Nationalelf-Pleite Das Gespenst von Florenz


Jede Serie reißt mal, aber gleich so? Die deutsche Nationalmannschaft hat unter Trainer Jogi Löw ihre erste Pflichtspielniederlage einstecken müssen. Beim peinlichen 0:3 gegen Tschechien offenbarte das Team eklatante Schwächen. Sind wir etwa wieder in der Vor-WM-Zeit angekommen?
Von Klaus Bellstedt, München

Es lief die 60. Minute in der ausverkauften Münchener Allianz-Arena, als die deutsche Nationalmannschaft etwas über sich ergehen lassen musste, was sie schon lange nicht mehr erlebt hatte. Die Treuesten der Treuen pfiffen die Lieblinge der Nation gnadenlos aus. Und das im eigenen Wohnzimmer, im eigenen Stadion, dort also, wo Liebesentzug immer besonders weh tut. 0:2 lagen die Männer von Trainer-Beau Jogi Löw nach gut einer Stunde im für die Deutschen bedeutungslosen EM-Qualifikationsspiel gegen Tschechien zurück. Und wie sie zurücklagen! Es war bis zu jenem bemerkenswerten Aufschrei der eigenen Anhängerschaft ein jämmerlicher Auftritt der Nationalmannschaft. Ein Auftritt, der einen zwangsläufig an längst schon vergessene Vor-WM-Zeiten erinnern musste.

Sicher, das Ticket zur Euro 2008 hatte die DFB-Elf fünf Tage zuvor in Irland schon gelöst. Aber hatte die sportliche Leitung im Vorfeld der Partie gegen die Tschechische Republik nicht angekündigt, sich weiter voll reinhängen und mit einem Sieg den prestigeträchtigen ersten Platz in der Qualifikationsgruppe fixmachen zu wollen? Davon war während der gesamten Spielzeit nur zehn Minuten etwas zu spüren. Kurz vor dem Halbzeitpfiff, als die deutsche Mannschaft schon hoffnungslos mit zwei Treffern hinten lag, war es jeweils Kevin Kuranyi, der beide Male nach Vorarbeit von Piotr Trochowski mit Kopfballversuchen das Tor nur knapp verfehlte. Den Rest der schwarz-rot-goldenen Fußballvorstellung an diesem lauen Spätsommerabend in dem Stadion, in dem einst das Sommermärchen aus der Taufe gehoben wurde, kann man getrost als unterirdisch bezeichnen.

So einfach ist moderner Fußball

Es war am 1. März 2006. Damals, beim schrecklichen 1:4-Fiasko gegen Italien in Florenz performte die Nationalmannschaft in etwa auf ähnlichem Niveau wie jetzt in München. Spätestens nach dem dritten Gegentreffer der Tschechen durch Jaroslav Plasil in der 63. Minute geisterte das Gespenst von Florenz wieder auf dem Platz herum. Dass es nicht noch schlimmer wurde, lag an der Nachsicht und Höflichkeit der Gäste. Drei Treffer gegen die Deutschen, das sollte doch reichen.

Der tschechische Trainer-Fuchs Karel Brückner hatte sein Team glänzend eingestellt. Es war eine taktische Lektion, die der DFB-Auswahl erteilt wurde. Dabei war die Vorgehensweise der Osteuropäer einfach zu durchschauen. Nie wich die Mannschaft vom lupenreinen 4-5-1-System ab, immer wieder trug sie ihre Angriffe nach dem gleichen Schema vor. Der lange Abschlag von Chelsea-Keeper Petr Cech landete mit fast schon beängstigender, weil traumwandlersicher, Sicherheit auf Kopf oder Brust von Rammbock Jan Koller. Der baumlange Stoßstürmer verteilte die Bälle klug, während Verteidiger und Mittelfeldspieler aufrückten und die Räume verriegelten. So einfach ist moderner Fußball.

"In jeder Beziehung schlecht gespielt"

Dabei war es doch eigentlich das DFB-Team, das zuletzt mit einem derart überzeugenden Stil zu Werke ging und deshalb auch die beschwingte Fachwelt immer häufiger und vielleicht etwas voreilig das Wort 'EM-Favorit' in ihren Sprachgebrauch mit aufnahm. Damit dürfte es nach der deftigen 0:3-Klatsche gegen die Tschechische Republik vorerst vorbei sein. So verrückt es auch klingen mag, aber das ist vielleicht das einzig Positive. Natürlich ist nach einer Pflichtspielniederlage - der ersten unter Trainer Joachim Löw - nicht gleich alles wieder schlecht. Dafür war der Qualifikationsdurchmarsch viel zu überzeugend. Aber diese junge deutsche Mannschaft muss auch lernen, mit Negativ-Erlebnissen umzugehen. Auch um sich bei der Weiterentwicklung nicht selbst im Wege zu stehen.

Sowohl beim Trainer als auch bei den deutschen Spielern, von denen kaum einer Normalform erreichte, hatte die überraschende Pleite ihre Wirkung nicht verfehlt. Das verrieten die wohltuend realistischen Reaktionen, wie die von Torwart Timo Hildebrand "so dürfen wir nie mehr auftreten", oder von Innenverteidiger Per Mertesacker "als Mannschaft haben wir heute nicht funktioniert". "Wir haben in jeder Beziehung schlecht gespielt. Niemand hat die Leistung gezeigt, die man kennt, wir müssen uns alle an die Nase packen", lautete die eindeutige Bilanz von Trainer Joachim Löw. "Wir waren nicht in der Lage, irgendwas umzusetzen. Solche Fehler haben wir zuletzt gegen Italien in Florenz gemacht." Da war es plötzlich auch in der Erinnerung des Coaches wieder, das Gespenst von Florenz.

Keine weiteren peinlichen Ausrutscher

Torsten Frings hält nicht viel von bösen Geistern, dafür ist der Mann zu sehr Realist. Sorgen, dass die Niederlage möglicherweise psychologische Spuren in den Köpfen der Akteure hinterlassen haben könnte, muss man sich spätestens nach der Aussage des Kapitäns der deutschen Nationalmannschaft keine machen: "Gestern waren wir noch EM-Favorit, heute sind wir die Deppen der Nation. Das gibt es auch nur in Deutschland." Wer so sauber und auf den Punkt genau formuliert, hat definitiv kein Kopfproblem. Festzuhalten bleibt trotz der Fringschen-Theorie: Deppen der Nation sind sie nicht. Aber leider geht das schneller als man denkt. Auf dem Weg zum anvisierten EM-Titel dürfen sich peinliche Ausrutscher wie dieser gegen die Tschechische Republik eigentlich nicht wiederholen.


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