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Hooligans: Willkommen bei Freunden

Das Motto der WM verspricht friedliche Spiele. Doch ein schockierendes Video, das dem stern zugespielt wurde, zeigt die Brutalität deutscher Hooligans. Experten fürchten Randale vor allem in den Innenstädten.

Ohne Zahnschutz geht Benny (Name von der Redaktion geändert) selten aus dem Haus. Ob auf der Arbeit oder in der Disko, zum Einkaufen oder zu einem Länderspiel - die Plastikdose mit der Boxerspange gehört dazu wie Handy oder Schlüsselbund: "Man kann ja nie wissen, ob was geht."

Im normalen Leben legt er es angeblich nicht darauf an. Aber wenn etwas geht, dann macht er sich "grade". Nur darauf kommt es an: "Immer mitten rein und feste drauf, einstecken, austeilen - sich grade machen." Er weiß auch nicht, wie er die Lust an der Prügelei anders erklären soll. Abenteuer? Adrenalin? "Ja klar", sagt Benny - und "nein", als reiche ihm das selber nicht: "Das Gruppenerlebnis natürlich. Der Mob, der Verein."

Notfalls macht er sich auch für Deutschland grade - und immer für sich selbst: "Mit jedem Fight wächst dein Selbstbewusstsein", sagt er, "auch wenn es bekloppt klingt, sich dafür zu kloppen." Seine Freundin tanzt aktiv Tango. Das findet er mindestens genauso sinnlos: "Jeder sucht Anerkennung." Sie tanzt. Er ist Hooligan. "Wo ist der Unterschied?"

Mit seinen 30 Jahren zählt sich Benny schon zu den "alten Hools". Er wählt SPD und wohnt noch zu Hause, arbeitet als Großhandelskaufmann und legt Wert darauf, nicht in einen Topf geworfen zu werden mit "den ganzen Nazi-Schlägern im Osten". Aber ebenso wenig mit den vielen "alten Kollegen", die sich auch im Westen neuerdings lieber im Wald verabreden. Da ist ihm "der Nachwuchs schon lieber, der wieder mehr die Nähe zum Stadion sucht - old school eben".

Gewalt und Fußball gehören für ihn zusammen. Zur WM aber möchte Benny nicht allzu viel sagen: "Wer viel redet, macht sich selten grade." Er und alle, die er kennt, können den Sommer kaum erwarten, ihre WM, wie Benny hofft: "Die Hooligan-WM."

Einschlägig bekannte Schläger

wie er werden kein einziges Spiel im Stadion sehen, wahrscheinlich nicht einmal in die Nähe gelangen. Trotzdem sind Hooligans der Albtraum aller Behörden und Veranstalter, dienten zuletzt sogar als Vorwand für Planspiele um den WM-Einsatz der Bundeswehr. Dabei schienen sie nach den wüsten 80er und 90er Jahren zumindest hierzulande und in den oberen Ligen keine Rolle mehr zu spielen.

In den schicken Sitzplatzstadien der Spitzenvereine tauchen sie nicht auf. Polizei und Vereine haben mit Härte und Fingerspitzengefühl bei der Fanbetreuung nach und nach in den Griff bekommen, was Sponsoren und Medien früher oft erschreckte. Im Schatten der Kameras aber, zum Teil ausgesperrt vor den Stadiontoren oder bei kleineren Vereinen und vor allem im Osten Deutschlands überlebte der Hooligan. Und mit ihm eine Jugendkultur, die nun vor der WM wieder öffentlich wahrgenommen wird.

Offiziell geht die Polizei von 10 000 einheimischen Schlägern aus. 7000 davon sind als "Gewalttäter Sport" registriert, für 2400 gelten bundesweite Stadionverbote. Die Polizei sortiert sie in Kategorie B ("bei Gelegenheit gewaltgeneigt") und C ("zur Gewalt entschlossen"). Doch die Zahlen sind teilweise alt, stammen nur von Clubs aus den beiden ersten Ligen. Und die Grenzen verschwimmen stetig.

Für Leute wie Benny, die einfach zu kleineren Vereinen ausweichen, selten bei Auslandsspielen fehlen und ihre Erfahrungen gern an Jüngere weitergeben, könnte man ohne weiteres auch den Buchstaben D vergeben. Bei Benny hat alles nichts genutzt: Jugendstrafen, gemeinnützige Arbeit, eine schimpfende Mutter. Das Stadionverbot hat ihn wegen seines Lieblingsvereins noch am schwersten getroffen. "Manchmal stehe ich mit Tränen in den Augen davor und warte auf die Jungs." Aber hinterher geht meistens sowieso mehr.

In den vergangenen Monaten hat die Polizei ihre Karteien noch einmal kräftig aufgefüllt. Viele Fans fühlen sich zu Unrecht verfolgt. Fanverbände klagen über "totale Überwachung" und Kriminalisierung. Auch szenekundige Beamte fürchten, dass die WM und die zunehmende Repression im Vorfeld viele junge Fans auf der Kippe erst richtig radikalisiert habe. Und alle beobachten seit Jahren, wie sich "Ultras", die zwar lautstark und bunt sind, aber eher selten mit der Faust auf den Putz hauen, zu handfesten Hooligans entwickeln. Als "Hooltras" bezeichnen sich manche Fanklubs inzwischen selbst und bekennen sich offen zur Gewalt.

Auffallend viele Jugendliche tigern am Wochenende durch die großen und kleinen Stadien der Republik, interessieren sich kaum für das Spiel auf dem Rasen und vermeiden auch äußerlich jeden Bezug zu einer Mannschaft. Stattdessen tragen sie ihre Lederhandschuhe in der Gesäßtasche zur Schau und gucken so böse, wie sie können. Sie verachten die mit Aufnähern und Schals behängten "Kutten" und warten nur darauf, dass es irgendwo Gerangel gibt. Und je nachdem, aus welchem sozialen Milieu sie stammen, basteln sie sich aus der halbstarken Lust auf Gewalt ihre Identität. Die Attitüde vom Underdog, der sowieso nichts zu verlieren hat, ist dabei ebenso Mode wie der brutale Snob, "gepflegt und arrogant", den klassische Hooligans auch gern geben.

Auf T-Shirts und in Internetforen erklären "erlebnisorientierte Fans" zur WM ganz Deutschland zum Schlachtfeld. Eigene Klamottenlabel sorgen für die nötige Abgrenzung und Identifikation. Meist bietet der Versandhandel für die "Freunde der dritten Halbzeit" neben der obligatorischen Gürteltasche und der blickdichten Sonnenbrille auch gleich noch Quarzsandhandschuhe und Zahnschutz an. Den Soundtrack liefern unzählige Szenebands: Sie heißen "Vollkontact" oder "Volxstum", spielen aggressiven Oi- oder Punkrock und kommen wie ihre Fans aus rechten oder linken Ecken.

Eine ihrer aktuellen Hymnen heißt "Summer of Hate". Darauf, dass alle Polizisten "Bastards" sind, können sich im Zweifel alle einigen. Und die schweren Ausschreitungen nehmen mit jedem Punktspielwochenende zu: Stendal, Essen, Hamburg, Aue. Fanbetreuer sprechen auch in diesem Zusammenhang von einem unheimlichen Frust auf die "Kommerz-WM", der überall zu spüren sei und ausgelebt werde.

Michael Endler dagegen spricht

lieber von "Panikmache". Er leitet die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS), wo alle Polizeiinformationen über Hooligans zusammenlaufen, und geht wie die meisten Fachleute davon aus, dass zumindest die hochsicheren Stadien während der WM keine Randale erleben werden. Auch die Gefahr auf Fanmeilen und vor öffentlichen Videoleinwänden werde sich "kaum von der auf Schützen- oder Oktoberfesten" unterscheiden. Die Polizei sei auf alles vorbereitet. Das Hooliganproblem werde überbewertet. Doch einiges spricht dafür, dass die Lage intern ganz anders eingeschätzt wird.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) warnt seit Monaten vor Ausschreitungen und fordert für viele Innenstadtbereiche mindestens die gleichen Sicherheitsstandards wie in den Stadien: "Wir sind ganz sicher, dass es nicht nur Happenings geben wird", sagt der Bundesvorsitzende Konrad Freiberg. Seine Berliner Kollegen behaupten sogar, die Polizei könne die Sicherheit in der Hauptstadt während der WM nicht garantieren.

"Die Hooliganproblematik wird bewusst verniedlicht und schöngeredet, weil man Touristen nicht verschrecken will", sagt Klaus Eisenreich, der Berliner GdP-Geschäftsführer. Er kennt Videos aus Osteuropa, gegen die der 1. Mai in Kreuzberg ein Kindergeburtstag sei: "Diesen Leuten ist scheißegal, ob sie selbst verletzt werden. Schon 100 von der Sorte können verheerend sein. Wir aber haben weder personelle Reserven, noch sind die Kollegen auf diese neue Brutalität vorbereitet." Eine aktuelle Studie samt Expertisen über polnische und italienische Fans im Auftrag des Bundesinstituts für Sportwissenschaft soll vorsichtshalber erst nach der WM veröffentlicht werden. "Man muss ja die Gefahr nicht auch noch herausposaunen", so Fanforscher Gunter A. Pilz.

Lange war eine WM

für Hooligans nicht mehr so attraktiv wie die in Deutschland. Geografisch mittendrin, eine der ausgeprägtesten Szenen als Gastgeber, schnelle Verbindungen und unzählige Schauplätze, an denen es jederzeit knallen kann. Neben den traditionell berüchtigten Nationen aus Westeuropa sind auch die gefürchteten Nachahmer aus Osteuropa alle mit eigenen Mannschaften beim Turnier. Die Fifa als Veranstalter ist fein raus. Die Welt ist vor allem in Städten und Bundesländern zu Gast - "aber nicht bei Freunden", sagt Gerd, 37.

Auch für ihn gilt: "Kein Name, kein Verein, keine konkreten Aktionen." Nur so viel: Er war 1998 dabei, als in Lens 600 deutsche Hooligans wüteten und den französischen Gendarmen Daniel Nivel ins Koma prügelten, wenn auch nicht direkt "an dem Unfall" beteiligt. Bei einer Art WM-Vorrunde mit polnischen "Sportfreunden" aus Poznan ging er im Herbst in einem Wald bei Frankfurt/Oder gemeinsam mit Berlinern, Magdeburgern und ein paar Niedersachsen gnadenlos unter.

Prügeln sich Deutsche untereinander, verabreden sie sich irgendwo im Niemandsland - bevorzugt sonntags auf leeren Parkplätzen vor Einkaufszentren, oft auch ohne direkten Zusammenhang mit einem Fußballspiel oder am Tag danach. "Drittortschlägereien" nennt das die Polizei, beobachtet den Zulauf in dieser Disziplin seit Jahren und vermutet, dass ihr Anstieg im WM-Vorfeld einer "Vorbereitung auf die erwarteten, seitens der deutschen Hooligans unter Umständen sogar erhofften Auseinandersetzungen mit ausländischen Fans dienen könnte", so Uwe Lederer vom LKA Rheinland-Pfalz.

Zeit und Ort werden konspirativ und kurzfristig per SMS vereinbart. Manchmal werden die Schlachten von je einem Vertreter beider Gruppen gefilmt. Eine Videokopie bekommt nur, wer sich darauf selbst strafbar gemacht hat. Denn auch wenn es hinterher selten Gejammer und nie Anzeigen der Verlierer gibt, werden solche Schlägereien als gefährliche Körperverletzungen von Amts wegen verfolgt. Wie brutal es dabei zugeht, belegt das dem stern vorliegende Band.

Darauf machen Dresden und Chemnitz die Sache in einem Gewerbegebiet bei Döbeln miteinander aus: 30 Mann auf jeder Seite, angeblich "nur die Besten" beider Städte und augenscheinlich eine Mischung aus Hooligans und Kampfsportlern, Milieu und regional bekannten Neonazis. In Blöcken marschieren sie langsam aufeinander zu. Erst auf den letzten Metern explodieren sie plötzlich, boxen und treten auch auf bereits am Boden liegende Gegner ein, bis fast alle Dresdner bluten. Nach zwei Minuten ist der Spuk vorbei. Trotzdem machen sich die Verlierer noch für eine zweite Runde gerade.

"Der typische Hooligan

schläft aus, geht tagsüber pumpen und steht abends an irgendeiner Diskotür", sagt Steffen Kubald, Vorsitzender des Leipziger Fußballklubs Lokomotive, der heute ganz unten in der Bezirksliga kickt. Trotzdem ist bei den meisten Spielen ein Polizeiaufgebot nötig wie sonst nur bei viel höherklassigen Derbys. Wenn sie nicht gerade Dienst haben, sind einige von Kubalds Ordnern bei Auswärtsspielen selbst mit von der Partie. Junge Lok-Anhänger stellten sich bei einem A-Jugend-Spiel im Februar zu einem menschlichen Hakenkreuz auf. "Das sind keine Rechtsradikalen", sagt Kubald, "die haben einfach nur Matsch in der Birne."

Ähnlich argumentieren die meisten Klubs: Immer sind es "nur einzelne, die den ganzen Verein in Verruf bringen", ein paar braune Schafe, gern wird das Vereinsleben achselzuckend als "Spiegelbild der Gesellschaft" beschrieben. Erst in den vergangenen Wochen setzte eine zaghafte Diskussion über den alltäglichen Rassismus in deutschen Stadien ein, wo die Gegner regelmäßig mit der "U-Bahn nach Auschwitz" geschickt werden, sich als "Juden" beleidigt fühlen sollen und afrikanische Spieler mit Affenlauten und "Bimbo"-Rufen bedacht werden.

Selbst die NPD, sonst eher von gestern, wollte auf den Zug springen. Ein ehemaliger Spitzenfunktionär pöbelte auf Flugblättern gegen den Nationalspieler Gerald Asamoah. Bei der Parteizentrale konnte vor wenigen Tagen noch jeder Idiot einen WM-Planer bestellen, der "für eine echte Nationalmannschaft" wirbt: "Weiß - Nicht nur eine Trikotfarbe" steht darauf, quer über einem kopflosen Fußballer mit der Nummer 25. Die gehört - eher kein Zufall - Patrick Owomoyela, dem zweiten deutschen Nationalspieler.

Bei einem Datenabgleich

zwischen registrierten Hooligans und Neonazis stellten Berliner Verfassungsschützer im vergangenen Jahr eine größere Schnittmenge fest als zuvor gewohnt. Doch der Trend scheint nur in eine Richtung zu gehen: "Viele Rechtsextreme wandern in die Hooliganszene ab", so ein Brandenburger Ermittler. Führende Köpfe wie Gerd, der als typischer Ost-Hooligan "wenig Berührungsängste mit den Rechten" kennt, sieht darin aber keine Politisierung - im Gegenteil: "Viele junge Leute finden eine anständige Stadionrandale einfach spannender als zwanghafte Aufmärsche und langweilige Saalveranstaltungen."

Erfahrene Hools wie er halten sich zurzeit eher zurück. Niemand will sich den Karrierehöhepunkt zu Hause durch "unnötige" Meldeauflagen und Aufenthaltsverbote erschweren. Und viele Kollegen sparen nicht nur Kräfte: "Notfalls muss man sich ja auch die Geldstrafen leisten können." Rechtzeitig wird sich Gerd außerdem ein neues Handy besorgen oder borgen, um nicht so leicht lokalisierbar zu sein. Vorbeugenden Hausbesuchen der Polizei will er mit Übernachtungen außerhalb begegnen: "Jedenfalls werden wir da sein, wenn die Engländer kommen."

Bis zu 30 000 englische Fans werden erwartet und werden ihrer Mannschaft auch ohne Tickets quer durchs Land folgen, echte Schlachtenbummler eben. "Echt old school", schwärmt Benny. Denn selbst wenn die 3500 schlimmsten Kollegen ihre Insel während der WM nicht verlassen dürfen: "Bei den Engländern boxt im Zweifel jeder mit."

Hooligans aus Tschechien, Serbien und Kroatien sollen für die Dauer des Turniers vereinbart haben, traditionelle Feindschaften ruhen zu lassen, um gemeinsam gegen Engländer vorzugehen. Anders als im Westen werden Gewalttäter in Osteuropa kaum registriert und können deshalb auch bei der Einreise nach Deutschland nur schwer herausgefiltert und abgewiesen werden. Vor allem auf schwarze Spieler und deren Anhänger hätten sie es abgesehen, warnt ein tschechischer Nazi-Hool die Leser der "Sunday Times": "Deutschland ist unsere geistige Heimat, da kämpfen wir alle gemeinsam."

Erst vor wenigen Tagen hat auch die portugiesische Neonazi-Partei Frente Nacional mit Ausschreitungen gedroht und dabei konkret das Spiel gegen Angola am 11. Juni in Köln genannt. Ein italienischer Faschist tönte in der Zeitung "La Repubblica", er plane mit gleich gesinnten Hooligans aus Deutschland und Spanien "ein Blutbad unter Muslimen". Weil ihr Vorbereitungstreffen ausgerechnet im österreichischen Braunau stattgefunden haben soll, wurde der Bericht schnell als Ente abgetan. Doch ähnliche Töne hörte der stern auch in der Ukraine.

"Wir hassen Nigger, arabische oder afrikanische Teams", sagt ein Hooligan aus Kiew, der mit etwa 50 Mann nach Deutschland kommt und dessen Team in der Vorrunde ausgerechnet auf Saudi-Arabien und Tunesien trifft. Gemeinsam mit Polen und Kroaten suche man außerdem den "Kampf gegen kleinere britische Mobs". Mit großen Gruppen wie Serben oder Deutschen wollen sich die Ukrainer dagegen lieber nicht anlegen: "Die sind zu stark für uns."

"Kleine schnelle internationale Begegnungen" hält auch Gerd für ein realistisches WM-Szenario: "Massenschlägereien mit mehreren hundert Mann werden sich wahrscheinlich nicht unauffällig organisieren lassen. Eher werden Gruppen zu 30, 40 Leuten durch die Innenstädte ziehen und nehmen, was kommt."

Von Holger Witzel / print

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