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Interview mit Ralf Rangnick: "Das Einfache ist das Geniale"

Ralf Rangnick galt schon vor zehn Jahren als Verfechter einer offensiv geprägten Raumdeckung und wurde als "Professor" belächelt. Heute haben sich seine Vorstellungen längst durchgesetzt. Im Gespräch mit stern.de spricht der Trainer von 1899 Hoffenheim über die taktische Ausrichtung der Bundesliga-Clubs.

Wie hat sich der Profifußball im Laufe der vergangenen zehn Jahre verändert?

Man hat immer mehr erkannt, dass große Mannschaften nicht nur große Spieler brauchen. Die Stars müssen Fußball auch als Mannschaftssport betreiben, um das Spiel der gesamten Mannschaft erfolgreich und attraktiv zu machen und gleichzeitig ihre eigene Leistungsfähigkeit voll ausspielen zu können. Vorreiter für diese Entwicklung waren bei den Nationalmannschaften die Franzosen, die Italiener und zuletzt auch die Spanier. Bei den Vereinsmannschaften der AC Mailand, Dynamo Kiew, FC Barcelona, Arsenal London. Es wird mehr auf die taktische und sportpsychologische Ausbildung der Mannschaft geachtet. Dies ist erfolgversprechender und sogar preiswerter.

Immer häufiger werden dem Spiel wissenschaftliche Erkenntnisse zugrunde gelegt. Akribische Gegnerbeobachtung und eine computergestützte Aufbereitung aller Spiele gehören zum gängigen Repertoire der Profi-Klubs. Theoretisiert man da nicht ein Spiel, das im Grunde ganz simpel ist?

Entscheidend ist, was die Spieler auf den Platz übertragen können. Wichtiger als die detailliertesten Erkenntnisse ist das Umsetzen dieser Erkenntnisse, wie kann ich sie für die Einzelspieler und die Mannschaft nutzen? An dieser Schnittstelle gilt: Das Einfache ist das Geniale. Noch wichtiger als jede wissenschaftliche Erkenntnis ist es, die Spieler zu überzeugen, dass sie davon profitieren.

Der "One-Touch-Football" aus der englischen Premier League gilt aktuell als Maß aller Dinge. Können Sie dieses Prinzip näher erläutern?

Das Prinzip ist einfach - der Ball ist schneller als der schnellste Spieler. Wenn ich also den Ball laufen lasse, erhöht dies das Spieltempo enorm. Dazu brauche ich aber technisch überdurchschnittlich begabte und geschulte Spieler, die ich manchmal gegen ihr Naturell dazu bringen muss, den Ball sofort wieder weiterzuspielen. Dies ist in besonderem Maße Arsene Wenger bei Arsenal London gelungen. Er musste dabei aber verstärkt auf ausländische Spieler zurückgreifen, denn in England standen nicht so viele Techniker zur Verfügung. Der One-Touch-Football in England bedeutet einen dramatischen Unterschied zum vorher weit verbreiteten Kick-and-Rush in der Premiere League.

Gibt es insgesamt einen Trend zu einem immer schnelleren und offensiveren Spiel?

Natürlich wird das Spiel immer schneller, weil Athletik, Technik und Taktik sich weiter entwickeln. Schnelligkeit ist vor allem in der Offensive ein wichtiger Faktor, daher wirkt ein schnelles Spiel immer offensiver, es ist aber auch riskanter, deshalb bevorzugen viele Mannschaften nur ein schnelles Konterspiel, die taktische Grundausrichtung ist dann aber eher defensiv.

Erwarten Sie bei den meisten Teams in der Fußball-Bundesliga eher eine offensive oder defensive Grundausrichtung?

Die Grundausrichtung wird bei der Mehrzahl die vielzitierte "kontrollierte Offensive" sein.

Hat sich die "Doppel-Sechs" etabliert, also zwei defensiv agierende Spieler als zentrale Absicherung vor der Abwehr?

Die doppelte Sechs vor der Abwehr ermöglicht sowohl den Außenverteidigern, als auch vor allem den äußeren Mittelfeldspielern eine offensivere Ausrichtung. Die Problemzone, weil meist nicht besetzt, entsteht dann im Bereich des zentralen offensiven Mittelfelds hinter den Spitzen, dort wo früher der klassische "Zehner" agierte. Die heutigen Zehner haben mit dem früheren Mittelfeldregisseur nicht mehr viel gemein. Sie kommen im Spiel mit zwei Sechsern über die offensiven Außenpositionen und sollten dort nicht nur Spielmacher, sondern auch schnell, ausdauernd und torgefährlich sein.

Was sind in Sachen Taktik die zu erwartenden Spielsysteme in der Bundesliga-Saison 2008/09?

Sicher werden alle Grundordnungen eine Viererkette in der Abwehr vorsehen. Davor wird sich die Grundordnung beim Ballbesitz nach den zur Verfügung stehenden Spielertypen und in Ausnahmefällen auch nach dem Gegner richten. Zu den eingeführten Systemen könnte auch noch ein 4-3-3 hinzugefügt werden, aus dem sich durch geringe Variationen schnell auch ein 4-3-1-2 oder 4-3-2-1 machen lässt.

Beobachten Sie bei der Ausbildung von Spielern einen Trend, weg vom Experten hin zum Allrounder, der in der Lage ist, auf verschiedenen Positionen zu spielen ?

Vom Allrounder kann nicht gesprochen werden, man braucht Spezialisten, aber mit erweiterten Fähigkeiten. So sollten beispielsweise die offensiven Mittelfeldspieler auch die Waffen eines Stürmers - Schnelligkeit, Durchschlagskraft, Torgefährlichkeit - besitzen, nur so können sie sich auch in die Spitze erfolgreich mit einschalten.

Bei der EM waren Spieler zu beobachten, die sich eher aus der Tiefe des Raumes pfeilschnell ins Sturmzentrum bewegt haben. Ist dies ein Trend?

Die Tiefe des Raumes ergibt sich aber nur, wenn ich auch mindestens einen Spezialisten ständig ganz vorne an der Abseitsgrenze lauernd postiert habe. Zu nennen wären Fernando Torres vom Europameister Spanien oder Miroslav Klose bei Deutschland im 4-2-3-1.

Haben alte Spielschemata, etwa die Dreierkette oder gar der Libero, komplett ausgedient?

Wenn mit Dreierkette oder/und starrem Libero gespielt wird, habe ich in jeder Situation drei Spieler in der Abwehr gebunden, das kann zuviel sein, wenn ich selbst im Ballbesitz bin, weil uns mindestens ein Spieler beim Spielaufbau fehlt. Wenn der Gegner angreift, können drei Spieler in der Abwehr schnell zu wenig sein, um die gesamte Spielfeldbreite abzuschirmen, in der Folge werden dann die äußeren Mittelfeldspieler zurückgezogen, wodurch eine Fünfer-Kette entsteht, was sehr defensiv und wenig attraktiv wirkt. Bei einer intelligent gespielten Viererkette, habe ich nur zwei Spieler, die Innenverteidiger, ständig in der Abwehr, während die Außenverteidiger immer ins Mittelfeld pendeln und dort wichtige Aufgaben im offensiven Spielaufbau übernehmen können.

Aber der moderne Innenverteidiger muss mehr können, als hinten den Riegel dicht zu halten. Bei der EM war das Duo Mertesacker/Metzelder die Problemzone. Was zeichnet einen modernen Top-Innenverteidiger aus, wer ist auf dieser Position gegenwärtig in Ihren Augen Weltklasse?

Er muss die Fähigkeiten eines früheren Vorstoppers und eines Liberos in sich vereinen: Kopfballstark, schlagsicher, das Spiel gut lesen, Gegner- und Passwege antizipieren können und im Abwehrzentrum auch mit athletischer Dominanz auftreten wie Rio Ferdinand oder Giorgio Chiellini.

Mit welcher Taktik gehen Sie bei 1899 Hoffenheim in Ihre erste Bundesliga-Saison?

Wir verlangen zwar eine taktische Grundausrichtung, aber keine schematische Grundordnung, da sind wir flexibel. Die taktische Grundausrichtung bedeutet im Spiel gegen den Ball: ballorientierte Raumdeckung mit Pressing, Attackieren in Überzahl, Alle beteiligen sich an der Balleroberung. Bei eigenem Ballbesitz: schnelles Spiel in die Spitze; schnelle, flache, möglichst steile Kombinationen mit wenig Ballkontakten, Schaffen von Anspielmöglichkeiten für den Ballbesitzer und das Nutzen des Raumes.

Interview: Martin Sonnleitner

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