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Kevin Kuranyi: Eine bittere Entscheidung

Kevin Kuranyi ist von Bundestrainer Joachim Löw nach dem Spiel gegen Russland suspendiert worden. Ein richtiger Schritt, aber auch das Resultat einer tiefen Frustration. Vor der WM 2006 ausgebootet, von den eigenen Fans geschmäht - Kuranyi ist endgültig die Lust vergangen. Allerdings: Die Art und Weise seiner Reaktion ist unentschuldbar.

Ein Kommentar von Jens Fischer

Man muss sich auf den Pausenhöfen Stuttgarts und Umgebung nur einmal ein wenig umsehen: Da finden sich ganz viele kleine Buben, fußballbegeistert und eifrig im Bestreben, ihren Idolen der Bundesliga nachzueifern. Die meisten dieser kommenden Star-Kicker tragen VfB-Trikots, beflockt mit den Schriftzügen eines Mario Gomez, eines Serdar Tasci oder auch eines Sami Khedira. Auf die jungen Popstars sind sie scharf.

Und dann gibt es noch ein paar kleine Nostalgiker. Die tragen immer noch ein Leibchen von einem, der schon vor einigen Jahren den Neckar in Richtung Westen verlassen hat. Kevin Kuranyi - ihn lieben sie in Schwaben immer noch. Er verkörpert rund um Stuttgart immer noch den Kindertraum: Aus bescheidenen Verhältnissen kommend hat Kuranyi es bis in die Bundesliga und sogar in die Nationalmannschaft geschafft. Er war Vorbild der Kids, ein super Stürmer, hip, gut aussehend und mit coolen Klamotten. Der VfB Stuttgart war einmal Kuranyi-Land.

Internationale Karriere liegt am Boden

Wenige Jahre später liegt Kuranyis internationale Karriere am Boden. Abgehauen in der Pause eines Länderspiels, beleidigt, enttäuscht von seinem Trainer Joachim Löw, weil der ihn auf die Tribüne gesetzt hatte. Am nächsten Tag abgetaucht und suspendiert vom Bundestrainer - eine normale Reaktion, die Kuranyi erwarten musste. Kuranyi traf eine Entscheidung, die er noch einmal bedauern wird. Der Schalke-Stürmer ist gerade einmal 26 Jahre alt, viel zu jung, um nur noch Vereinsfußball zu spielen. Die Frage sei erlaubt: Welcher Nationaltrainer nach Löw wird jemals noch einem Spieler vertrauen, der seinen Vorgänger so in Misskredit gebracht hat? Das zeigen Beispiele wie Stefan Effenberg, Uli Stein und andere.

Zugegeben: Kuranyi und die Nationalmannschaft - das hat schon lange nicht mehr gut gepasst. Vor der WM 2006 im eigenen Land wurde er von Jürgen Klinsmann ausgebootet. Ein bitteres Erlebnis für den doch oft so selbstverliebt wirkenden Kuranyi. Aber er kämpfte, wurde von Löw wieder eingeladen und hatte wieder einen Platz im deutschen Team. Es schien für ihn bergauf zu gehen. Allerdings nicht besonders lange. Seine Leistungen im Verein schwankten, er vergab in den letzten Monaten viel zu viele Chancen und vor allem: Seine technischen Defizite wurden immer offensichtlicher. Besonders letzter Punkt machte Löw nicht zum heißen Kuranyi-Verehrer.

Die eigenen Fans mögen ihn nicht

Aber viel schlimmer noch: Die eigenen Fans mögen Kuranyi nicht. Die Schalker stehen nicht besonders auf Spieler, die sich anfühlen wie Model-Millionäre. Dieses Image haftet Kuranyi an im Ruhrgebiet. Das weiß er - und kämpft dagegen an. In jedem Spiel gibt er alles, rackert, grätscht und versucht zumeist vergeblich auch noch zu treffen. Den Fans reicht das nicht. Selbst wenn er wie zuletzt gegen Wolfsburg seine Schalker mit zwei Toren rettet, pfeifen sie. Eine bittere Erfahrung.

Und alles ein wenig viel für Kuranyi. Jetzt hatte er an diesem Abend in Dortmund endgültig die Schnauze voll. Verständlich. Aber die Art und Weise seines Abgangs ist nicht in Ordnung. Welcher normale Arbeitnehmer kann einfach seinen Arbeitsplatz verlassen? Das hätte man besser machen können, sagten unisono Kuranyis Berater Roger Wittman und Schalke-Manager Andreas Müller. Hätte man, aber Kuranyis Ego ließ das nicht zu. Schade für ihn.

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