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Fußball-Nationalmannschaft: Warum Löw weiter macht

Der Bundestrainer verlängert seinen Vertrag – die Bedingungen diktiert er selbst. Der DFB konnte es sich nicht mehr leisten, den Liebling der Nation zu verlieren. Doch auch Löw selbst hat beste Gründe, dabei zu bleiben. Wigbert Löer kommentiert.

Er hätte auch länger warten können. Zwei Tage hatte man ihm zugestanden damals im Februar 2010, den vorgelegten Vertrag zu unterzeichnen. Zwei Tage. Einer davon war Joachim Löws 50. Geburtstag. Niemand beim Deutschen Fußball-Bund hätte sich also beschweren können, wenn der Bundestrainer den Verband diesmal noch länger hätte zappeln lassen. Doch Löw brauchte nur neun Tage, um alles zu durchdenken, seine Forderungen durchzusetzen und zu unterschreiben. Bis zur Europameisterschaft 2012 wird er sich um die deutsche Nationalmannschaft kümmern.

Nach den zuweilen begeisternden Auftritten seiner Mannschaft bei der WM in Südafrika war Löw Herr des Verfahrens. So konnte er die Bedingungen diktieren. Und sein umstrittener Teammanager Oliver Bierhoff, der in den Tagen des Streits schlicht untragbar schien für den DFB-Präsidenten Theo Zwanziger und dessen Generalsekretär Wolfgang Niersbach? Macht weiter. Bierhoff hatte in Südafrika wieder einmal verhindert, dass die Spitzenfunktionäre des DFB im Mannschaftshotel wohnen. Er wird es auch in Zukunft nicht erlauben. Zwanziger und Niersbach mussten das schlucken.

DFB in Furcht, den Erfolgscoach zu verlieren

Auch Löws Sprecher Harald Stenger, dem Zwanziger in den vergangenen Monaten eifrig Kompetenzen entzogen hatte und dessen Ende beim DFB anstand – er wird beim Verband bleiben, wenn Löw das will.

Zuletzt wirkte es so, als hätten sie in der DFB-Zentrale tatsächlich Angst, den beliebten Trainer zu verlieren. Theo Zwanziger erging sich am Wochenende vorsichtshalber gar schon mal in öffentlichen Rückzugsgedanken, sagte plötzlich, er sei alt genug, seinen Posten frei zu machen. Niemand hätte ihm verziehen, das wusste der Präsident, wenn Löw abgesprungen wäre. Vielleicht hätte ihn im Oktober auch niemand für weitere drei Jahre gewählt, wenn er denn antritt.

Löw hatte wenig Gründe hinzuschmeißen

Allzu wahrscheinlich war indes nicht, dass Joachim Löw das Amt des Bundestrainers einfach so abgeben würde. Zu viele Gründe sprachen für seine Vertragsverlängerung:

* Löw ist zu jung, um in Rente zu gehen. Eine attraktivere Nationalmannschaft als die Deutsche hätte er nicht gefunden.

* Löws Job als Bundestrainer ist anspruchsvoll, über Phasen höchst stressig, aber im Alltag doch sehr flexibel zu gestalten. Er kann weiterhin in Freiburg, am Rande der Republik, wohnen, sich die Arbeit jenseits der Länderspieltermine und Lehrgänge selbst einteilen. Der Alltag eines Vereinstrainers ist ungleich anstrengender.

* Bei einem Verein hätte Löw sich neu beweisen müssen. Bei seinem Vorgänger Jürgen Klinsmann ging das in München ziemlich schnell schief. Zwar ist Löw ein anderes Kaliber, ein Fachmann in Sachen Taktik und Trainingssteuerung, er besitzt auch durchaus Erfahrung bei Klubs. Doch der Trainer-Job in einem Verein ist sehr viel unsicherer als der beim DFB. Er müsste schon in der Qualifikation für die EM in zwei Jahren scheitern, um vor Ablauf seines bis 2012 zählenden Vertrags gefeuert zu werden.

Die Mannschaft steht

Bei einem Verein hätte Löw schließlich vermutlich auch weniger verdient. Dass der DFB sein Gehalt gerade merklich erhöht hat, ist kein Geheimnis. Löw aber kassiert auch für zahlreiche Werbeverträge. Als allseits beliebter Bundestrainer ist er für Unternehmen deutlich interessanter als ein Vereinstrainer, den schon qua Amt nicht das ganze Land mögen kann.

Ganz in Ruhe wird Joachim Löw seine viel versprechende Arbeit also nun fortsetzen, seine Mannschaft steht. Er wird noch ein paar talentierte Junge einbauen und vor allem klären müssen, welche Rolle Michael Ballack bei ihm künftig spielen wird. Der Konflikt um die Kapitänsbinde ist Löws schwierigste Aufgabe: Ballack, zurück in der Bundesliga, wird in wenigen Wochen wieder einsatzfähig sein, Philipp Lahm, der den verletzten Leverkusener bei der WM vertreten hatte, meldete bereits den Anspruch an, Spielführer zu bleiben.

Abgerechnet wird im Sommer 2012

Mit sehr viel Kredit geht Löw in die nächsten zwei Jahre, die sachte beginnen mit einem Freundschaftsspiel in Dänemark am 11. August. Die EM-Qualifikation führt dann nach Belgien, nach Köln (gegen Aserbaidschan) und nach Kasachstan. Lösbare Aufgaben sind das alles.

Joachim Löw wird ernten können, was er gesät hat. Abgerechnet wird sehr wahrscheinlich erst wieder im Sommer 2012. Sein neuer, alter Job ist – Stand heute – alles andere als beschwerlich und unangenehm.

Warum hätte er ihn aufgeben sollen?

Wigbert Löer

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