Interview mit Trainer Schaaf "Meisterschaft wäre für Werder eine Sensation"


Kurz vor dem Rückrundenstart spricht Werder-Trainer Schaaf über seine Erwartungen an das Team, den besonderen Fußballstandort Bremen und die neuen Geschäftsgebaren in der Liga

Das Interview mit Thomas Schaaf führten Hans-Joachim Zwingmann und Peter Hübner (dpa)

Werder Bremen geht als Tabellenführer in die Rückrunde. Welche Bedeutung hätte der Meistertitel für Sie?

"Für den Verein wäre es eine Sensation, für mich eine riesige Freude. Es würde zeigen, dass man mit einer Mannschaft, die gut mitzieht, etwas erreichen kann, das man vorher nicht erwartet hatte."

Was darf nach der Winterpause beim SV Werder nicht passieren?

"Schlechte Ergebnisse und viele Verletzte."

Andere Spitzenclubs haben bessere finanzielle Voraussetzungen als Werder. Wünschen Sie sich manchmal bessere Bedingungen?

"Natürlich wäre es schön, wenn ich meine Ziele mit einem einfachen Salto statt mit einem dreifachen Salto erreichen könnte. Das gilt in jeder Beziehung. Wir haben in Bremen zum Beispiel die Zahl der Trainingsplätze erhöht, aber leider immer noch keinen Platz mit einer Rasenheizung."

Was unterscheidet Werder von anderen Clubs?

"Wir haben durch eine Eigenart unseren Platz in der Bundesliga und in der Öffentlichkeit gefunden. Wenn man wie wir jetzt eine GmbH & Co. KGaA ist, kann man zwar nicht unbedingt mehr von einer Werder-Familie reden. Aber uns verbindet etwas. Die kurzen Wege, die persönliche Note, mit der sich gekümmert wird, und eine gewisse Ruhe im Umfeld zeichnen uns aus. Auch wenn sich das mit der Ruhe durch die Erfolge geändert hat."

Nach welchen Kriterien haben Sie Ihr Team zusammengestellt?

"Bei der Amtsübernahme 1999 hatten wir einen großen Kader und ein Team ohne die ganz große Identifikation. Wir haben den Altersschnitt deutlich gesenkt und einen Umbruch eingeleitet. Es ging auch ohne Eilts, Bode, Herzog oder Rost erfolgreich weiter. Sportdirektor Klaus Allofs hatte bei den Neueinkäufen ein gutes Auge. Wir haben die Mannschaft punktuell verstärkt, mit entwicklungsfähigen und bezahlbaren Spielern wie Lisztes oder Ernst und mit jungen Spielern aus dem eigenen Verein."

Hochkaräter wie Ailton oder Micoud sind aber auch dabei?

"Ailton war ja schon bei uns, als ich Cheftrainer wurde. Ich musste ihm die Pistole auf die Brust setzen: Entweder willst Du weiterhin auf der Tribüne sitzen oder Du willst was erreichen."

Ärgert Sie der Wechsel von Ailton und Krstajic zu Schalke 04?

"Gewisse Transfers konnten wir nicht vermeiden. Torsten Frings wollte ich sicher nicht nach Dortmund abgeben. Aber wir brauchten das Geld unbedingt. Bei Ailton und Krstajic hatten wir nicht die finanziellen Möglichkeiten, um sie zu halten."

Hat sich das Geschäftsgebaren der Bundesliga geändert?

"Durch das Bosman-Urteil und die Kirch-Verträge sind die Gehälter explodiert. Nun müssen die Vereine alles auf ein vernünftiges Niveau zurückschrauben. Was Schalke in diesem Zusammenhang macht, ist schon erstaunlich."

Wechseln die Spieler im heutigen Fußball nicht zu häufig?

"Das ist Normalität. Spieler und Berater verdienen am Transfer. Zuschauer und Medien verlangen Stars und neue Gesichter. Der eine oder andere Profi sucht mit seinem Wechsel aber auch eine neue sportliche Herausforderung."

Wie beurteilen Sie die Qualität des deutschen Fußballs?

"Die Nationalmannschaft ist WM-Zweiter, und die Bundesliga genießt eine hohe Wertschätzung. In den europäischen Club- Wettbewerben haben wir allerdings Probleme. Man muss fragen, ob der Ausländeranteil nicht zu hoch ist und ob nicht viele Vereine die falschen Ausländer beschäftigen. Es darf auch nicht sein, dass deutsche Nationalspieler nicht jede Woche spielen."

Was gefällt Ihnen derzeit am Fußball?

"Die Bundesliga ist spannend, jedes Spiel reizvoll, der Zuschauerzuspruch entsprechend groß. Ich freue mich, dass unsere Mannschaft so eine tolle Halbserie gespielt hat. Und die Vorfreude auf die EM in Portugal und auf die WM 2006 in Deutschland ist groß. Wir werden sensationelle Stadien bekommen."

Welchen Anteil hat ein Trainer am Erfolg einer Mannschaft?

"Er ist ein Part der Mannschaft. Ich mache den Spielern Vorgaben und bin allerdings davon abhängig, ob sie diese umsetzen wollen oder können. Meine Aufgabe ist es, die Mannschaft so zu führen, dass ein sportlicher Erfolg dabei herausspringt. Wie der aussieht, dass hängt auch von den Rahmenbedingungen ab."

Warum sind Sie als Trainer in Bremen so erfolgreich?

"Ich versuche stets, einen guten Job zu machen. Dazu gehört, dass ich mich mit allen Sachen, die ich anpacke, zu 100 Prozent identifiziere. Deshalb hatte meine Karriere auch eine ordentliche Entwicklung: Erst als Spieler, seit 1999 als Cheftrainer."

Hinterfragt man seine Arbeit mehr bei Misserfolgen?

"Ich überprüfe mich immer wieder. Das muss man auch, um sich zu entwickeln. Ich kann nicht alles als Selbstverständlichkeit hinnehmen. Sonst erschrickt man, wenn es mal nicht so klappt."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker