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Fußball-Presseschau: Der Kaiser steht nackt da

Nach dem Ausscheiden aus der Champions League stellt die deutsche Presse dem FC Bayern ein niederschmetterndes Zeugnis aus. Den Erfolgen der englischen Clubs auf europäischer Bühne wird dagegen Achtung entgegengebracht. stern.de und indirekter-freistoss.de blicken in die Gazetten.

Boris Herrmann (Berliner Zeitung) stellt der Bayern-Mannschaft nach dem 0:2 gegen Mailand ein schlechtes Ganzjahreszeugnis aus: "Das Spiel wirkte wie der Trailer für einen Film über die gesamte Bayern-Saison: Hinten zu löchrig, vorne zu ideenlos, das sind die Leitmotive dieser Mannschaft." Vincenzo Delle Donne (Zeit Online) fügt an: "Die Münchener waren ihren italienischen Kontrahenten in beiden Partien deutlich unterlegen und erweckten kaum den Eindruck, eine europäische Spitzenmannschaft zu sein - weder spielerisch noch taktisch."

Heinz-Wilhelm Bertram (Financial Times) malt die nahe Münchner Zukunft schwarz und zweifelt am Trainer: "Ohne Titel, mit viel Schulden auf der Allianz-Arena und eventuell mit Champions-League-Pause - so nackt stand der Kaiser selten da. Die Bayern befinden sich in einer gefährlichen Lebensphase. Und es stellt sich die Frage, ob Hitzfeld die glücklichste Trainerlösung war. Ein mutiger, junger Fußballlehrer mit einem leuchtenden Konzept wäre vielleicht die bessere Wahl gewesen. Was bedeutet hätte, dass die hoch bezahlten Geschäftsführer Rummenigge und Hoeneß ein anderes Risiko hätten eingehen müssen, als sie bislang bereit waren."

Andreas Burkert (SZ) rät zu einem radikalen Schnitt in der Vereinspolitik: "Unter dem Strich stand nach den Duellen mit Milan ein Klassenunterschied. Mit der Betonung auf Klasse. Lange haben die Bayern ihre Unpässlichkeiten gerade im Alltagsgeschäft Bundesliga nicht als Folge eines Mangels an Qualität und ihrer Versäumnisse in der Personalplanung verstehen wollen. Doch schon der taumelnde Königsklub Real hatte angedeutet, was nun Milans prächtig organisierte Altstars zumindest für die europäische Bühne besiegelten: das Ende einer kleinen Mannschaft. Weil es die Münchner versäumt haben, den goldenen Jahrgang 2001 zu ersetzen, steht ihnen jetzt ein Umbau bevor, bei dem es mit Schönheitskorrekturen nicht getan sein dürfte - sofern sie Europas Spitze nicht aus den Augen verlieren wollen. Für die Renovierung besitzt der FC Bayern zwei Optionen; er kann entweder doch einmal sorglos in die Festgeldkasse greifen, oder er kann es mit Phantasie versuchen. Beide Wege sind für ihn Neuland."

Die deutsche Presse zeigt nach dem dreifachen Erfolg englischer Vereine im Viertelfinale Sympathie und Abneigung, auf jeden Fall aber Achtung. Christian Eichler (FAZ) findet die Ursache der neuen Stärke der englischen Vereine im großen Herz der Spieler: "Was die englische Liga in der globalen Vermarktung längst ist, nämlich die Weltliga des Fußballs, ist sie mehr und mehr auch im sportlichen Resultat. Was sind die Gründe? Es ist nicht das Geld allein - wenngleich die hohen Gehälter, verbunden mit günstigen Steuern und guter Atmosphäre in den Stadien, England zum Traumziel der meisten Profis gemacht haben. Es ist auch nicht nur das Tempo. Es ist, nachdem Defizite bei Technik und Taktik gegenüber Spanien und Italien in den letzten zehn Jahren ausgeglichen wurden, die ureigene mentale Stärke, die nun den Ausschlag gibt: der Mumm und der Mut, Gegner und Gangart zu dominieren. Es ist die urbritische Art, ein Fußballspiel bei der Gurgel zu packen."

Ronald Reng (SZ) bemängelt die Ästhetik Chelseas: "Ohne Sinn für Schönheit unterwarf Chelsea den FC Valencia, knurrend, aggressiv, abgehackt in seinen Spielzügen. Obwohl die Partie viele großartige Zutaten hatte - eine den Verstand raubende Parade von Santiago Canizares bei einem Kopfball von Michael Ballack; den unaufhörlichen Zweikampf zweier Giganten, Fabián Ayala gegen Chelseas Stürmer Didier Drogba; den Schall von 55.000 Berauschten -, so wird das Spiel nicht in Erinnerung bleiben. Vielleicht, weil Chelseas Spiel nie für die Ewigkeit taugt? Passkombinationen existieren nicht. Der Ball wird schnellstmöglich nach vorne geleitet, auf die Genauigkeit kommt es dabei nicht an, nur auf das Tempo; sie sind sich sicher, dass den freien Ball aufgrund ihres Positionsspiels, ihrer Laufstärke und Kraft fast immer ein Chelsea-Spieler gewinnt. So ruckelt und zuckelt Chelseas Spiel, es herrscht der halbhohe, scheinbar herumirrende Ball. Derart dominierten sie die zweite Halbzeit in einer erschlagenden Klarheit, woran Ballack seinen Anteil hatte."

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