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International Antonio Contes Masterplan bei Juventus Turin

Nach dem Pokaltriumph über Milan ist Antonio Conte mit Juventus Turin weiter ungeschlagen und hat immer noch gute Chancen auf das Double. Doch bereits 14 Unentschieden rufen Kritiker auf den Plan - obwohl der Coach seinem eigentlichen Soll weit voraus ist. Trotzdem droht ihm ein Schicksal wie Perugia 1978/79.

Als Antonio Conte nach 120 Minuten im Pokal-Rückspiel gegen Milan in der Jubeltraube seiner Spieler und Assistenten verschwand, stand dem Juve-Coach die große Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Die Alte Dame war soeben nach einem 2:2 ins Finale der Coppa Italia eingezogen, bleibt als einzige Mannschaft der großen Ligen in Europa weiter ungeschlagen und darf neben dem Scudetto auch weiter vom Pokalsieg träumen.

Fast noch erleichterter als Conte selbst wird aber wohl seine Familie gewesen sein. "Wir hoffen, dass er möglichst lange unbesiegt bleibt. Denn sonst wird er unausstehlich", hatte sein Bruder Daniele kürzlich im Interview mit Tuttosport offenbart. "Dann verlässt er das Haus nicht, bis er den Grund der Niederlage bis ins kleinste Detail analysiert hat." Einen "Fanatiker" nennen Conte daher die einen wie Marco van Basten, die anderen drücken es mit "fußballverrückt" etwas netter aus.

Wie man es auch nennt, Conte ist ein akribischer Arbeiter, der es hasst zu verlieren. Für den Fußball und speziell für Erfolg mit Juve gibt er alles - gegen Milan mal wieder seine Stimme. Nicht einmal mehr ein Krächzen war aus ihm herauszubringen, die Interviews führte sein Co-Trainer. Doch das Remis, das dank der speziellen Pokalarithmetik eigentlich ein Sieg ist, war nach dem 5:0-Sieg über die Fiorentina weiteres Balsam für Conte nach der harten Kritik der letzten Woche.

Juves Hinrunde hat Illusion vom Titel geschaffen

Negativer Höhepunkt war wohl die verbale Entgleisung von TV-Kommentator und Juve-Fan Carlo Pelegatti, der in einer Liveübertragung wohl vergessen hatte, die Räuspertaste zu drücken, als er Conte aufs Übelste beschimpfte und beleidigte. Unbesiegt bedeutet eben nicht, auch über jeden Zweifel erhaben sein. Dafür hat Conte mit 14 Remis bei 14 Siegen einfach deutlich zu viele Unentschieden auf dem Konto. Recht hat nur, wer auch gewinnt.

Das gilt in der Bundesliga, aber noch viel mehr in Italien, wo TV-Trainerinterviews nach Spielende nicht selten in hitzigen Taktikdebatten zwischen Journalisten und Coach ausarten. Nachdem Juventus mit vier Remis in Folge die Tabellenführung der Serie A verspielt hatte, wurde plötzlich die Arbeitsweise von Conte in Frage gestellt. Die auch dank großer Startschwierigkeiten der Konkurrenz als Spitzenreiter abgeschlossene Hinrunde weckte bei Fans und Journalisten offenbar genau das, was Conte eigentlich hatte verhindern wollen: aufkommende Titel-Illusionen.

Dass vor der Saison eigentlich kaum ein Experte Juve ersthaft zu den Titelkandidaten gezählt hatte und das vom Club ausgegeben Ziel "besser als Platz Sieben" lautete, interessierte keinen mehr. Auf einmal bekam es Conte von allen Seiten.

Fans fordern Einsatz von Alex del Piero

Natürlich hat auch er in dieser Phase Fehler gemacht. Sein Wintertransfer Marco Borriello ist bisher keineswegs als Verstärkung zu bezeichnen. Sicher hat Conte auch taktisch nicht immer die richtige Entscheidung getroffen, aber seine Methoden sind ohnehin nicht jedermanns Sache. Man kann natürlich geteilter Meinung darüber sein, dass Milos Krasic und Eljero Elia in Contes System kaum eine Rolle spielen.

Viele Fans verstehen ebenso wenig, wieso ihr alterndes Idol Alessandro del Piero in seiner letzten Juve-Saison so selten in der Startelf steht, kritisierten dass der Trainer so lange trotz Formschwäche an Mirko Vucinic festhielt. Allerdings zahlte der Montenegriner dieses Vertrauen mittlerweile zurück, rettete einen Punkt gegen Bologna, war mit einem Tor und drei Assists bester Mann auf dem Feld gegen die Fiorentina war und schoss Juve gegen Milan zudem ins Pokalfinale.

Kritiker bemängeln Contes Taktik-Variationen

Aber recht machen konnte es Conte in dieser Phase ohnehin niemandem. Als er mit seiner Abkehr vom starren 4-4-2 seines Vorgängers Luigi Del Neri und dank einer deutlich flexibleren Ausrichtung mit frühem Pressing und viel Ballbesitz zum Saisonstart die Tabellenführung erobert hatte, forderten Kritiker sofort, dass er doch bitteschön auch einen Plan B brauche.

Als er dann nach und nach weitere Spielsysteme einstudierte, um je nach Spielsituation flexibler reagieren zu können und auch durch Verletzungen bedingt zuletzt häufiger ein 3-5-2 aufbot, hieß es plötzlich, mit seinen taktischen Umstellungen verwirre er die Mannschaft. Gefordert wurde die sofortige Rückkehr zum 4-2-4/4-4-2 bzw. 4-3-3 aus der ersten Saisonhälfte.

Contes Spieler allerdings begrüßten dagegen die größere Flexibilität. Denn tatsächlich war beispielsweise im Spiel gegen Udinese zum Beispiel gerade das 3-5-2-System der Schlüssel zum 2:1-Sieg und auch gegen Napoli initiierte eine taktische Umstellung Contes die Aufholjagd nach 0:2 und 1:3 zum letztlichen 3:3. Zuletzt erwies sich wieder das 4-3-3 gegen Fiorentina als Siegtaktik. "Beide Systeme beherrscht das Team gut. Wir können beide anwenden und auch im Spiel wechseln, zum Beispiel mit einem Dreiersturm beginnen und dann auf Fünfermittelfeld umstellen", zeigte sich Conte von seinen taktischen Rochaden überzeugt.

Juventus erst bei Stufe zwei des Conte-Plans

Trotz der öffentlichen Diskussionen blieb man intern bei Juve aber ruhig. Der Club hatte ja keinen Zauberer geholt, die Haare auf Contes einst kahlem Haupt schließlich nicht über Nacht auf magische Weise nachgewachsen. Die Rückkehr der Alten Dame in die Spitze der Serie A hatte Conte in mehreren Stufen geplant.

Zunächst wollte er Juve wieder wettbewerbsfähig machen, den Fans die Freude an der eigenen Mannschaft zurückgeben und den Gegnern Respekt einflößen. Mit Hilfe der Neuzugänge, allen voran Mittelfeldregisseur Andrea Pirlo, und einer starken Defensive (mit 17 Gegentoren und 13 Zu-Null-Spielen die beste der Serie A) als Basis gelang die erste Phase bis Weihnachten mit Bravour.

In der zweiten geht es Conte derzeit darum, das Team durch das Einstudieren neuer Systeme weiter zu entwickeln, um es in der Spitze auf Dauer zu etablieren - eine Aufgabe, an der seine direkten Vorgänger noch gescheitert waren. Eigentlich sollte auch erst in Phase Drei ernsthaft um Titel mitgespielt werden.

Doch mit dem erreichten Coppa-Finale und angesichts von vier Punkten Rückstand in der Serie A ist sogar jetzt schon mehr drin. "Wenn wir den Scudetto holen, wäre das ein Wunder", antwortet Conte daher regelmäßig, verhehlt dabei aber nicht, dass er durchaus bereit ist, an Wunder zu glauben.

Contes Baustellen: Stürmer, Pirlo-Abhängigkeit und Remis

Allerdings gibt es da noch einige Baustellen im Kader, die gegen dieses Wunder sprechen können. Da wäre zum einen die große Abhängigkeit von Spielgestalter Pirlo. Fällt er aus, lahmt Juves Angriffsspiel. Um das ist es im Abschluss ohnehin nicht so gut bestellt. Bis an den Strafraum läuft die Angriffsmaschinerie meist wie geschmiert, erst dann fangen die Probleme an. Das Missverhältnis zwischen Schüssen und Erfolgen ist eklatant hoch. In 28 Spielen erzielte die Alte Dame lediglich 44 Treffer.

Es fehlt ein richtiger Goalgetter, ein Spieler, der notfalls auch mal im Alleingang ein Spiel entscheidet. "Wir haben keinen richtigen Nummer-Eins-Stürmer", erklärte Conte auf einer PK angesichts der 22 Stürmertore, die sich auf die sechs Angreifer im Kader aufteilen, warum er offensiv soviel rotieren muss. "Die Hierarchie im Sturm entscheidet sich Woche für Woche im Training und Spiel." Und da die Mannschaft das Tor nicht trifft, führt das zum vielleicht größten Manko - den vielen Remis. "Die liegen ja nicht am schlechten Spiel, sondern weil wir nicht treffen", so Conte und flüchtete sich in Ironie. "Aber wir arbeiten dran - an der Playstation."

Arbeiten muss Conte auch an den Resultaten gegen die kleinen Gegner. Während Juve gerade in den Topspielen relativ souverän auftrumpft, vier von fünf bisher gewann, ließ die Alte Dame ausgerechnet bei den Underdogs wichtige Punkte liegen. Besonders bitter waren die Heim-Remis trotz zwischenzeitlicher 1:0-Führung gegen Cagliari und Chievo sowie das 0:0 in Parma, die die Tabellenführung kosteten.

Juve wie einst Perugia?

Da sich das Thema Neuzugänge erst im Sommer stellt, werden sich die Baustellen der Alten Dame wohl nicht so ohne weiteres schließen lassen. Der Pokalsieg ist trotzdem drin und sollte Milan noch straucheln vielleicht auch der Meistertitel. Vor allem ist aber möglich, dass Juve und Conte das wiederholen, was Perugia unter Ilario Castagner in der Saison 1978/79 gelungen war. Die Umbrier überstanden damals zwar eine ganze Saison lang ungeschlagen (19 Remis, elf Siege), wurden am Ende aber nur Zweiter.

Familie Conte wäre es zu gönnen. Antonio hätte einen Pokal und wäre insgesamt ungeschlagen und damit gut drauf und hätte möglicherweise keine Stimme mehr und könnte so ein paar Tage zu Hause mal nicht über Taktik und Fußball dozieren. "Der erzählt nämlich zu Hause sonst kaum etwas anderes", wusste sein Bruder laut Tuttosport zu berichten.

Malte Asmus

sportal.de sportal

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