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stern-Gespräch

Fußball-Nationaltorhüter: Zwischen Reha und Comeback: Manuel Neuer über Rückschläge, Ehrgeiz und die WM

Nach schwerer Verletzung steht Manuel Neuer vor dem Comeback. Ein Gespräch über Rückschläge in der Reha, das Karriereende und die Angst des Torwarts vor dem Fehlgriff.

Manuel Neuer über Rückschläge, Ehrgeiz und akkurate Knie-Achsen

Manuel Neuer, 32, ist Kapitän des FC Bayern und der deutschen Nationalmannschaft. Drei Monate musste er nach seinem Mittelfußbruch auf Krücken gehen

Hinweis: Dieses Gespräch stammt aus dem stern Nr. 18 vom 26.4.2018 - es wurde vor dem Bayern-Aus in der Champions League geführt.

Herr Neuer, erst einmal nachträglich herzlichen Glückwunsch zur Deutschen Meisterschaft! Aber darf man überhaupt gratulieren?

Warum denn nicht?

Nun ja, Sie haben wegen Ihrer schweren Verletzung nur drei Mal mitgespielt.

Die Saison läuft ja noch! Wer sagt, dass ich nicht mehr spiele?

Am letzten Spieltag noch mal auflaufen und schön die Meisterschale als Kapitän in Empfang nehmen, das wäre wohl nach Ihrem Geschmack?

(Lächelt) Meisterschaft ist Meisterschaft. Ich identifiziere mich total mit dieser Mannschaft, auch wenn ich nicht spiele. Ich bin als Kapitän immer im Austausch mit den Führungsspielern gewesen. Entsprechend fühle ich mich als ein Teil des Teams. Also kommt der Titel schön auf die Visitenkarte.

Hinter Ihnen liegt eine Leidenszeit von sieben Monaten. Nach einem Mittelfußbruch im September, zum zweiten Mal am selben Fuß, trainieren Sie heute wieder auf dem Platz, beinahe so, als stünde das Comeback unmittelbar bevor. Ist dem so?

Sagen wir mal so: Ich bin topzufrieden, wie das bisher läuft, ich wäre natürlich gern noch ein Stück weiter.

Sie meinten zuletzt, dass ein weiterer Bruch des Mittelfußes das Karriereende bedeuten könnte. Bewegt man sich da nicht bei jeder Übung in der Reha voller Angst?

Ich habe mich nicht auf das Negative konzentriert. So bin ich nicht. Aber natürlich gab es den Punkt, an dem die Heilung stagnierte. Da musste ich schon schlucken und habe mich gefragt: Warum geht es nicht weiter? Was hat das zu bedeuten? Was macht da gerade mein Körper mit mir? Aber ich habe mir das dann immer genau erklären lassen: dass der Stoffwechsel in der Peripherie des Körpers eben am schlechtesten ist, weil der Fuß am weitesten vom Herzen weg ist.

Neuer gilt als Stabilisator jeder Abwehr. Für den FC Bayern will er in dieser Saison noch auflaufen

Neuer gilt als Stabilisator jeder Abwehr. Für den FC Bayern will er in dieser Saison noch auflaufen

Sie beruhigen sich, indem Sie die Probleme rationalisieren?

Mein Weg. Ich muss ja damit leben können.

Und das funktioniert immer?

Ich bin einer, der sich mit der Situation auseinandersetzt, sie verstehen muss, um sie dann so nehmen zu können, wie sie ist.

Sie tragen nun in beiden Füßen eine Metallplatte, belastet das auch mental?

Ganz im Gegenteil: Das gibt mir eher ein Gefühl der Stabilität.

Was haben Sie am meisten vermisst in den letzten Monaten?

Am meisten? Dieses Gefühl, gebraucht zu werden. Das hat mir am meisten gefehlt.

Sie gehörten in der Kabine plötzlich nicht mehr dazu.

Als Kapitän gehöre ich immer dazu, und das gibt mir Energie, auch in so einer Phase. Aber es ist natürlich nicht das Gleiche. Ich ziehe total viel Kraft aus meiner Rolle in der Gruppe. Aber natürlich arbeitest du im Alltag aneinander vorbei, ich hatte ja meinen Reha-Plan. Und irgendwann kommt der Tag, an dem nicht mehr jeder fragt: Wann bist du wieder da?

Es fehlte Ihnen mehr die Gruppe, nicht so sehr das Spiel?

Na ja, ich habe jetzt ein halbes Jahr Oberkörpertraining gemacht. Ich sage mal: Es gibt Schöneres. Natürlich fehlen mir die Erfolgserlebnisse des Wettkampfs.

Wodurch ersetzten Sie die in der Reha?

Ich kann mir da natürlich auch sagen: Heute habe ich die einbeinige Kniebeuge mit einer Zehnkiloweste aber toll gemacht, und die Knie-Achse war so akkurat. Aber glücklich macht natürlich was anderes. Es hat schon seinen Grund, dass viele, die aus einer langen Reha-Phase kommen, noch mal gestärkter sind. Sich durch so eine Zeit zu kämpfen, das ist wie ein Sieg.

Sind Sie mal bewusst auf Abstand zur Mannschaft gegangen?

Ich wollte nie komplett raus sein aus der Mannschaft, alles weiter mitleiten als Kapitän.

Wie lange brauchten Sie, um zu akzeptieren, dass es dieses Mal keine schnelle Lösung geben würde?

Es war in der ersten Phase nicht leicht für mich, loszulassen. Auch weil es nicht so lief für Bayern und ich deshalb sportlich noch mehr mitgelitten habe. Wir hatten Probleme, und nichts deutete darauf hin, dass wir mit so großem Vorsprung Deutscher Meister werden würden. Die Anfangsphase war deshalb die härteste Phase, dann gab es noch den einen oder anderen Rückschlag.

Welcher Art?

Die Rückschläge waren eher emotionaler Natur. Sie kamen zu einer Zeit, als sich hier im Verein auch einiges getan hat. Zum Beispiel der Trainerwechsel im Herbst von Ancelotti zu Heynckes. Ich musste erst einmal wieder alle neuen Trainer auf den Stand bringen bezüglich meiner Verletzung.

Wie haben Sie darauf reagiert, dass der gewohnte Profi-Rhythmus – Einchecken, Auschecken, Spiel – plötzlich unterbrochen wurde?

Na ja, ich will jetzt auch nicht sagen, dass mein Leben im Moment viel schlechter ist, weil ich plötzlich viel daheim bin. Ich habe vor einem Jahr geheiratet und will da keine Probleme bekommen (grinst).

Hat sich die Haltung zu Ihrem Sport während der langen Pause verändert?

Ich habe gemerkt, dass ich keine Probleme mit dem Karriereende bekommen werde. Mich hatte das schon beschäftigt, wie das privat mal wird ohne Fußball. Man erlebt das ja oft, dass Paare nach der Karriere schnell auseinandergehen, mit ihrem Leben nicht klarkommen.

Was verschaffte Ihnen Gewissheit?

Das war eher ein Gefühl in mir. Ich kann Ihnen jetzt nicht sagen, was genau mich ausfüllen wird, wenn es mal vorbei ist. Aber ich habe dieses Gefühl der Sicherheit, dass mein Leben gut weitergehen wird. Was ich auch weiß: Ich möchte auf jeden Fall gefordert sein nach der Karriere. Irgendwo sitzen und eine ruhige Kugel schieben, so wird mein Leben nicht aussehen.

Ihr Weltmeisterkollege von 2014, Per Mertesacker, sprach vor Kurzem von dem hohen Druck, den er verspürte, immer Leistung bringen zu müssen und immer unter Beobachtung gestanden zu haben. Sie sind nur eineinhalb Jahre jünger. Empfanden Sie es auch als Erleichterung, dass die Mühle Profisport mal stehen bleibt?

Mir gibt der Fußball groß artige Glücksgefühle. Mir verschafft dieses Gefühl, sich gemeinsam etwas aufgebaut zu haben, das dann durch einen Titel gekrönt wird, eine riesige Genugtuung.

Was ist mit der Dauerbeurteilung durch Dritte wie Trainer, Bundestrainer? Jeder Fehler wird doch bis in die Winkel des letzten Laptops transportiert und dort bewertet.

Natürlich ist das auch eine Gabe, damit umzugehen. Die hast du, oder du hast sie nicht. Ich musste das auch lernen, nach Fehlern weiterzumachen, sich richtig damit auseinanderzusetzen.

Und wie lernten Sie?

Das ist ein Prozess. Als Torwart ist das ja noch mal anders als Innenverteidiger oder Mittelfeldspieler. Da bist du meist der Schuldige, wenn es schiefgeht.

René Adler hat sie vor Jahren an den Rand einer Sinnkrise gebracht, diese Mischung aus Druck, eigenem Anspruch und fremden Erwartungen.

Ich habe mir in der Jugend immer gesagt: Nach einem Fehler pfeift der Schiedsrichter nicht ab. Das Spiel geht weiter.

Das ist ja fast rührend einfach!

Fast zu professionell, um wahr zu sein, stimmt's? Aber damit wir uns nicht falsch verstehen: Bis ich zehn oder zwölf Jahre alt war, habe ich hin und wieder angefangen zu weinen, wenn ich einen Fehler gemacht habe. Dann kam ich ins Jugendalter, da hatten wir Theorieunterricht, da war auch der Torwart ein Faktor in so einer Gesprächsrunde. Ich habe mir diese Haltung auch erarbeitet – egal, wie es steht, für den Torwart gilt: immer so spielen, als ob es 0:0 steht.

Und was ist nach dem Spiel, in der Nacht, wenn das Kopfkino losgeht: Warum hab ich nur?

Ich habe mich auch schon vor der Mannschaft entschuldigt, weil ich das Gefühl hatte, sie im Stich gelassen zu haben. Da schläfst du nicht gut. Aber du bekommst ja alle drei, vier Tage eine neue Chance.

Wie hat sich die spannungsfreie Zeit auf Ihre Psyche ausgewirkt?

Natürlich ist die mentale Beanspruchung im Moment nicht so, wie wenn alle drei Tage ein Spiel stattfindet. Wenn ein Spiel wie gegen Real Madrid in der Champions League ansteht, da heißt es in meinen Gedanken schon lange vorher (klatscht): Ronaldo, was macht der für Finten? Wie ist der Körpereinsatz beim Kopfball von Ramos? Jetzt wache ich ganz entspannt auf.

Sie kommen zur Ruhe.

Eher anders herum. Ich brauche weniger Ruhe, weil die mentale Beanspruchung nicht so hoch ist. Ich schlafe im Moment bestimmt zwei Stunden weniger am Tag. Wenn ich weiß: Wir fliegen nach Madrid, dann kommen wir an, 13 Uhr Mittagessen, da lege ich mich erst mal hin und schlafe eine Stunde, bis wir zum Abschlusstraining fahren. Und abends schlafe ich auch noch einmal neun Stunden. Jetzt brauche ich maximal sieben Stunden.

Dann stresst Sie der ganze Rummel ja doch immens.

Anstrengend ja, stressig nein! Es ist doch einfach nur schön, erst nach Leverkusen zu fliegen, um dort ein Halbfinale im DFB-Pokal zu spielen, und dann kurz darauf in Madrid noch eines in der Champions League.

Sind Sie überrascht, wie gut der sogenannte Generationswechsel beim FC Bayern München vonstatten geht? Vor einem Jahr hieß es noch nach dem Abgang von Kapitän Lahm und Xabi Alonso, die Mannschaft stehe vor einem riesigen Umbruch mit unabsehbaren Konsequenzen.

Eigentlich nicht. Es sind ja noch einige Champions-League-Sieger von 2013 in der Mannschaft. Ich denke, dass wir eine sehr konstante Leistung unter Jupp Heynckes gezeigt haben. Ich bin mir sicher, dass wir auch gegen Real im Rückspiel eine große Chance auf das Finale haben.

Der Kern aus der Mannschaft 2013 schrumpft, wenn auch noch Ribéry und Robben aufhören, bleiben noch Sie, Thomas Müller ...

... ja, ich weiß, ich bin bald einer der Ältesten ...

... auf jeden Fall steht dann endgültig ein Generationswechsel an ...

... wie jedes Jahr.

Sie sehen das nicht so?

Jedes Jahr fallen doch ein oder zwei Spieler raus. Klar, Philipp und Xavi sind weg, beide waren für diesen Verein sehr wichtig, auch in der Außendarstellung, deshalb erschien die Lücke auch so besonders groß. In der Mannschaft selbst war kein riesiger Umbruch zu spüren. Wir hatten hier nicht eine komplette Umstrukturierung. Wir haben hier Männer wie Boateng, Alaba, Martínez, die sind lange dabei.

Ab der nächsten Saison trainiert Niko Kovac den FC Bayern, nach dem offenbar Wunder wirkenden Heynckes. Dazu kommt, dass Vereine wie Manchester City oder Paris Saint-Germain die verrücktesten Summen zahlen für neue Stars. Kann es mittelfristig überhaupt der Anspruch sein für den FC Bayern, wie selbst verständlich ins Halbfinale der Champions League zu kommen?

Ich spüre auf jeden Fall, dass das Potenzial dazu in uns steckt. Und dieses Potenzial gibt uns definitiv die Chance, die Erfolgsserie zu halten. Die großen Fragen werden deshalb sein: Bleibt die Mannschaft hungrig? Wie motiviert der neue Trainer? Ehrgeiz kann man nicht trainieren. Den muss man in sich haben. Ich habe ihn in mir, und natürlich ist es auch an mir, die Truppe in Zukunft dahingehend zu beeinflussen.

Wie wollen Sie das machen?

Indem ich versuche, die Mannschaft immer wieder zusammenzuführen. Wir brauchen mehrere Führungsspieler, und die dürfen nicht aus unterschiedlichen Lagern kommen, darum geht es. Bislang klappt das nicht so schlecht, wir haben ja nicht umsonst alle Chancen gegen Real im Halbfinale.

Und dann kommt das Finale. Und dort heißt es: Im Tor – Manuel Neuer! ...

... und dann kommt vielleicht das Finale, und dort könnte es heißen: Im Tor, Manuel Neuer. Allerdings nur dann, wenn ich keine Probleme mehr habe. Nur wenn ich Leistung für meine Mannschaft bringen kann, will ich spielen.

Kein Profi lässt ein Finale sausen, wenn er einigermaßen fit ist.

Ich bin Kapitän und nehme das auch ernst. Ich kann nicht von nichts kommen und sagen: Ich spiele hier ein Finale. Da muss alles passen. Aber es hat mich in der Reha schon sehr motiviert, dass wir noch in zwei Wettbewerben sind – DFB-Pokal und Champions League. Das hat mir eine Perspektive eröffnet – noch für diese Saison. Dazu kam natürlich das große Ziel WM. Das treibt.

Welche Art von Vorlauf würden Sie für Ihre Matchfitness brauchen?

Die Leistung im Training wird entscheidend sein.

Vom Training in ein Finale – wäre das denkbar?

Man müsste die Trainingseinheit dahingehend gestalten. Wir spielen im Training normalerweise nie elf gegen elf, sondern nur über den halben Platz. Deshalb kann man nur im Spiel ein Gefühl fürs große Feld bekommen. So etwas müsste man im Training simulieren.

Könnten Sie sich vorstellen, bei der WM im Juni erst einmal auf der Bank zu sitzen, wenn der Heilungsverlauf keine schnelle Rückkehr ermöglicht?

2014 hatte ich vor der WM in Brasilien ja auch Probleme mit der Schulter nach dem Pokalfinale. Klar würde ich das machen. Aber ich denke schon, dass ich dabei bin und auch spielen kann. Und ich will das auch.

Ihr Kollege Toni Kroos hat nach der Niederlage gegen Brasilien die Jungen im Team deutlich kritisiert. Sie hätten ihre Chance nicht genutzt, und überhaupt sei die Elf nicht so gut, wie alle immer dächten. Machen Sie sich auch Sorgen?

Das sehe ich von außen ein bisschen cooler als Toni. Wir haben unsere Turniere immer gut bestritten, wenn wir eine professionelle und gute Vorbereitung hatten. Das hat uns immer stabilisiert für ein Turnier. Wenn wir Vorbereitung, Ruhe und Zeit haben, werden wir bereit sein. Und ich auch.

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