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Fußball: Interview mit Michael Gabriel über das Phänomen Ultras

Im Interview mit dem Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (Kos), Michael Gabriel, fragten wir nach der Entwicklung der Fankultur in Deutschland und erfuhren mehr über das Phänomen der Ultras.

Interview mit dem Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (Kos), Michael Gabriel, die vom Bundesministerium Familie, Senioren, Frauen und Jugend und dem DFB gefördert wird.

sportal.de: Die Kultur der Ultras wird von vielen "normalen“ Fans mit Unverständnis begleitet. Wir haben regelmäßig Kommentare auf der Seite, nach dem Motto: "Schmeißt die Spinner aus dem Stadion“. Es prallen also verschiedene Unterstützungsformen und Daseinsformen des Fantums aufeinander.

Michael Gabriel: Ich habe die Entwicklung der Ultras in einem Buchbeitrag schon einmal beschrieben. Die Ultras sind die Antwort der Fanszene auf die Modernisierung des Fußballs. Es liegt auf der Hand, dass man eine Entwicklung, die in der Fanszene stattfindet, nicht losgelöst von dem, wie sich der Fußball entwickelt, sehen darf. Deshalb kann man über das eine nicht losgelöst von dem anderen Diskutieren.

Vor der Einführung der Bundesliga war die Verbindung der Fans zu den Spielern näher und verbindlicher. Die Spieler waren Repräsentanten der Zuschauerschaft, man spricht deshalb auch heute noch von Arbeiterclubs, wie zum Beispiel bei Schalke 04. Die Spieler durften sich geehrt fühlen, dass sie für Schalke auflaufen durften, und mussten hinterher ihrer Anhängerschaft Rede und Antwort stehen, zum Beispiel in den Kneipen nach dem Spiel. Das findet heutzutage gar nicht mehr statt.

So wie die Hooligans schon eine neue Entwicklung darstellten, die sich vom reinen Interesse am Fußball losgelöst haben, ihr eigenes Ding mit den anderen Hools gemacht haben, so hat sich bei den Ultras auch das reine Interesse am Fußball ausdifferenziert. Die eigene Performance das Auftreten der anderen Gruppe stehen mindestens an gleicher Stelle wie der Sport. Das ist auch einer der Gründe, warum die Kultur der Ultras mit ihren Choreografien und Bengalo-Shows so sichtbar ist.

Das kritisieren  ja auch viele Fans, dass die Unterstützung losgelöst vom Spielgeschehen stattfindet und der Fußball nicht mehr im Mittelpunkt steht.

Michael Gabriel: Die Oldschool-Fans, die anders in der Kurve sozialisiert wurden, sind von dieser Entwicklung irritiert. Der Vorsänger platziert sich mit dem Rücken zum Spiel, die Sprechchöre haben nicht mehr unbedingt etwas mit dem Spielgeschehen zu tun. Früher gingen viele Fans ins Stadion, um gezielt Einfluss auf das Spielgeschehen zu nehmen. Daher kommt ja auch der Ausspruch: "Der zwölfte Mann.“

Wenn wir auf den Fußball blicken sehen wir, dass sich die Interessen der Vereine auch verlagert haben. Früher waren die Einnahmen zum größten Teil von den Eintrittsgeldern der Zuschauer abhängig, heute steht die TV-Vermarktung im Mittelpunkt, die Vermarktung der Business-Seats, und das Sponsoring. Das sind alles Aspekte, die dazu beigetragen haben, dass sich die Vereine mehr mit diesen Facetten der Ökonomie beschäftigen, als mit den Zuschauern.

Das spüren natürlich junge Leute, die mit einem großen emotionalen Hunger in die Stadien kommen und auch wertgeschätzt werden wollen, das passiert leider zu wenig. Über diese Entwicklung ist diese Abkehr, die sich durch den mit dem Rücken zum Spielfeld stehenden Vorsänger auch symbolisch ausdrückt, durchaus erklärbar.

Wenn man bedenkt, dass nur ein bis fünf Prozent der Fans bei einem Heimspiel Ultras sind, warum nimmt diese Gruppe einen so großen Fokus ein?

Michael Gabriel: Es ist den Ultras gelungen, die Anfeuerungskultur in nahezu jeder Fankurve zu dominieren. Es gibt mittlerweile viele Stadien, wo die Ultras schon nicht mehr mit dem Megafon arbeiten, sondern eine Mikrofonanlage zu Verfügung gestellt bekommen haben. Zum Beispiel in Frankfurt, aber auch andernorts. Dort folgen alle den Anweisungen der Ultras, alle haben sich daran gewöhnt, dass die Ultras den Takt vorgeben. Ein anderer Grund ist, dass die Ultras sich unglaublich engagieren, sehr viel Zeit und Kreativität investieren, in die Choreografien und Lieder die sie einstudieren. Aus dieser Perspektive erwächst bei ihnen ein besonderer Anspruch. Nach dem Motto: "Weil wir so viel machen, haben wir auch eine besondere Stellung verdient.“

Das hohe Engagement wird selten gelobt, oder auch den Ultras positiv angerechnet. Andererseits gibt es viel Kritik von den "normalen“ Fans.

Michael Gabriel: Ich weiß gar nicht, ob das immer so stimmt. Aus der Perspektive von vielen Fans, auch den Oldschool-Leuten, haben die Ultras durch ihre Choreografien und ihre Gesänge zur Verbesserung der Stimmung beigetragen. Die Kritik wird dann laut, wenn die Ultras ihr Gruppeninteresse über die Interessen des Vereins stellen, Stichwort Einsatz von Pyrotechnik. Pyros finden viele Fans, auch die, die keine Ultras sind, schön, aber die meisten denken, wenn es meinem Verein schadet, dann darf man diese Grenze nicht überschreiten. Da wird in der Fanszene viel diskutiert.

Bei vielen Ultra-Gruppierungen ist Gewalt eine Art Selbstverständnis ihres Ultraseins. Das äußert sich dann gegen die Polizei, beim "Abziehen“ von Fan-Utensilien oder auch in Aktionen wie dem Spielfeldstürmen.

Michael Gabriel: Da muss man stärker differenzieren. Ich glaube nicht, dass es zum Selbstverständnis der Ultras gehört, dass diese sich gewaltsam gegen die Polizei wenden. Ich glaube es ist richtig, dass sie eine große Distanz zur Polizei pflegen, dass sie mit der Polizei nicht zusammenarbeiten wollen, und dass wenn sie sich von der Polizei sich angegriffen fühlen, auch wehren würden. Das ist, so denke ich, das Selbstverständnis.

Was bei vielen Ultra-Gruppierungen dazugehört, aber auch vielerorts zunehmend kritischer diskutiert wird, ist die Frage, in wieweit es gerechtfertigt ist, das andere Ultra-Gruppierungen angegriffen werden. Bei vielen gehört es dazu, dass die Treffpunkte, die Züge, die Busse angegriffen werden können, dass versucht wird, Fahnen und Banner zu stehlen. Das ist einer der absolut verständlichen Kritikpunkte an der Ultrakultur. Es gibt darüber allerdings innerhalb der Szene eine selbstkritische Diskussion.

Es kommt allerdings von Seiten der Ultras auch zu absurden Übertreibungen, wie im Beispiel Manuel Neuer. Dabei ist gerade die Schickeria in München auch gesellschaftlich engagiert. Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären.

Michael Gabriel: Aus der Perspektive der Ultras ist das kein Widerspruch. Der Konflikt erlaubt einen Blick auf Entwicklungen im Fußball, die für jeden Fußballfan schwer nachzuvollziehen sind, bedenken wir nur die letzte Transferwoche. Wer da wohin gewechselt ist. Ich glaube kein vor der Saison gemachtes Mannschaftsfoto ist noch aktuell. Da fällt es dem Fan schwer, sein Herz an einen Spieler zu verlieren.

Manuel Neuer entstammt der Ultraszene von Schalke und deshalb wurden die Ultra-Kategorien auf ihn angewendet. Die haben sich dann deutlich mit den sportlichen Interessen des Vereins gebissen. Es ist aber richtig und wird viel zu wenig beachtet, dass sich alle Ultragruppierungen gesellschaftlich engagieren. Sie erwähnten die Schickeria, die zum Beispiel jedes Jahr das Kurt Landauer Turnier zu Ehren des ehemaligen jüdischen Vereinspräsidenten des FC Bayern veranstalten.

Zum Teil sind die Ultras auch, wie sie erwähnten, ein gesellschaftlich-soziales Phänomen. Also als eine Reaktion auf die Strukturen und Mechanismen der modernen Leistungsgesellschaft entstanden. Übernehmen sie also eine gesellschaftlich wichtige Funktion?

Michael Gabriel: Die Ultra-Gruppierungen hat eine enorm hohe soziale Bedeutung für die eigenen Mitglieder. Wenn man sich die gesellschaftliche Entwicklung anschaut, dann sind die Erwartungen an die Entwicklung junger Menschen immer stärker an den anforderungen der Wirtschaft ausgerichtet. Schulausbildung und Studium wurden verkürzt, damit die Menschen schneller der Wirtschaft zugeführt werde können. Gleichzeitig können wir beobachten, wie Familienstrukturen bröckeln und alle anderen gesellschaftlichen Sozialisationsinstanzen an Bedeutung verlieren.

Wenn man sich dann in eine solche Ultra-Gruppierungen hineinversetzt, wo jeder, wenn er die richtigen Farben trägt, hoch willkommen ist und große Wertschätzung erfährt, dann kann man erahnen, welche Bedeutung diese Gruppen für junge Leute haben. Heitmeyer von der Uni Bielefeld verweist in seinen Studien auf die hohe Bedeutung von gesellschaftlicher Anerkennung für die Persönlichkeitsentwicklung junger Mensche, etwas das die Gesellschaft immer weniger bereit hält, aber die Ultras im hohen Maße bieten.

Die Ultras haben ganz offensichtlich eine hohe soziale Bedeutung. Die Vereine, Verbände und auch die Medien müssten sich in einem größeren Maße auch mit den positiven Facetten dieser Kultur beschäftigen, dann würde eine Kritik von den Ultras viel eher angenommen werden.

Radikalität einer jeden Gruppierung stößt in den Medien, bei Fans und vielen Unbeteiligten oft gleichermaßen auf Unverständnis. Die Kernprobleme kann man vielleicht in drei Punkten zusammenfassen. Die Gewalt, die vom Spielgeschehen abgewandte Unterstützung und die Radikalität an sich – die in solchen Aktionen, wie gegen Manuel Neuer eskaliert.

Michael Gabriel: Die Ultras haben einen sehr großen Gruppenzusammenhalt, der sich auch darüber konstituiert, dass man Feindbilder hat und sich darüber nach außen abgrenzt. Aber das ist für die Jugendforschung nichts Neues. Für die Vereine und Verbände stellen die Ultras natürlich eine Herausforderung dar, die es bisher noch nicht gegeben hat. Die Fankultur hat sich verändert. Es hat aus unserer Perspektive eine End-Proletarisierung stattgefunden.

Der Anteil an Abiturienten, an Studierenden und Akademikern ist heute deutlich höher als unter den Kutten-Fans damals, oder den Hools. Deswegen ist ihr Anspruch auch deutlich höher, was den Umgang durch die Vereine mit ihnen angeht. An dieser Stelle ist noch viel Unsicherheit seitens der Vereine im Spiel, die zum Teil nicht wissen, wie sie mit dieser Gruppe umgehen sollen. Es gibt sehr wenige Vereine, die vom Fanbeauftragten über den Manager bis hin zum Präsidenten ein klares Selbstverständnis entwickelt haben wie sie mit ihren Fans umgehen

Viele Ultras sagen, Ultra sein, ist eine Religion. Bei Religionen ist es ja so, wenn diese fanatisch ausgelebt wird, oder mit Gewalt in Verbindung steht, dann stößt das selbstverständlich auf große Widerstände.

Michael Gabriel: Ja, natürlich und auch völlig zu Recht. Vereine sollten daher alle Fangruppen gleichzeitig ansprechen. Es muss eine regelmäßige und transparente Kommunikation seitens des Vereins geben, um Diskussionsprozesse, innerhalb der Fangruppen zu unterstützen. Die Interessen von einem Fanclub sind ja potenziell andere, als die eines 17, 18-jährigen Ultras. Diese Prozesse sollte ein Verein aktiv mitgestalten und genau an dieser Schnittstelle passiert leider noch viel zu wenig.

Herr Gabriel, wir danken Ihnen für das Gespräch!
Das Interview führte Michel Massing

sportal.de / sportal

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