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Interview Holger Stanislawski: "Wir bleiben Underdog"

Nachdem der FC St. Pauli das Zweitliga-Spitzenteam SC Freiburg mit 5:0 aus dem Millerntor gefegt hat, wurden Erinnerungen an alte Zeiten wach. Der Kiezklub lebt wie eh und je. Großen Anteil hat Teamchef Holger Stanislawski. Auf stern.de spricht "Stani" über Kult, Kommerz und Kumpeltypen.

Herr Stanislawski, am letzten Sonntag hat der FC St. Pauli den Aufstiegsaspiranten SC Freiburg mit 5:0 aus dem Millerntor geputzt. Ein schönes Gefühl, oder?

So etwas fühlt sich immer gut an. Wir mussten ja auch oft genug leiden und zittern auf der Bank. Wir haben Anfang März in Offenbach 3:1 geführt und noch 4:3 verloren, deswegen war ich beim 3:0 noch nicht wirklich beruhigt. Erst als das 4:0 in der 52. Minute fiel, habe ich gesagt: So, jetzt ist das Ding durch! Es war ein runder Tag.

>Man konnte schon den Eindruck gewinnen, das Underdog-Image hätte sich von selber erledigt. Dann gab es diese dicke Party, alles war außer Rand und Band hinterher. Lebt der braun-weiße Mythos doch noch?

Die Stimmung war gigantisch. Die Freiburger haben ja selber mitgefeiert. Die haben das ironisch genommen. Wir bleiben aber von der Grundstruktur ein Underdog. Das wird sich auch in der nächsten Saison nicht ändern. Wir merken das bei Gesprächen mit neuen Spielern, dass es für uns unwahrscheinlich schwierig ist, mit anderen Vereinen in der Zweiten Liga mitzuhalten. Da gibt es welche, die unten in der Tabelle rumkrebsen, aber deutlich höhere Gehälter bezahlen. Wir müssen stricken, basteln, Überzeugungsarbeit leisten. Wir kennen das und sind da nicht müde.

Mit welchen Pfunden wuchern Sie denn bei Transferverhandlungen, wenn es das Geld nicht sein kann?

Wir können mit anderen Werten kommen. In meinen Augen ist Hamburg die schönste Stadt Deutschlands. Der Verein an sich hat ein spezielles Flair. Wir spielen auch sehr guten Fußball. Es wird momentan in ganz Deutschland hoch angesehen, wie wir uns präsentieren. Wir sind weit weg von den alten Zeiten, mit Laufen, Grätschen und die Bälle nach vorne Schießen. Aber wenn ein Verein im Monat 10.000 Euro mehr zahlt, fangen die Spieler an, zu überlegen, das ist klar.

Der FC St. Pauli stand nur fünf Punkte vor den Abstiegsrängen, dann kam Freiburg. Braucht Ihr Team den Druck?

Die Mannschaft kann mit dem grauen Mittelmaß nicht umgehen. Dafür fehlen uns die Typen, sich Woche um Woche einzubringen, wenn es nicht um alles geht. Die Jungs sind extrem stark, wenn es um gute Mannschaften und um Drucksituationen geht. Daran müssen wir arbeiten. In der Zweiten Liga gibt es aber eher Schwankungen, als in der Ersten, wo die ersten sechs Teams fast immer die Punkte mitnehmen.

St. Pauli ist im Sommer, nach vier Jahren Regionalliga, zurück ins Profigeschäft gekehrt. Was ist der Unterschied zwischen Amateur- und Profifußball?

Vom Aufwand her gibt es keinen Unterschied zwischen der Dritten und der Ersten Liga. Da wird ähnlich häufig trainiert. Aber die Abläufe und das gesamte Umfeld befinden sich in einer anderen Situation: Medienpräsenz, Stadienbesuche. Zu Cottbus II gegen Wolfburg II in der Regionalliga kommen 80 Zuschauer. Zum 1. FC Köln kommen in Liga zwei 50.000.

Sie gelten als Kumpeltyp mit gesunder Autorität. Wird da nicht verkehrte Idylle in einem knallharten Geschäft vorgegaukelt?

Ich bin nicht der Freund der Spieler, sondern derjenige, der den ganzen Laden hier am Laufen halten muss. Ich bin sehr umgänglich mit den Spielern. Ich kommuniziere gerne mit ihnen und flachse auch mal. Ich lasse mich auch duzen, weil ich weiß, dass ich dadurch keinen Autoritätsverlust habe. Die Jungs wissen aber, dass sie sich bei mir in einem Spielfeld bewegen, in dem zwar viele Dinge erlaubt sind, verlassen sie das Feld, dann bin ich rigoros.

Jürgen Klopp war beim HSV im Gespräch, Jürgen Klinsmann geht zum FC Bayern. Kristallisiert sich in Deutschland ein neuer Trainertypus heraus?

Ich glaube, dass gerade ein Prozess in Gange ist, wo die junge Trainergeneration ihre Chance bekommt. Die Feldkamps dieser Welt räumen ihre Posten, jetzt kommen diejenigen, die selber gespielt haben und die Sprache der Spieler sprechen. Die junge Garde rutscht jetzt hinterher. Klopp, Frontzeck, Dolli, ich. Der Typ "harter Hund" hat ausgedient.

Stellen Sie nicht genau diesen Trainertypen dar, bei dem es egal ist, in welcher Liga der Klub spielt? Klopp ist ja auch einer, bei dem der Identifikationsfaktor fast über dem sportlichen Erfolg steht?

Dass ich aufgrund meiner Vita eine hohe Identifikation habe, ist unbestritten. Ich bin seit 1993 hier. Bis nächstes Jahr bin ich mit meinem Fußballlehrer beschäftigt, muss viel unter einen Hut bringen. Die Signale kommen aber von denjenigen, die in der Chefetage die Entscheidungen fällen. Die müssen auch sagen: Der identifiziert sich zu 100 Prozent! Bei Mainz klappt das, hier momentan auch. Ich renne aber nicht mit Scheuklappen rum. Das kann sich schnell ändern. Ein neuer Vorstand kann kommen, auch andere Situationen eintreten.

Wie weit ist der FC St. Pauli von der Bundesliga entfernt?

Wir haben uns in dieser Saison leider aufgrund von Inkonstanz in den Leistungen eine größere Chance verbaut, auch viel zu selten für gute Spiele belohnt. Wir befinden uns aber in einem Lernprozess. Ob es nach oben oder unten geht, ist in der Zweiten Liga schwer vorherzusehen. Wir wollen uns aber irgendwann erarbeiten, oben mitzuspielen.

Das haben andere Zweitliga-Klubs schon geschafft. Freitag kommt Wehen Wiesbaden, Mittwoch der Tabellenzweite 1899 Hoffenheim. Beide werden von steinreichen Mäzen aufgepäppelt und von Gegnern als Söldnervereine bezeichnet. Was ist der Unterschied zu einem gewachsenen Klub wie St. Pauli?

Wir haben einen Background, eine Fanszene, die sich über Jahrzehnte entwickelt hat. Das ist bei diesen Vereinen noch nicht so. Das ist eine neue Art von Fußball, da wächst was. Das darf man nicht abfällig bewerten. Da ist deutlich mehr Geld vorhanden, dadurch etwas aus dem Boden geschossen. Was sie machen, machen sie gut, das ist das Entscheidende.

Interview: Martin Sonnleitner

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