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Hertha BSC: "Wir machen sie platt!"

Hertha BSC droht das vorzeitige Aus im europäischen Wettbewerb. Nach einem mageren 0:0 gegen Moskau muss Berlin im Rückspiel punkten. Fitnesstrainer Carsten Schünemann erklärt bei stern.de, warum die Hertha einen psychologischen Vorteil hat.

Von Annette Jacobs

Für Fitness-Trainer Carsten Schünemann kam das Spiel seines Hertha BSC um den UI-Cup gegen den FK Moskau am vergangenen Sonntag viel zu früh. Die Berliner reisten aus dem Trainingslager in Österreich an. Der russische Gegner war beim für Hertha peinlichen 0:0 offensichtlich schon weiter: "Wir hatten Moskau vorher vier Mal beobachtet, da waren sie nie so stark, wie am vergangenen Sonntag", erklärt Schünemann gegenüber stern.de und sieht seine Mannschaft für das Rückspiel in Russland im psychologischen Vorteil. "Wir können uns ganz klar noch steigern."

Hertha BSC setzt auf moderne Trainingsmethoden à la Klinsmann und will von der Euphorie profitieren, die durch die Weltmeisterschaft in Deutschland entstanden ist und auch im Team seine Spuren hinterlassen hat. "Man merkt schon, dass wir dieses Jahr eine ganz besondere Atmosphäre in der Mannschaft haben", sagt Schünemann. "Die Euphorie ist groß, besonders bei den vier Neulingen." Hertha hat Amateure aus der zweiten Mannschaft in den Profikader aufgenommen. Das ist Teil eines Plans. Manager Dieter Hoeneß sagte in der vergangenen Woche, das Team sei im Umbruch – möglicherweise auch ohne das "enfant terrible" Marcelinho, der nach seinen neuesten Eskapaden auf der Abschussliste steht.

Besuch bei Fitnessguru Versteggen

Schon bevor Jürgen Klinsmann dazu aufgerufen hatte, dass sich auch die Bundesliga-Vereine verstärkt um den Fitnesszustand ihrer Spieler kümmern sollten, baute die Hertha, wie einige andere Bundesligisten auch, auf die Arbeit eines Fitnesstrainers. Der arbeitet in einem Stab von fünf Trainern, drei Physiotherapeuten und einem Arzt. Schon seit 2002 kümmert sich Schünemann um den Fitnesszustand der Profikicker. Was die Entwicklung in dieser Branche angeht, ist er immer auf dem Laufenden. "Ich habe meinen Standortvorteil genutzt und während der WM Mark Versteggen ein paar Mal im Hotel besucht", sagt Schünemann, der nach dem Treffen mit dem amerikanischen Fitnessguru im Team der deutschen Nationalmannschaft einige neue Übungen ins Programm aufgenommen hat.

"Wir haben gemerkt, dass die Spieler häufig zu unbeweglich im Rumpfbereich sind", sagt Schünemann und erklärt, dass die neuen Übungen nicht ohne sind. "Viele tun sich damit noch schwer." Auch im Bereich des Sprinttrainings baut er auf das Vorbild Nationalteam. Dafür schaffte der Trainer neben einigen neuen Geräten auch die legendären Gummibänder an, über die noch vor der WM alle gelacht haben.

Fußball-Profis im Sand

Zum modernen Training gehört für Schünemann auch die Arbeit in kleinen Gruppen – das erhöht die Intensität und die Qualität. Genauso sowie Übungen im Sand: Die fördern die Koordination und sind als taktiles Erlebnis für die nackten Füße gedacht. Ein wichtiges Körperteil für einen Fußballer, deshalb werden die auch nach dem Training besonderes verwöhnt: Aufgestellte Eiskübel sorgen für eine erholsame Abkühlung. "Das fördert die Regeneration", erklärt Schünemann und ist begeistert, dass seine Methoden ankommen: "Vor allem die jungen Spieler nehmen das gerne an und merken, dass es ihren Körpern gut tut. Außerdem haben sie ihren Spaß." Um den geht es auch bei den Teambildenden Maßnahmen, die während des Trainingslagers im österreichischen Bad Waltersdorf durchgeführt werden: Nach Vorbild der Nationalmannschaft wird Bogenschießen angeboten, aber auch Golf spielen und Eierweitwurf.

Um auf dem neuesten Stand der Wissenschaft zu bleiben, hat Schünemann ein weit reichendes Netzwerk. Der ehemalige Leistungsdiagnostiker der Sportmedizinischen Abteilung der Uni Paderborn steht noch immer in Kontakt zum Institutsleiter, Prof. Heinz Liesen. Der stand schon 1990 als Mediziner an der Seite von Franz Beckenbauer und nennt sich "geistiger Vater" von Jürgen Klinsmann. Mit ihm zusammen gründete er eine Initiative zur Förderung des Fußball-Nachwuchses. Auch Hockey-Nationaltrainer Bernhard Peters, der als Sportdirektor beim DFB im Gespräch war, ist ein guter Bekannter von Schünemann. Er kennt den zukünftigen Sportdirektor beim Regionalligisten TSG Hoffenheim schon seit zehn Jahren – und tauschen sich häufig über ihre Erfahrungen und die neuesten Entwicklungen der Forschung aus.

Geheimnisse in der Bundesliga

Klinsmanns Vorschlag, dass Fitnessguru Mark Versteggen einen Wokshop für Bundesligisten anbietet, kommt für einige vielleicht zu spät. Der Austausch untereinander findet zumindest teilweise bereits statt. Der Hertha-Trainer telefoniert regelmäßig mit Athletik-Trainer Markus Günter vom HSV und Oliver Schmidtlein vom FC Bayern. "Jeder hat aber natürlich seine kleinen Geheimnisse", sagt Schünemann, denn während der Spiele sind sie dann ja doch direkte Konkurrenten.

Doch bevor die Bundesliga wieder startet, kämpft Hertha um die Teilnahme am europäischen Wettbewerb. Nach einer weiteren Trainingswoche in Österreich ist das Hertha-Team fit. Schünemann ist davon überzeugt: "Wenn wir normal spielen, machen wir sie platt."

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