsam, wurde es jetzt dynamisch und überraschend. Bajramajs Antritt, ihre Technik und Schnelligkeit waren beeindruckend. Das Glamour-Girl des deutschen Frauenfußballs sprühte nur so vor Spielfreude. Dabei war sie nicht immer effektiv, doch beeindruckte sie durch Schnelligkeit und Dribblings – und holte den Elfmeter heraus.

Grings aus Team nicht mehr wegzudenken

Stürmerin Grings, ebenfalls permanent in Bewegung, war von den Französinnen kaum zu stoppen. Welch ein Unterschied zu Birgit Prinz. Die war in den ersten beiden Spielen wie ein alternder Esel über den Platz geschlichen. Bei Grings sah das mehr nach Windhund aus. Zwei Tore zum zwischenzeitlichen 2:0 (32.) und 3:1 (68.) per Foulelfmeter schoss die Stürmerin überdies. Da haben zwei Spielerinnen auf eindrucksvolle Art und Weise ihre Chance genutzt.

Grings, die von der Fifa hinterher zum "Player of the Match" gewählt wurde, freute sich nach dem Triumph, der gleichbedeutend mit dem Gruppensieg der deutschen Mannschaft ist, auch über ihre Tore. Wichtiger war ihr aber etwas anderes: "Wir haben uns als Team gefangen und gefunden. Nur das zählt jetzt." Grings ist aus diesem Team fortan nicht mehr wegzudenken. Für Birgit Prinz scheint der Weg zurück in die Startformation dagegen mehr denn je fest versperrt. Auch wenn ihre Trainerin das in der Stunde nach dem Sieg gegen Frankreich ganz anders sah: "Wir werden von Birgit bei diesem Turnier noch etwas sehen." Mehr kam Silvia Neid zu diesem Thema nicht über die Lippen. Warum auch?

Da geht noch was

An diesem schwülwarmen Abend von Mönchengladbach, an dessen Ende erstmals so etwas wie WM-Stimmung mit singenden Fans vor dem deutschen Mannschaftsbus aufkam, ging es nicht um das Alte. Es ging vielmehr um einen gelungenen Neustart mit frischen, hungrigen Spielerinnen in der Anfangsformation. Bajramaj und Grings stehen dafür exemplarisch. Die Bundestrainerin sah gegen Frankreich zudem viel Neues von ihrer gesamten Mannschaft: "Wir waren als Team kompakt und haben die Angriffe mit Köpfchen nach vorne getragen. Jetzt können wir selbstbewusst ins Viertelfinale gehen." Wohl war.

Am Samstag in Wolfsburg geht es für das DFB-Team, das sich selbst zum Leben erweckt hat, nun gegen Japan. Und auch wenn beim 4:2-Sieg, zu dem Kerstin Garefrekes (25.) und Celia Okoyino da Mbabi (89.) die restlichen Treffer beisteuerten erneut erhebliche Defizite in der Defensive zu erkennen waren: Mit dieser Offensivpower scheint plötzlich sogar wieder die Titelverteidigung möglich.

Das Turnier geht für die Mannschaft jetzt erst so richtig los. In Mönchengladbach versammelten sie sich nach dem Abpfiff, natürlich, wieder alle zum Kreis. Die Spielerinnen steckten dieses Mal nur kurz ihre Köpfe zusammen und fassten sich dabei an den Schultern. Trotzdem: Ihre Entschlossenheit war bis unter das Stadiondach zu spüren. Da geht noch was.

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