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Krawalle in der Fußball-Bundesliga: DFB setzt auf falsche Konzepte

Der Deutsche Fußball-Bund folgt nach den jüngsten Fan-Krawallen in der Bundesliga zwei Leitlinien: Verbieten und Verbannen. Eine Strategie, die nicht aufgehen kann.

Von Ronny Blaschke, Berlin

Der Kampf gegen Gewalt im Fußball gleicht dem halbherzigen Löschen eines Brandes. Ein bisschen Sand auf die Flamme, verbunden mit der Hoffnung, es gehe schon alles gut. Wie sind die Strafen sonst zu verstehen, die der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ausgesprochen hat? Hertha BSC muss die Zuschauerzahl seines Heimspiels gegen Stuttgart auf 25.000 begrenzen. Der 1. FC Köln muss in Hoffenheim auf eigene Anhänger verzichten. Der 1. FC Nürnberg darf in zwei Gastspielen nur personalisierte Sitzplatzkarten verkaufen. Drei Entscheidungen mit Kalkül. Drei Entscheidungen, die die Öffentlichkeit beruhigen und die Bestraften nicht zu sehr verärgern. Nachhaltig aber sind sie nicht.

Zurzeit wird das 1001. Kapitel einer Debatte geschrieben, die vor mehr als zwanzig Jahren begann und die noch Jahrzehnte andauern wird. Die Debatte wird von Hilflosigkeit, Populismus, Kurzsichtigkeit geprägt. Eine Lösung, um den Fußball dauerhaft zu befrieden, wurde nie gefunden, und sie erscheint ferner als je zuvor. Polizei und Politik pflegen nach dem Sturmlauf von Berliner Fans auf das Spielfeld zwei Leitbegriffe: Verbieten und Verbannen. Die Rede ist von leeren Rängen, Partien ohne Auswärtsfans, personengebundenen Tickets, der Abschaffung von Stehplätzen und sogar von Nacktscannern an den Stadiontoren. Die Botschaft ist klar: Mit uns ist nicht zu spaßen!

Aktionismus in Häppchen

Am 23. April treffen sich in Berlin die Innenminister mit Vertretern des Fußballs zu einem Runden Tisch. Es ist zum wiederholten Male ein Treffen, das als Reaktion auf einen Vorfall stattfindet, auf Grund öffentlichen Drucks. Zuletzt hatte der Sportausschuss des Bundestages Experten im November 2008 geladen. Damals wurden Thesen und Entwicklungen diskutiert, die seit Jahren bekannt waren, dennoch wirkten einige Parlamentarier verwundert, schockiert, ahnungslos. Wenn sich selbst Sportpolitiker nicht auf dem Laufenden halten, wie soll dann ein langfristiges Konzept durchzusetzen sein? Ein Blick in die Geschichte zeigt, wie oft der Kampf gegen Gewalt bei null begann: 1992 wurde nach zahlreichen Ausschreitungen das Nationale Konzept Sport und Sicherheit (NKSS) verabschiedet, das Fundament für Sicherheitsregeln in den Stadien und sozialpädagogische Fanprojekte. 1998 schrie die Öffentlichkeit erneut auf, als deutsche Hooligans während der WM in Frankreich den Polizisten Daniel Nivel fast zu Tode prügelten. Am eindringlichsten verdeutlicht jedoch die Offensive aus dem Herbst 2006, dass die Taktik von Politik und Funktionären nicht mehr ist als Aktionismus in Häppchen.

Nach Randale und rassistischen Übergriffen gründete der DFB eine Task Force, die Pressekonferenz wurde live übertragen. Der größte Sportverband der Welt engagierte einen hauptamtlichen Sicherheitschef, einen hauptamtlichen Fan-Koordinator, eine ehrenamtliche Integrationsbeauftragte. Und das, nachdem Gewalt und Diskriminierungen im Fußball mehr als dreißig Jahre existierten. Der Verband installierte ein neues Meldesystem im Amateurfußball, um auf Attacken schneller reagieren zu können. Er schuf den Julius-Hirsch-Preis für Initiativen gegen Fremdenfeindlichkeit und den Integrationspreis. Präsident Theo Zwanziger redete unermüdlich gegen böse Kräfte an. Doch wie nachhaltig können diese Maßnahmen tatsächlich sein? Wie sehr können sie Aggressionspotenzial und politische Verirrungen von Jugendlichen beeinflussen?

Öffentlicher Druck verschwindet schnell

Funktionäre antworten darauf, der Fußball könne nicht alle Leiden der Gesellschaft lindern. Doch sie haben eine Verantwortung für ihre Fans. Schließlich berufen sie sich auf sie - so lange es gut läuft, denn sie brauchen ihr Geld und ihre Unterstützung. In der vergangenen Saison spülten Fans eine halbe Milliarde Euro in die Kassen, dank Eintrittskarten und Fanartikeln. Mehr als 12.000 Fanklubs garantieren das Überleben. Trotzdem haben einige Klubs noch immer keinen hauptamtlichen Fan-Beauftragten. Andere Vertreter werden von der Vereinsführung nicht ernst genommen, oder kaum unterstützt. Die meisten wissen nicht, wie sie mit den neuen Herausforderungen der Ultra-Bewegung umgehen sollen. Und warum ist die Marketingabteilung oft viermal so groß wie der Stab für Sicherheit und Fans?

Außerdem ist der öffentliche Druck schnell wieder verschwunden. Die Task Force des DFB wurde längt in ein beratendes Gremium umgewandelt. Vor allem jene Mitglieder, die den Fankurven nahe stehen, wurden hinaus komplimentiert. Auch das antirassistische Projekt "Am Ball bleiben", an dem der DFB finanziell beteiligt war, wurde nach drei Jahren nicht verlängert. Das Projekt hatte viel erreicht, obwohl es nur einen festen Mitarbeiter hatte.

Massive Polizei-Präsenz als Lösung?

Die Auflösung von "Am Ball bleiben" illustriert den Kern des Problems. Prävention wird geduldet, nicht gefördert. Stolz sind DFB und Deutsche Fußball-Liga (DFL) auf 42 Standorte, an denen sich Sozialpädagogen um 47 Fanszenen kümmern, ein einmaliges Netzwerk in Europa. Doch viele Fanprojekte leben am Existenzminimum. Zwei, drei, höchstens vier Sozialarbeiter sind für Tausende verantwortlich. Ihre Jahresetats liegen bei 150.000 Euro, Peanuts im Vergleich zu den zweistelligen Millionenbudgets der Profivereine. Getragen werden die Projekte zu einem Drittel von den Ländern, den Kommunen und DFB/DFL. Die Bundesländer Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein, Thüringen und Sachsen stellten sich lange quer. In Leipzig musste sich über Jahre ein Sozialarbeiter um die rivalisierenden Fangruppen des FC Sachsen und des 1. FC Lokomotive kümmern. Stuttgarter, Hoffenheimer oder Freiburger Anhänger haben noch immer kein Fanprojekt. Es wird Jahre dauern, um diese verlorene Zeit aufzuholen.

Warum spricht sich Rainer Wendt, der Leiter der Deutschen Polizeigewerkschaft, nicht für eine Stärkung der Prävention aus, statt von Lebensgefahr in den Stadien zu schwadronieren? Damit verschärft er den Konflikt zwischen Anhängern und staatlichen Organen, obwohl das Verständnis für die jeweils andere Position nötig ist. Das Nationale Konzept Sport und Sicherheit, dass in der Zeit der Hooligans entstanden war, muss überholt und an die Ultra-Bewegung angepasst werden. Ansonsten entfernen sich Vereine und Fans noch weiter voneinander. Die Polizei kann Gewalt kurzfristig aus dem Fußball verbannen, durch massive Präsenz. Langfristig kann dies nur die Fankultur selbst schaffen. Ob sie dabei nach dem Runden Tisch am 23. April in Berlin durch ein pädagogisches Konzept unterstützt wird, ist allerdings zu bezweifeln.

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