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Ex-Nationalkeeper engagiert sich: Kick it like Lehmann

Die Fußballdamen kämpfen bei der WM, an der Basis ist Aufbauarbeit angesagt. Als Botschafter für die Laureus-Inititiave "Kicking Girls" weiß Jens Lehmann, was vor allem wichtig ist: Spaß am Bolzen.

Von Ingo Scheel

Jens Lehmann und die Fußballerinnen der der Osnabrücker Rosenplatzschule

Ex-Nationaltorhüter Jens Lehmann (M.) will den Mädchen der Osnabrücker Rosenplatzschule den Spaß am Fußball vermitteln

Die Gänge sind verwaist, in den Klassen stehen schon die Stühle auf den Tischen. Vom Schulhof weht Kreischen und Johlen ins Gebäude, so laut, man könnte glatt meinen, die erste Stunde am Montag steht gerade bevor. Dabei ist der Schultag in der Osnabrücker Rosenplatzschule schon fast gelaufen. AGs stehen jetzt noch auf dem Stundenplan. Eine davon ist "Kicking Girls", Fußball für Mädchen. "Wo ist denn wohl die Turnhalle?" frage ich ein Mädchen vor einer Garderobenreihe. "Komm mit, ich zeig es Dir", sagt sie und führt mich quer durch die Knäule auf dem Schulhof. Ticker, toben, von irgendwo fliegt mir ein Ball vor die Füße. Ich spiel den Pass weiter.

Vor der Hallentür steht ein Junge und macht pantomimisch einen Torwart nach. "Was ist los?" rufen sie von drinnen. " !!!", ruft der Junge und tut noch einmal so, als würde er einen Ball fangen. "Jens Lehmann kommt!" In der Tat - Jens Lehmann kommt, der Jens Lehmann. Ex-Torwart von Borussia Dortmund, von Schalke 04, Nr. 1 der Nationalmannschaft, Hüter des geheimnisvollen Zettels im Strumpf, inzwischen unterwegs als Botschafter für das Laureus-Projekt "Kicking Girls".

Bolzen, kicken, Sport treiben

In über 60 deutschen Städten gibt es mittlerweile um die 280 AGs, vornehmlich in sozial benachteiligten Stadtteilen. Die Idee: Jenen Mädchen, die Spaß am Sport haben, am Fußball, die Möglichkeit zu geben, betreut von Coaches und AG-Leitern, zu bolzen, zu kicken, Sport zu treiben. 

"Integration durch Sport und Bildung" steht auf den T-Shirts von Bastian Kuhlmann und Hannes Teetz. Der Name ist Programm: "Wir wollen Mädchen für den Sport begeistern, ganz besonders solche, denen es durch soziale oder familiäre Hürden sonst nicht möglich wäre" so Kuhlmann von der Uni Oldenburg, der für Laureus die Organisation des Projekts betreut.

Marleen trifft trocken rechts unten

Die Spielerinnen haben sich derweil warmgelaufen. Vier, fünf Coaches stellen Hütchen auf und erklären den Ablauf. Ball annehmen, stoppen, schießen, im Tor: Jens Lehmann. Die Tore sind nur auf die Wand gemalt, es hängen sich dennoch alle mächtig rein. Auch Lehmann, der sich dann und wann ziemlich strecken muss. Marleen trägt die Nummer 12 auf dem Rücken, sie hat eine ziemliche Klebe und trifft trocken rechts unten. Ganz kurz geht ihre kleine Faust hoch. Es wird nicht das letzte Mal an diesem Tag sein.

Jens Lehmann hört den "Coaches" zu

Jens Lehmann hört den "Coaches" zu

Das Pilotprojekt startete bereits 2006, seit 2008 gibt es "Kicking Girls" offiziell, die Initiative zieht Kreise. In der Schweiz und Österreich gibt es Ableger, Irland hat Interesse angemeldet. In der Rosenplatzschule sind 15 Mädchen aktuell in der AG. "Das ist eine prima Zahl, so macht das richtig Spaß", sagt Hannes Teetz, der hier seit 2011 im Einsatz ist.

Abseits von Expertenrunde und Promi-Turnier

Als Aktiver hatte er kaum Zeit für derlei Engagement, nach seinem Karriereende wollte Lehmann sich abseits von Expertenrunde und Promi-Turnier sozial engagieren. Unterstützt wird er von und . Es gibt hier für alle Mädchen die Möglichkeit, an Fußballturnieren teilzunehmen und eine Coach-Ausbildung zu absolvieren, um später selbst aktiv als Mentor fungieren zu können. Mag man bei Laureus an Glamour und Galas denken, ist das hier das größtmögliche Gegenteil. Die Sporthalle hat schon bessere Tage gesehen, da und dort Risse im Putz, eine Deckenlampe ist defekt. Dem Spaß tut das null Abbruch. Wichtig ist aufm Platz, das gilt für die Großen im Stadion genauso wie für die kickenden Girls in der Sporthalle in Osnabrück. 

"Diesen Kindern fliegen die Dinge nicht einfach so zu," sagt Lehmann zwischen zwei Übungen. "Das ist das Wichtige an diesem Projekt, dass man ihnen diese Möglichkeiten bietet." Zum Abschluss der Stunde gibt es einen Kick, elf gegen elf. Lehmann spielt erst im Tor, später auf dem Feld. Dribbelt ein paar Mal und zieht zuweilen auch den Kürzeren. 4:4 trennen sich am Ende die Teams. Marleen hat noch zweimal genetzt. Sie bekommt nach Spielende, wie alle Beteiligten, von Jens Lehmann eine Medaille umgehängt.

"Hast Du etwa Olli Kahn geschrieben?"

Zeit für das Mannschaftsfoto, für ein Erinnerungsfoto zu zweit mit ihm. Und für Autogramme auf den Trikots. Lehmann signiert hier, schreibt eine Widmung dort. "Hast Du etwa Olli Kahn geschrieben?", scherzt ein Lehrer aus dem Kollegium. Da muss auch Jenser lachen. Der Spieltag ist vorbei. Der nächste Termin mit den "Kicking Girls", in einer Turnhalle irgendwo in Deutschland, kommt bestimmt. Lehmann schultert die Tasche. 

Wann er mal wieder in der Bundesliga zu sehen ist, ob Schalke sich auf Trainersuche nicht mal bei ihm melden sollte, frage ich ihn zum Abschied. "Da müssen die aber schon sehr verzweifelt sein", lacht der Keeper. Dreht sich noch einmal um und schickt ein "…oder eben sehr schlau" hinterher. Grinst und geht. Draußen erkennt ihn ein Junge mit USA-Sweatshirt und Bürstenschnitt, die Sporttasche in der Hand. Der Junge hält die Hand hoch, Lehmann gibt ihm fünf und schlendert davon. "Ich spiel auch mal für Deutschland!" ruft der Steppke ihm hinterher. Durchaus möglich, dass ihm eines von den "Kicking Girls" aus der Halle zuvorkommt.

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