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Fußball: "Die beste WM aller Zeiten"

Fifa-Chef Joseph Blatter sprach aus, was Millionen Fußball-Fans während der Fußball-Weltmeisterschaft empfunden hatten: Es war ein fast perfektes Fußballfest. Die Stimmung in Deutschland kannte selbst dann kaum Grenzen, als der "Weltmeister der Herzne" im Halbfinale ausschied.

Einige wenige schwarz-rot-goldene Fahnen flattern noch an Autos oder hängen nebelfeucht von Balkonen. In den Auslagen der Buchgeschäfte liegen die Bildbände des Ballspektakels, in den Kinos ist Sönke Wortmanns Dokumentarstreifen ausgelaufen. "Deutschland - ein Sommermärchen" scheint einen Grauschleier bekommen zu haben: Zu schön ist die Erinnerung, um noch wahr zu sein. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 war die größte Party, die jemals in Deutschland gefeiert wurde. Mit Musik, die die Herzen hüpfen ließ, mit Gesichtern, die sich ins Gedächtnis eingegraben haben, mit Szenen, die in die Sportgeschichte eingegangen sind - auch wenn der Fußball nicht neu erfunden wurde. Und mit einer deutschen Mannschaft, die alle mitgerissen hat.

Schwarz-Rot-Gold war die Farbkombination des Sommers. "Das Ansehen Deutschlands in der Welt ist nach dieser WM ein anderes", sagte Cheforganisator Franz Beckenbauer nach dem vom 9. Juni bis 9. Juli dauernden Ball-Festival. Ausnahmsweise hat diese Aussage des "Kaisers" kein Verfallsdatum. Im Vorfeld hatte man angesichts der endlosen Sicherheitsdiskussionen schon befürchtet, dass Krawallmacher das schöne Spiel zerstören könnten. Doch die Gesichter der WM waren nicht vermummt, sondern bunt bemalt und strahlend.

Rekord-Einschaltquoten und Begeisterung

Fast 3,4 Millionen Zuschauer sahen die Begegnungen in den Stadien. Die Einschaltquote beim Endspiel-Elfmeterdrama der Italiener gegen Frankreich lag bei 29,66 Millionen - mit 84,1 Prozent der höchste je in Deutschland gemessene Marktanteil. Doch die Begeisterung auf den Straßen und Plätzen ließ sich kaum (er-)messen: Die Welt, genau genommen zwei Millionen ausländische Besucher, war zu Gast bei Freunden - und die Gastgeber erkannten sich in ihrer Ausgelassenheit selbst nicht mehr. Der Patriotismus kochte dann, der Halbfinal-Niederlage gegen den späteren Weltmeister Italien sei Dank, doch nicht über.

Das von den WM-Organisatoren gepriesene Public Viewing schien vor der WM ein Schlagwort aus einer PR-Aktion. Die Fans und jene, die vorher nie Fans waren, erfüllten es jedoch mit prallem Leben. Die Euphorie erfasste das Land. "Die Hälfte der deutschen Bevölkerung hat sich der WM zugewandt. Das ist ein phänomenaler Wert", sagte Medienforscher Josef Hackforth.

"Weltmeister der Herzen" scheiterte im Halbfinale

Hunderttausende feierten den "Weltmeister der Herzen" am 9. Juli am Brandenburger Tor. Mit dem 3:1 gegen Portugal im Spiel um Platz drei hatte sich das Gastgeber-Team am Tag zuvor aus dem Turnier verabschiedet und für Gänsehaut-Atmosphäre gesorgt: Oliver Kahn drehte im Stuttgarter Daimlerstadion seine letzte Ehrenrunde im DFB- Trikot und aus seiner Miene schien erstmals jegliche Spur von Verbissenheit verschwunden.

Bei der Siegerehrung lagen sich Jürgen Klinsmann, der diese fantastische Mannschaft gegen viele Widerstände aufgebaut und durchs WM-Feuer gebracht hatte, und Angela Merkel in den Armen. "Ich habe ihn für seinen Weg ein Stück weit bewundert", sagte die Bundeskanzlerin später. Vor dem Hotel ließen 50.000 Michael Ballack, den WM-Torschützenkönig Miroslav Klose, die wie Popstars umschwärmten Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski sowie die anderen WM-Helden hochleben.

Spiele wie Paukenschläge

Spiele wie Paukenschläge hatte das Team abgeliefert, die in ihrer Emotionalität tagelang nachhallten: Das 4:2 in der Eröffnungspartie gegen Costa Rica - mit dem Münchner Philipp Lahm als gefeiertem Kunstschützen. Das 1:0 gegen Polen - mit Oliver Neuvilles "Last- Minute-Treffer", der einer Fußball-Nation den letzten Kick gab. Das 3:0 gegen Ecuador - mit Kloses Doppelschlag. Das 2:0 im Achtelfinale gegen Schweden - mit der besten halben Stunde, die eine deutsche Mannschaft je bei einer WM gespielt hat. Und dann der Elfmeterkrimi im Viertelfinale gegen Argentinien. Die Feiertage schienen kein Ende zu nehmen - bis im Halbfinale Italien kam.

Das Bild vom weinenden Ballack gehört zur Galerie eines unvergesslichen Turniers. Genauso wie der gestürzte Weltstar Ronaldinho mit großen erschrockenen Augen nach dem Viertelfinal-Aus Brasiliens. Wie der auf der Tribüne tanzende Maradona, der prominenteste aller Fans. Oder das erstarrte Gesicht von Wayne Rooney nach seiner Roten Karte und der heulende David Beckham nach Englands Aus. Oder der schwermütige Blick von Figo, der sich aus Portugals goldener Generation verabschiedete. Oder die schwingenden Rastazöpfe der Spieler aus Trinidad und Tobago. Und vor allem das Zahnpasta-Lächeln von Fabio Cannavaro, wie er auf den Schultern seiner Mitspieler den begehrtesten Pokal der Welt in die Höhe reckt.

Ein Karriereende mit Kopfstoß

Aber auch das Bild eines glatzköpfigen Mannes, wie er vorzeitig in die Kabine marschiert, prägte diese WM: Zinedine Zidanes übler Kopfstoß gegen Marco Materazzi im Endspiel war eine der wenigen hässlichen Szenen. "Zinedine Zidanes unglaubliche Karriere endet in Schande", schrieb "The Times" (England). Die Italiener triumphierten im Elfmeterschießen. Aus dem Fußball-Skandal in ihrem Land waren sie emporgestiegen wie Phönix aus der Asche. "Sie haben sich durch nichts beeinflussen lassen", sagte Trainer Marcello Lippi über seine Profis. Dass die Mannschaft mit der besten Defensive am Ende siegte, passte zu einer WM, die spielerisch wenig Spektakuläres bot.

Ansonsten war sie in jeder Beziehung ein Hit - auch musikalisch. Auf den Tribünen wurde gepfiffen, gesungen und getanzt. "'54, '74, '90, 2006" von den Sportfreunden Stiller zum Beispiel, auch ein Hit auf den Partymeilen. Und immer wieder: "You will never walk alone". Es war höchste Zeit gewesen, dass sich was dreht im Lande.

"Die beste WM aller Zeiten"

Nicht nur Fifa-Präsident Joseph Blatter sprach von der "besten WM aller Zeiten". Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) vermeldete Monate später einen Reingewinn von 56,5 Millionen Euro. Die Bundesregierung spricht von einem "vollen Erfolg" - sportlich, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch. "So bunt ist unser Land selten gewesen", meinte Innenminister Wolfgang Schäuble. Die 18. Fußball-Weltmeisterschaft - eine runde Sache. "Es hat alles funktioniert", sagte Beckenbauer. An einem der 31 Tage Ballfieber hatte er sogar noch Zeit gefunden zu heiraten. Ein märchenhafter Sommer in jeder Beziehung.

Ulrike John/DPA / DPA

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