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P. Köster: Kabinenpredigt Zum Tod von Diego Maradona: Genie, Wahnsinn und die Sehnsucht nach dem großen Glück

Sehen Sie im Video: Fans und Vereine trauern auf Twitter um Diego Maradona.






Fußballlegende Diego Maradona ist tot.


Medienberichten zufolge verstarb der 60-Jährige in seiner Heimat im Stadtteil San Andrés in Buenos Aires.


Der argentinische Fußballstar gilt als einer der besten Fußballer der Geschichte.


In den sozialen Medien verleihen zahlreiche Nutzer ihrer Trauer Ausdruck.
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Diego Maradona, einer der größten Fußballer der Geschichte, ist tot. Er vereinte alles, was den Fußball ausmacht: Genie, Wahnsinn und die Sehnsucht nach dem großen Glück.

Keiner, der dabei war, wird es je vergessen. Wie Diego Armando Maradona im heißen Sommer 1984 zum ersten Mal das San Paolo betrat. Das Stadion des SSC Neapel war bis auf den letzten Platz gefüllt, 70.000 Menschen wollten den argentinischen Lockenkopf sehen, der nach langwierigen Verhandlungen endlich Ja zum Wechsel gesagt hatte. Jubel schwoll an, als der Hubschrauber mit dem Superstar heranschwebte und wuchs zu einem Orkan, als Maradona endlich aus dem Betontunnel ins gleißende Sonnenlicht trat, eingeschlossen von einer Traube Fotografen, die ihn dabei knipsten, wie er einen Ball nahm, ihn jonglierte, ihn auf den Schultern tanzen ließ und ihn hoch in den Himmel schoss und ganz lässig mit dem Fuß wieder auffing.

Tricks, die Maradona schon als kleiner Junge präsentiert hatte, als inoffizielles Vorspiel für die Erstligakicks der Argentinos Juniors, in deren Jugendmannschaften er gekickt hatte und wo er schon damals "El Pibe de Oro" gerufen wurde, der Goldjunge. Denn das außerordentliche Talent Maradonas war früh aufgefallen, an seinem Fuß schien der Ball mit dem Körper zu verschmelzen, Dribblings in höchstem Tempo, rasante Haken, unglaubliche Finten und ein unwiderstehlicher Zug hin zum Tor, all das machte das fünfte von acht Kindern eines Fabrikarbeiters zur heißesten Wette der späten Siebziger. Mit fünfzehn Jahren schon rückte er in die Herrenmannschaft der Juniors auf, war zwei Jahre später schon Torschützenkönig und Südamerikas Fußballer des Jahres, wechselte zu den Boca Juniors – und war also bereit für den Sprung in den ganz großen Fußball, für den Wechsel nach Europa zum FC Barcelona.

Desaster in Barcelona

Doch was als Ära geplant war, wurde zum Desaster. Ständige Verletzungen, Anklagen wegen Körperverletzung, Hausverbot in zahlreichen Lokalen, dazu ein murrender Präsident Nunez und ein bockiger deutscher Trainer Lattek, der den Argentinier mit intensiven Laufeinheiten piesackte. "Der will aus mir einen 10.000-Meter-Läufer machen", moserte Maradona und hinterlegte seinen Unmut auch bei seinem Manager Jorge Cyterszpiler, der irgendwann beschloss: "Dieguito muss hier weg." Dann kam das Angebot des SSC Neapel- und die glücklichste Zeit im Leben des Diego Maradona begann. Nicht nur, weil der Vertrag ihm aufgerundete zwei Millionen Mark im Jahr garantierte, dazu einen stattlichen Fuhrpark, Villa mit Meeresblick und Freiflüge nach Buenos Aires, um das Heimweh zu mildern. Sondern auch, weil Maradona in Neapel etwas fand, was er immer gesucht hatte: bedingungslose Liebe.

Die Tifosi verehrten Maradona auf abgöttische Weise, und der Argentinier gab diese Liebe zurück. Die Hafenstadt mit ihren ärmlichen Vierteln erinnerte ihn an seine Jugend in der heruntergekommenen Vorstadt Villa Fiorito. Er fühlte sich daheim. Mit dem Argentinier wurde der zuvor herumdümpelnden SSC wieder eine Spitzenmannschaft, und als zwei Jahre später nach einem 1:1 bei Como Calcio Neapel als italienischer Meister feststand, ertrank die Stadt im Jubel. Diegos Lockenkopf prangte auf Häuserwänden und Asphaltstraßen, Plakaten und Aufklebern. Und die ehrfürchtige Parole "Ich habe Maradona gesehen!", die auch im Stadion gesungen wurde, machte deutlich, dass der Argentinier zu einer Art neuem Schutzheiligen der Stadt geworden war.

Maradona hat diese Jahre später als rauschhafte Zeit beschrieben, und das war in vielerlei Hinsicht treffend formuliert. Da war der Titelrausch. 1986 war er in Mexiko Weltmeister geworden, nach einem Turnier, dass seinen Status als einer der besten Spieler der Fußballgeschichte zementiert hatte. Er hatte 1987 auch noch die Coppa Italia gewonnen, ein Jahr später den UEFA-Pokal gegen den VfB Stuttgart und dann nochmal die Meisterschaft. Da war aber auch das Kokain, mit dem Maradona immer häufiger dem Druck, der permanenten Aufmerksamkeit, des ewigen Trubels entfloh. Und das für ein böses Ende sorgte. 1991 wurde Maradona für 15 Monate wegen Dopings gesperrt. Zwar war seine Kokainsucht in Neapel kein Geheimnis, der Verein gab sich aber überrascht und warf Maradona raus — für den völlig überschuldeten Klub eine finanzielle Erleichterung. Und es drohte zusätzlicher Ärger, eine Vaterschaftsklage war anhängig, das Finanzamt untersuchte Unregelmäßigkeiten, und zu allem Übel verdichteten sich Gerüchte, Maradona hätte allzu enge Kontakte zur örtlichen Camorra gepflegt.

Es war die Blaupause aller jener Probleme, die Diego Maradona durch den zweiten Abschnitt seines Lebens begleiten sollten. Ein bisschen kickte er noch in Sevilla und daheim bei Boca. Aber dann machten die Knochen nicht mehr mit. Abseits des Platzes fand er kein Glück. Unstet raste er von Trainerjob zu Expertenjob und wieder zurück, ließ sich von Oligarchen aushalten und dazu bequatschen, doch nochmal die argentinische Nationalelf zu coachen – es wurde ein Desaster. Dazwischen immer wieder Abstürze, immer wieder Drogen, Fressattacken und Medikamente, dazu eine gescheiterte Ehe, unzählige Affären und uneheliche Kinder. Allein aus einer Kur auf Kuba, die sein Gastgeber Fidel Castro für bizarre PR nutzte, resultierten drei erfolgreiche Vaterschaftsklagen. Glücklich wirkte er dabei nie, immer nur getrieben.

Das Kunstwerk Maradona, das war in den letzten Jahren eine Reihe von clownesken Auftritten, mal bestritt er ein Interview mit Gaga-Antworten, mal torkelte er über die Tribüne, mal ließ er sich im Panzer zum Training fahren. Aber skurril die Auftritte anmuteten, das Publikum liebte ihn weiterhin. Weil sie in dem aufgedunsenen Wrack doch immer wieder jenen jungen Mann erblickten, der damals gezeigt hatte, wie magisch, wie verzaubernd Fußball sein kann. Jeder wusste, das würde nicht mehr lange gut gehen. Schon an seinem 60.Geburtstag hatte er schlecht ausgesehen, das Kokain hatte sein Herz kaputt gemacht.

Und trotzdem hatten alle gehofft, es würde weitergehen. Denn Maradona vereinte stets alles in sich, was den Fußball ausmacht. Das Schöne und Hässliche, das Genie und den Wahnsinn, das größte Glück und die Angst davor.

 Der argentinische Cuarteto-Sänger Rodrigo hat ein Lied über Maradona geschrieben, das Diego sehr geliebt und oft gesungen hat. Darin heißt es: "Y todo el pueblo cantó: Marado, Marado!" Das hat immer gestimmt, nun aber nicht mehr. Die Leute singen nicht, die Leute weinen. Diego Maradona ist gestorben.

kng

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