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Mesut Özil bei Real: Madrid verliebt sich in den deutschen Hasen

Zwei Spiele hat Mesut Özil gebraucht, um die Herzen der Fans von Real Madrid im Sturm zu erobern. Damit konnte man nicht unbedingt rechnen. Viel Skepsis hat den Wechsel des scheuen deutschen Nationalspielers zu Real Madrid begleitet.

Von Klaus Bellstedt

José Mourinho hatte genug gesehen. Es lief die 88. Minute im Champions-League-Spiel zwischen Real Madrid und Ajax Amsterdam, als der neue Trainer der Königlichen seinen besten Mann aus der Partie nahm. Nicht, weil der so schlecht gespielt hatte. Das Gegenteil war der Fall. Es war vielmehr eine Ehrerbietung von Mourinho an Mesut Özil. Der Star-Trainer wollte dem verwöhnten Operettenpublikum im Estadio Santiago Bernabéu die Chance geben, sich von seinem neuen Star-Spieler gebührend und gewissermaßen außer der Reihe zu verabschieden. Und die Fans ließen sich nicht lange bitten.

Zum zweiten Mal innerhalb von vier Tagen erhoben sich Zuschauer von ihren Sitzen und feierten Özil mit stehenden Ovationen. Schon am vergangenen Samstag, als Özil in der spanischen Liga gegen Osasuna Pamplona im Bernabeu sein Heimspieldebüt für Real gab - und dabei groß aufspielte - gab es diese Art von Extra-Applaus, den ausgewechselte Spieler besonders zu schätzen wissen. Am Mittwochabend um kurz vor halb elf hatte dann Mesut Özil die Herzen der Madrilenen endgültig im Sturm erobert.

Skepsis hat den Wechsel begleitet

"Das Stadion Bernabeu hat sich in den Deutschen verliebt", schrieb die spanische Sportzeitung "AS" am Donnerstag nach dem ungefährdeten 2:0-Erfolg von Real Madrid über Ajax Amsterdam. Wie schon beim 1:0 gegen Osasuna zog der Ex-Bremer auch an diesem Champions-League-Abend im zentralen Mittelfeld geschickt die Fäden und gab zum zweiten Tor von Gonzalo Higuain die Vorlage. Der 21-Jährige gab die wichtigen Impulse, schoss fast alle Ecken und hätte nach einem famosen Zusammenspiel mit Angel di Maria in der 73. Minute fast sein erstes Tor erzielt. "Er spielte intelligent, elegant und war überall. In Özil liegt die Hoffnung. Er hat aus einem mittelmäßigen Spiel einen weißen Feiertag gemacht", urteilte die zweite tägliche Sportzeitung Spaniens, die "Marca".

Viel Skepsis hat den Wechsel von Mesut Özil zu Real Madrid begleitet. Würde er es mit 21 Jahren schon bei den Königlichen packen? Würde er dem Druck standhalten, den Trainer José Mourinho auf ihn ausübte, als er ihn wegen mangelnder Spanischkenntnisse öffentlich tadelte? Auch wenn die Saison erst begonnen hat, die Antwort muss lauten: Ja, er kann! Und auch der oft kritische Mourinho adelt den Mann, der Superstar Cristiano Ronaldo gerade den Rang abläuft. "Sie können in Deutschland stolz darauf sein, so einen Spieler zu haben. Er ist sehr wichtig für den Takt der Mannschaft. Özil hat ein tolles Spiel geliefert, viele kreative Momente gehabt", sagte "The Special One" nach dem 2:0-Sieg über Ajax Amsterdam. Özil selbst blieb gewohnt bescheiden: "Ich fühle mich sehr wohl. Es macht einfach Spaß, mit den Jungs zu kicken. Und das spürt man auch auf dem Platz."

Özil spricht die Sprache des Fußballs

Die Bescheidenheit liegt in Özils Naturell. Seine Interviews waren noch nie sonderlich informativ. Der Deutsch-Türke mag nicht im Mittelpunkt stehen. Das war bei Werder Bremen so, und das ist auch in der Nationalmannschaft ähnlich. Wenn er denn überhaupt spricht, haucht er abgehackte Sätze monoton in die Mikrofone. Sobald er die Umkleidekabine verlassen hat, trägt Mesut Özil seinen Muschelkopfhörer im Nacken. Er trägt ihn wie seine Brillantohrringe oder die strassbesetzte Baseballkappe, die er oft nach dem Spiel aufsetzt und die ihn aussehen lässt wie einen Hip-Hop-Star. In der Scheu liegt aber auch eine große Chance - gerade was das Überleben im Haifischbecken Real Madrid betrifft. Özil hat um sich herum längst einen Panzer gebaut. In seinem Leben dreht sich alles um Fußball. Wahrscheinlich ist er deshalb so gut.

"Er hat das Wichtigste, das ist die Sprache des Fußballs", sagt Cristiano Ronaldo über seinen neuen Mitspieler bei Real Madrid. Das trifft es schon sehr gut. Noch treffender schreibt allerdings der in Spanien äußerst anerkannte "Marca"-Kolumnist Julio César Iglesias über Özil: "Diese bleiche Figur, die aus einem Wachsfigurenkabinett geflohen zu sein scheint, wirkt wie das Ergebnis einer unmöglichen Mischung: Sohn von Türken, in Deutschland Fußball erlernt resultierend in brasilianischer Spielweise." Der spanische Journalist spricht von einem einzigartigen Spieler, der da in die spanische Primera Division gekommen sei. "Er trickst wie ein Hase, hat das Gift einer Spinne, das Ballgefühl eines Kalligraphen und natürlich den Blick eines Chamäleons." Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

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