HOME

Fußball-Presseschau: Hässliche Bayern treten Milans Senioren

Nach dem 2:2 der Bayern in Mailand eint die Presse die Kritik an beiden Teams: Von einer Mailänder Seniorencombo ist die Rede und von den Bayern, denen ein kreativer Parkettleger im Mittelfeld fehlt. stern.de und indirekter-freistoss.de blicken in die Gazetten.

Peter Heß (FAZ) hat vor allem für die Mängel beider Teams Worte übrig: "Das Hinspiel hat gezeigt, dass die zwei Mannschaften in dieser Saison nicht zur absoluten europäischen Spitze zählen. Milan überzeugte zwar eine Stunde lang, aber der Glanz war nur gepumpt. Die in die Jahre gekommenen Mailänder, die in der Meisterschaft oft den Schongang einlegen, überdrehten den Motor. Dass solch eine Fehleinschätzung der Kräfte einer routinierten Mannschaft unterläuft, zeigt deren angeschlagenes Selbstbewusstsein - quasi das Eingeständnis: In Normalform sind wir nicht gut genug für die Bayern. Auch das war eine Fehlinterpretation." Vincenzo Delle Donne (Rund) fügt hinzu: "Es war das Duell zweier mittelmäßiger Mannschaften, die beide von sich behaupten, zur europäischen Elite zu gehören. Deutlich offenbarte die Partie, dass beide Traditionsklubs gegenwärtig eine Identitätskrise durchmachen."

Boris Herrmann (Berliner Zeitung) betont die wiedergewonnene Münchner Fähigkeit, ein gutes Resultat zu erzielen: "Die neue Sachlichkeit ist und bleibt Hitzfelds größtes Verdienst seit seiner Rückkehr. Ein spielerischer Quantensprung lässt weiter auf sich warten. Die Art von Fußball, die der FC Bayern vorführte, ist nicht besonders progressiv, sie ist auch keineswegs schön anzuschauen, aber sie ist immerhin effizient und funktional. Es geht nicht ohne ein wenig Glück, auch Bayern-Dusel genannt, aber es geht auch nicht ohne das Gespür für den Moment, an dem den Gegnern die Luft ausgeht, um dann mit ein, zwei Aktionen und viel Willenskraft das Spiel zu drehen."

Auch Andres Burkert (SZ) besteht auf der Differenz zwischen Leistung und Ertrag: "Wohl nur eine Laune des Schicksals und die Atemnot der Mailänder Seniorencombo hat den Münchnern ein 'wunderbares Ergebnis' (Karl-Heinz Rummenigge) beschert. Aber die Bayern wären nicht diese in aller Welt berüchtigte Ergebnismannschaft, wenn sie im Moment eines doch irgendwie verblüffenden Teiltriumphes alle Zweifel beiseite schöben und wie selbstverständlich an ihrer eigenen Legende fortschrieben. (...) Man kann die Münchner kritisieren für ihr dramatisches Mittelfeldloch, weil sie dort einfach keinen kreativen Parkettleger besitzen. Man würde sich dann aber nur wiederholen. Deshalb sollte man sie vielleicht loben für ihre Fähigkeit, in diesem Loch den lange Zeit starken Gegner versenkt zu haben - und zwar trotz eines lächerlichen Elfmetergeschenks der russischen Spielleitung."

Flurin Clalüna (NZZ) bilanziert die russische Fußballjustiz: "Gilardino war in der zweiten Halbzeit verwarnt worden, weil er trotz vermeintlicher Offsideposition seine Aktion zu Ende führte und den Ball ins Tor schoss. Damit lag der Schiedsrichter falsch, wie er überhaupt mehrmals (Penalty-Entscheidungen) ein ziemlich gerecht verteiltes Benachteiligungsgewitter veranstaltete. Seine Fehlerquote lag zwar hoch, rechtfertigt die Aussage des Bayern-Präsidenten Franz Beckenbauer aber nicht, der von einer 'absoluten Frechheit' sprach und wegen des (ungerechtfertigten) Elfmeters gegen die Bayern absurd-verschwörerisch anfügte: 'Ich hatte das Gefühl, der Schiedsrichter hat nur auf so eine Situation gelauert.'" Peter von Becker (Tagesspiegel) bringt die Münchner Mischung aus nachteilhaften Schiedsrichterentscheidungen und sportlicher Unterlegenheit auf den Punkt: "Selten hat es so ungerecht ein so gerechtes Ergebnis gegeben."

Christof Kneer (SZ) lobt Michael Rensing und warnt ihn vor Betriebsblindheit: "Bayerns junger Torwart hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass Oliver Kahn sein Vorbild ist. In der Tat hat Rensing auf großer Bühne ein Spiel vorgeführt, das sehr nach Kahn aussah. Auch das erste Gegentor durch Pirlos Kopfballheber, das ihn etwas unglücklich zwischen Tor- und Fünfmeterlinie erwischte, hätte Kahn auf dieselbe Weise kassieren können; auch Kahn gilt eher als defensiver Torwart, der die Torlinie im Zweifel dem Strafraumgetümmel vorzieht. Rensings Torwartstil orientiert sich sichtbar am großen Kahn, es gibt Ungünstigeres, was man einem jungen Torwart nachsagen kann. Dennoch würden sie sich im Klub manchmal wünschen, dass ihr Talent etwas mehr dem Rensing in sich vertraut. Inzwischen gilt Kahn ja als Vertreter der alten Torwartschule, und so hoffen sie in München, dass sich Rensing im täglichen Miteinander mit seinem Vorbild das moderne Mitspielen nicht wegtrainiert."

Wissenscommunity