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International: Dreamteam Juventus Turin

Ein Eiermann im Tor, ein Außenverteidiger, der Kopfbällen aus dem Weg ging, das möglicherweise große Vorbild von Felix Magath im Spielaufbau und ein Liebhaber trächtiger Kühe bilden das Gerüst der besten Juve-Elf aller Zeiten.

Juventus F.C. ist einer der ruhmreichsten Clubs der Fußball-Welt und mit 27 gewonnenen Scudetti (zwei weitere wurden nachträglich aberkannt) der Rekordmeister Italiens. Seit der Gründung 1897 gaben sich, auf dem Vereinsgelände der Vecchia Signora in Turin, die Weltstars die Klinke in die Hand. Und aus diesem illustren Kreis haben wir nun elf herausragende Akteure zusammengestellt, um die beste Juve-Elf aller Zeiten zu küren.

Die Kriterien, nach denen wir unsere Auswahl getroffen haben, sind hart. Gewonnene Titel, geschossene Tore, Ansehen bei den Fans und technische Fähigkeiten sind ebenso ein Kriterium wie die Bedeutung, die die einzelnen Spieler in ihrer jeweiligen Epoche für den Club gehabt hatten und wie bekannt ihr Name noch heute in Italien ist. Daher wird der eine oder andere große Name ohne Berücksichtigung bleiben müssen.

So haben es Stefan Reuter, Jürgen Kohler, Andreas Möller und Thomas Häßler genauso wie Helmut Haller nicht in die Elf geschafft. Zum einen waren sie nicht lange genug beim Club, zum anderen war ihr Anteil an der großen Geschichte der Juve deutlich zu gering. Auch berühmte Namen wie Gianluca Vialli, Ian Rush, Fabrizio Ravanelli, Pietro Vierchowod, Gianluigi Buffon und Salvatore Schillaci gehören nicht in unsere Topelf.

Härtefälle sind sicher Roberto Baggio, Antonio Conte und Antonio Cabrini. Baggio (1990-95) erzielte in 141 Ligaspielen 78 Tore für Juve und war 1992/93 für den UEFA Cup-Triumph maßgeblich verantwortlich. So großer Beliebtheit wie in Gesamt-Italien konnte er sich unter Juve-Fans insgesamt aber nie erfreuen.

Conte, mittlerweile Trainer der Alten Dame, hätte da schon eher in die Mannschaft rücken können, schließlich war er als Kapitän an den großen Triumphen zwischen 1992 und 2004 beteiligt und zudem Publikumsliebling. Angesichts der großen Konkurrenz im Mittelfeld konnte er sich in unserer Auswahl allerdings knapp nicht durchsetzen. Gleiches gilt für Cabrini, immerhin einen der weltbesten Außenverteidiger der 80er Jahre. Schließlich muss ja auch eine gewisse Ausgewogenheit bei der Kaderzusammenstellung zwischen den einzelnen Juve-Epochen hergestellt sein.

So genug der Vorrede. Hier kommt also unser Juve-Dreamteam:

Dino Zoff (330 Liga-Spiele)
Bei Juve und Dino Zoff war es Liebe auf den zweiten Blick. Als Jugendspieler hatte sich der Torhüter wegen seiner für einen 14-Jährigen sehr kleinen 1,60 Meter von der Alten Dame noch eine Abfuhr eingehandelt, im reifen Alter von 30 Jahren verpflichtete ihn der Club 1972 dann doch noch. Zoff war dank der von seiner Oma verordneten täglichen Dosis von acht Frühstückseiern bis zum Alter von 19 auf 1,82 Meter emporgeschnellt.

Im Anschluss hatte er sich bei Udinese Calcio, Mantova und Napoli einen Namen gemacht. Elf Jahre lang hielt er dann den Kasten von Juve sauber, war Garant für sechs Meistertitel, zwei Pokalsiege, den UEFA Cup-Gewinn und wurde auf dem Höhepunkt seiner Karriere im Alter von 40 Jahren mit Italien sogar Weltmeister. Einziger Wermutstropfen: Er gewann niemals den Europapokal der Landesmeister. Im Finale 1983 hatte der HSV etwas dagegen.

Carlo Parola (1939-54: 334 Spiele/10 Tore)
Wenn er sich nicht bei einem heftigen Sturz den Arm gebrochen hätte, aus Carlo Parala wäre sicher ein großer Radsportler geworden. "Bei den Anstiegen war ich stark, leider nicht so bei den Abfahrten“, erinnerte er sich später laut ilpalloneracconta.com. Nach dem Tod seines Vaters, der sein erstes Rad selbst gebaut hatte, wendete er sich mit der gleichen Passion dem Fußball zu.

In der Saison 1938/40 wechselte er zu Juve, wo der Defensivallrounder maßgeblich am Gewinn der Coppa Italia (1941/42) und von zwei Scudetti (1949/50, 51/52) beteiligt war. Nachhaltige Berühmtheit erlangte er nicht nur durch seinen Spielstil und seine Fähigkeit meist vor seinem Gegner am Ball zu sein, sondern vor allem durch ein Foto. Der Schnappschuss, der Parola zeigt, wie er einen Ball per Fallrückzieher klärt, ist in die italienische Sportgeschichte eingegangen und brachte Parola den Spitznamen "Signor Rovesciata" ("Mister Fallrückzieher") ein.

Ciro Ferrara (1994-2005: 253 Spiele/15 Tore)
Als Teenager hatte die Morbus Osgood-Schlatter-Erkrankung, eine Reizung der Patellasehne, Ciro eine Zeit an den Rollstuhl gefesselt. Seinen Aufstieg zum Fußballstar konnte das jedoch nicht verhindern. Für Neapel hatte er bereits zehn Jahre brilliert, bevor er sich von Marcello Lippi zur Juve mitnehmen ließ und dort in elf Jahren als Abwehrspieler und zeitweise Kapitän diverse Meistertitel, Supercups, die Coppa und die Champions League gewinnen konnte. Ferrara gilt als einer der besten Innenverteidiger seiner Generation.

Gaetano Scirea (1974-88: 377 Spiele/24 Tore)
"Gai", wie ihn die Fans liebevoll nannten, gab alles für Juve – letztendlich sogar sein Leben. Schon kurz nach seinem Wechsel zur Alten Dame war der Libero aus der Startelf nicht mehr wegzudenken. Scirea galt als einer der komplettesten Verteidiger der Welt, vielleicht sogar der gesamten Fußballgeschichte. Keiner konnte ein Spiel lesen wie er. Scirea organisierte seine Nebenleute so geschickt und setzte seine Vorderleute so brillant in Szene, dass Juve unter seiner Regie sieben Scudetti, zwei Pokalsiege, alle drei Europacups und den Weltpokal gewinnen konnte.

Einzigartig war auch seine Fairness, die sicherlich auch seinem brillanten Stellungsspiel zu verdanken war. In seiner gesamten Karriere sah er nicht eine Rote Karte. "Gaetano war ein außergewöhnlicher Mann und Fußballer. Er war ein Beispiel für Stil und Klasse – sowohl auf dem Feld als auch außerhalb“, erklärt Dino Zoff, laut offside.com. Scireas freut sich selbst zwei Jahrzehnte nach seinem tragischen Tod ungebrochener Beliebtheit. "Er wäre auch ein guter Trainer geworden, wenn er die Chance bekommen hätte", ergänzte Zoff. Doch diese zweite Karriere war Gaetano leider nicht vergönnt.  Auf dem Weg zu einem Scouting-Einsatz für Juve im Vorfeld der UEFA Cup-Partie gegen Gornik Zabrze verbrannte Scirea nach einem Zusammenstoß seines Wagens mit einem LKW in Polen.

Virginio Rosetta (1923-36: 338 Spiele/15 Tore)
In der Saison 1923/24 wechselte Rosetta nach zwei gewonnenen Scudetti mit SG Pro Vercelli für 50.000 Lire zur den Bianconeri, deren Trikot er 13 Jahre lang trug und dort insgesamt weitere sechs Meistertitel sammelte. "Viri“ gilt noch heute als einer der besten Rechtsverteidiger, die Italien jemals hervorgebracht hat, vor allem weil er mit Köpfchen spielte. Das allerdings lediglich im übertragenen Sinne, denn seine immer sorgsam mit Pomade angeklatschten Haare wollte er sich durch Kopfbälle nur ungern durcheinander bringen lassen. Seinem guten Stellungsspiel hatte er zu verdanken, das seine Kopfballqualitäten selten benötigt wurden, seine Abwehraufgaben erledigte Rosetta umso besser mit dem Fuß.

Den Kopf nutzte er lieber für wichtigere Dinge: Gehaltsverhandlungen. Rosetta wurde 1923 zum ersten Profi Italiens, als er sich seinen Wechsel zur Alten Dame mit einem Handgeld von 40.000 Lire sowie einem monatlichen Club-Salär von 300 Lire und einer Anstellung als Buchhalter, die ihm zusätzliche 700 Lire brachte, vergolden ließ. Die Investition rechnete sich für Juventus. Denn Rosetta war der große Rückhalt des Quinquennio d'Oro-Teams, das zwischen 1930 und 1935 fünfmal in Folge den Scudetto gewann. Die Saison 1935/36 absolvierte er dann noch als Spielertrainer für die Alte Dame, ehe er 1937/38 als Coach die Coppa gewann.

Pavel Nedved (2001-09: 247 Spiele/51 Tore)
Bei Lazio war Pavel Nedved zur Weltklasse gereift, ehe für 41,2 Millionen Euro zu Juve kam und sich hier nach leichten anfänglichen Eingewöhnungsproblemen den Status einer Clublegende erspielte. "Juventus hat mir alles gegeben. Ich habe hier meine Siegermentalität erworben, die Einstellung, dass jede Begegnung wie eine Schlacht ist. Ich habe gelernt, auch an mich selbst hohe Ansprüche zu stellen, Schwierigkeiten anzupacken und sie zu überwinden“, erinnerte er sich, laut fifa.com, an seine Zeit in Turin.

Insgesamt führte der vielseitige Mittelfeldspieler, der seine Stärke vor allem auf den Außen hatte, Juve zu vier Meistertiteln, von denen jedoch zwei im Zuge des Calciopoli-Skandals aberkannt worden waren, zwei Supercups und ins Finale der Champions League 2002/03, das allerdings im Elfmeterschießen gegen Milan verloren ging. Unsterblich machte er sich bei den Fans allerdings, als er sich 2006 entschloss, dem Club trotz Zwangsabstieg treu zu bleiben und ein Garant für den sofortigen Wiederaufstieg trotz neun Punkten Abzug wurde. Noch heute ist er dem Club als Board-Mitglied von Präsident Andrea Agnelli verbunden.

Luis Monti (1931-38: 225 Spiele/19 Tore)
Als Luis Monti am 1. August 1931 in Turin ankam, werden die am Bahnhof versammelten Fans und Journalisten und auch die Club-Offiziellen entsetzt geguckt haben. Das war doch nicht der Monti, der sie zwei Jahre zuvor im Dress der argentinischen Nationalmannschaft noch bei den Olympischen Spielen in Amsterdam verzückt und im Jahr zuvor die Alciceleste ins WM-Finale geführt hatte? Denn statt eines topfitten Sportlers, entstieg dem Zug ein beleibter Mittdreißiger.

Monti hatte seine Karriere in Argentinien bereits im Vorjahr beendet und sich seitdem auf die faule Haut gelegt, ehe ihn der Ruf der Alten Dame aus Europa erreichte.

Zum Saisonbeginn werde er rechtzeitig fit sein, versprach er schnell. Und dafür tat er alles. Von morgens um sechs bis abends schuftete und schwitzte er, schleppte - lange vor Felix Magath – Medizinbälle über den Trainingsplatz. Mit Erfolg: Zum Saisonstart präsentierte er sich tatsächlich in Topform. 12 Kilo hatte er verloren, seine technischen Fähigkeiten und sein großartiges Spielverständnis behalten können. Aus zentraler Position war er zwischen 1932 und 1935 maßgeblicher Garant für vier Scudetti. Zudem spielte er auch in der italienischen WM-Elf von 1934 und ist damit der einzige Spieler, der jemals mit zwei verschiedenen Nationalmannschaften WM-Endspiele erreichte.

Didier Deschamps (1994-99: 124 Spiele/4 Tore)
Didier Deschamps trug das Trikot der Bianconeri zwar nur für fünf  Spielzeiten, hatte aber mit seinem großen taktischen Verständnis, seiner Dynamik und seinen Führungsqualitäten auf und neben dem Platz erheblichen Anteil am Wiederaufstieg der Alten Dame.

Persönlich festigte Deschamps in dieser Zeit seinen Ruf als einer der besten defensiven Mittelfeldspieler der Welt und zeichnete sich als Leitwolf für drei Meistertitel, einen Pokalsieg, zwei Supercups und natürlich den Sieg in der Champions League mitverantwortlich. 1999 verließ er den Club in Richtung Chelsea, kehrte 2006 aber als Trainer zurück und schaffte mit Juve nach dem Zwangsabstieg und trotz der schweren Hypothek von neun Minuspunkten den sofortigen Wiederaufstieg in die Serie A, trat am Saisonende allerdings zurück. Einen Schritt, den er später bereuen sollte.

Michel Platini (1982-87: 172 Spiele/102 Tore)
Die Juve-Mannschaft, zu der Platini 1982 hinzugestoßen war, verfügte bereits über jede Menge Klasse, doch mit "Le Roi“ wurde daraus Extraklasse. Seine genialen Aktionen, seine punktgenauen Pässe, die überragenden Freistöße und vor allem seine Tore führten Juventus zu zwei Scudetti, einem Pokalsieg und je einem Erfolg im Europapokal der Pokalsieger und der Landesmeister.

Platini selbst sicherte sich zwischen 1983 bis 1985 dazu zwei persönliche Hattricks. Dreimal in Folge gewann er die Torjägerkanone der Serie A und wurde dreimal hintereinander zu Europas Fußballer des Jahres gekürt. Ausgerechnet Platinis größter Triumph mit Juve wurde von einer riesigen Tragödie überschattet. Zwar brachte sein Elfmeter gegen Liverpool den Europacupsieg, doch das Drama von Heysel belastet den UEFA Präsidenten noch heute. "Etwas ist damals in mir gestorben“, erklärte er independent.co.uk.

Giampiero Boniperti (1946-61: 444 Spiele/178 Tore)
Die Gegner verspotteten Giampiero Boniperti wegen seiner blonden Locken als "Marisa", doch die Fans von Juve liebten ihn, weil er wie kaum ein anderer den Juve-Spirit verkörperte und Zeit seines Lebens dem Club treu geblieben war. Zunächst als Spieler, später als Präsident. Er widerstand den Abwerbeversuchen aller großen Clubs, sogar des damals in den 40er Jahren deutlich erfolgreicheren Lokalrivalen Torino.

Doch mit seinen Toren – 178 insgesamt, übertroffen nur von Alessandro Del Piero – half Boniperti mit, diesen Rückstand aufzuholen. Er gewann mit Juve fünf Scudetti sowie zwei Pokale als Spieler und war als Funktionär an neun weiteren beteiligt. In seine Amtszeit als Präsident fiel auch die Verpflichtung von Giovanni Trapattoni, der als Coach für eine der erfolgreichsten Zeiten der Alten Dame sorgte. Exzellent war jedoch nicht nur Bonipertis Torriecher, sondern auch sein Geschäftssinn. Vertraglich hatte er sich für jeden Torerfolg eine Kuh als Sonderprämie zusichern lassen, die er sich in den Stallungen der Familie Agnelli selber aussuchen durfte. Der Legende nach wählte Boniperti immer trächtige Tiere aus.

Alessandro del Piero (1993-?: derzeit 495 Spiele/205 Tore)
Scirea hatte die meisten Einsätze für Juve, Boniperti die meisten Tore für den Club erzielt – bis Alessandro Del Piero kam und die bestehenden Bestmarken pulverisierte. Der Stürmer ist die personifizierte Juve und wird spätestens seit seinem legendären Ausspruch "Ein Kavalier verlässt seine Dame nicht“, mit dem er sein Bleiben trotz Zwangsabstiegs 2006 bestätigte, als Legende verehrt. Del Piero wäre mit Juventus damals sogar in die dritte Liga abgestiegen, wenn es hätte sein müssen.

Wenn es nach seiner Mutter gegangen wäre, hätte Alex in der Jugend im Tor stehen sollen, weil das Verletzungsrisiko dort ihrer Meinung nach eher gering sei. Doch sein erster Trainer wiedersetzte sich dem Wunsch der Mama und bot Alex im Sturm auf. Glück für Juve, das so zu einem Traumstürmer kam, der mit dem Club fünf Meisterschaften – zwei weitere waren wegen des Calciopoli-Skandals aberkannt worden -, einen italienischen Pokal, die Champions League und den Weltpokal gewann und zudem drei weitere Male das Finale der Königsklasse erreichte.

Das linke Strafraumeck heißt unter Juve-Fans dort seit langem nur ehrfürchtig "La Zona Del Piero“, weil er aus diesem Eck mit seinen großartigen Schlenzern viele Tor hatte erzielen können. Am Ende wird Del Piero nach 18 Jahren den Club als Legende verlassen – offenbar nicht ganz freiwillig. Jedenfalls verkündete Präsident Agnelli auf einer Pressekonferenz kürzlich vorzeitig, dass der Vertrag Del Pieros nicht mehr verlängert werde. Eine Legende wie er hätte einen würdigeren Abschied verdient gehabt.

Giovanni Trapattoni
Bei der Suche nach einem Trainer fiel die Wahl auch nicht leicht, schließlich hatten sowohl Carlo Carcano in den 30ern als auch Giovanni Trapattoni und Marcello Lippi große Erfolgsserie vorzuweisen. Doch letztlich haben wir uns für Trap entschieden, der zwischen 1976 und 86 alles abräumte, was es an Pokalen zu holen gab - darunter alle drei Europapokale, den europäischen Supercup sowie den Weltpokal.

Trap holte 15 Titel in neun Jahren und stellte nebenbei in seiner Debütsaison mit 51 von 60 möglichen Punkten einen neuen italienischen Rekord für Meisterschaften mit 16 Teilnehmern auf. 1991 kehrte er noch einmal für drei Jahre zum Rekordmeister zurück, konnte aber nicht an die großen Erfolge der Vergangenheit anknüpfen. Immerhin gewann er in der Saison 1992/93 noch einmal den UEFA Cup.

Malte Asmus

sportal.de / sportal

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