HOME

Nationaltorhüter Jens Lehmann: Herr Lehmann kriegt sie alle

Einst Nationaltorhüter, jetzt der letzte unbequeme Charakter der Bundesliga. Jens Lehmann gehört zu dem Typus Profi, der vom Aussterben bedroht ist. Leider! Streitbare Akteure sind nicht mehr erwünscht, dabei sagt Lehmann meist die Wahrheit - auch über Jürgen Klopp.

Ein Kommentar von Klaus Bellstedt

Es gibt Bundesligaprofis, die haben weder Ecken noch Kanten. Sie sind glatt. Sie schwimmen nie gegen den Strom. Sie haben keine eigene Meinung. Und es gibt Jens Lehmann. Auf den trifft das komplette Gegenteil zu. Der frühere Nationaltorhüter provoziert auch mit 39 Jahren seine Gegner, kritisiert Schiedsrichter und knöpft sich neuerdings auch Trainer vor. Man könnte auch sagen: Lehmann ist der letzte echte Typ der Bundesliga. Ribery, Diego, Ibisevic? Alles tolle Akteure und Stars in der Liga, aber auch Spieler an denen man sich reiben kann? Eher nicht. Da sollte uns ein Torwart mit Vorliebe für Auseinandersetzungen und dem Hang zu undiplomatischen Maßnahmen lieber sein.

Zumal Lehmanns Maßnahmen, für die er in der Liga in zwölf Saisonspielen bereits viermal mit der Gelben Karte abgestraft wurde, fast ausnahmslos nachzuvollziehen sind. So rein menschlich betrachtet. Zwei Beispiele: Beim 0:3 in Dortmund zeigte Lehmann Schiedsrichter Felix Brych den "Vogel", weil der ein glasklares Foul an ihm nicht ahndete, welches das vorentscheidende 2:0 für den BVB begünstigte. In Hamburg beim 0:2 warf Lehmann den Ball nach David Jarolim, um diesen für eine Schwalbe zu bestrafen, die einen unberechtigten Strafstoß nach sich zog.

Lehmann ist einer, der sich wehrt. Er ist ein Gerechtigkeitsfanatiker, der sich nichts gefallen lässt. Damit wir uns richtig verstehen: An der Berechtigung der Gelben Karten für den streitbaren Profi gibt es nichts zu rütteln. Aber mal ehrlich: Was hätten Sie an Lehmanns Stelle dem Jarolim mitgegeben? Einen Strauß Blümchen?

Wegen seiner jüngsten öffentlichen Schiedsrichter-Schelte nach dem Spiel gegen Eintracht Frankfurt (2:2) vom letzten Sonntag ("Was der Mann macht, ist unglaublich schlecht. Es muss doch bessere geben") wird der Torwart mit dem Bad-Boy-Image medial mal wieder durchs Dorf getrieben. Dabei hat er doch nur die Wahrheit gesagt. Einige Zeitungen versuchen beharrlich, einen Zusammenhang zwischen Rüpelhaftigkeit und Frustration herzustellen und vergessen dabei, dass Lehmann bei einem ungleich erfolgreicheren Club als Stuttgart, nämlich in der Weltauswahl von Arsenal London, immer schon jedem mit offenem Visier begegnet ist - und wegen seiner unbequemen Art auf der Insel (und noch dazu als Deutscher) hohe Anerkennung genoss.

Seit ein paar Tagen nun liefert sich Jens Lehman via "Bild" eine Schlammschlacht mit Dortmunds Trainer-Berserker Jürgen Klopp. Es geht um die Nachwehen der Schiedsrichterdebatte vom zwölften Spieltag. "Dass ich jetzt in Bezug auf Respektlosigkeit gegenüber Schiedsrichtern mit Jens Lehmann und anderen in eine Tonne geschmissen werde, sehe ich nicht ein", hatte Klopp Anfang der Woche im Boulevard posaunt. "Klopp?", konterte Lehmann, "na ja, er ist bekannt für große Sprüche. Damit hat er ja auch als TV-Experte ein Großteil seines Einkommens bestritten. Vielleicht liegen da seine wahren Stärken." Man kann von Jens Lehmann halten, was man will, aber Fakt ist, dass er oft nur das ausspricht, was andere sich nicht trauen. Auch deshalb bleibt nur zu hoffen, dass der frühere Nationaltorhüter uns noch ein weiteres Jahr erhalten bleibt. Die Liga braucht Typen!

Wissenscommunity