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P. Köster: Kabinenpredigt Das gefährliche Spiel mit Moukoko

Mit 16 Jahren wird er bereits als "das größte Talent der Welt" bezeichnet: BVB-Spieler Youssoufa Moukoko.
Mit 16 Jahren wird er bereits als "das größte Talent der Welt" bezeichnet: BVB-Spieler Youssoufa Moukoko.
© Clemes Bilan / Getty Images
Der sechzehnjährige Youssoufa Moukoko wird gnadenlos überhöht, als Wunderkind und weltgrößtes Talent. Das ist brandgefährlich für den jungen Spieler, findet stern-Stimme Philipp Köster.

BVB-Manager Michael Zorc sprach am Freitag wahre Worte. Als er auf den gerade 16 Jahre alt gewordenen Spieler Youssoufa Moukoko und dessen möglichen Einsatz am folgenden Samstag bei Hertha BSC angesprochen wurde, gab er sich und anderen den guten Rat, "ein wenig den Fuß vom Gaspedal" zu nehmen.

"Das größte Talent der Welt"

Schade nur, dass dieser Appell nicht einmal im eigenen Klub gehört und verstanden wurde. Sonst hätte der Instagram-Account des BVB sich die letzten Tage wohl nicht die Zeit mit pathetischen Moukoko-Werbeclips vertrieben und die Einwechslung des jungen Manns als "Dieser Moment!" überhöht. Sonst hätte der Klub wohl die Idee verworfen, bei Nuri Sahin anzurufen, um ihm mit sensationsheischender Stimme mitzuteilen, dass nun nicht mehr er, sondern Moukoko der jüngste Spieler der Bundesligageschichte sei und obendrein unter das Facepook-Posting die Bemerkung "Historisch!" zu klemmen. Und sonst hätte auch Mannschaftskollege Erling Haaland wohl einen Moment nachgedacht, bevor er Moukoko bescheinigte, er sei "das größte Talent der Welt!".

Das größte Talent der Welt? Diese Zuschreibung reiht sich ein in die Komplimente, die rund um den Globus großzügig an junge Spieler verteilt werden, die gerade ihre ersten Schritte im Profibereich machen. Wunderkinder, Juwele oder Supertalente werden sie genannt und erweisen sich bisweilen wirklich als solche, ob Joao Félix bei Atlético Madrid, Ansu Fati beim FC Barcelona oder auch Jude Bellingham bei Borussia Dortmund. Oft aber scheitern vermeintliche Ausnahmetalente auch an den Erwartungen, sei es US-Boy Freddy Adu, der als "neuer Pelé" gehandelt wurde, oder Bojan Krkic, der als "Nachfolger Messis" galt.

Überhöhte Erwartungen an Youssoufa Moukoko wiegen schwer

Die Entdeckung junger Spieler mit vermeintlichen Superkräften ist ein beliebtes Spiel, das den Regeln der Entertainmentbranche folgt und von der anfangs vermeintlich alle Parteien profitieren. Die Talente bekommen Öffentlichkeit und steigern ihren Marktwert, die Medien bekommen packende Stories von neuen Helden serviert, und die Klubs werden für ihren Blick für außergewöhnliche Talente gerühmt. Doch schon in dieser Phase zahlen die jungen Spieler einen hohen Preis.

Den echten wie den vermeintlichen Supertalenten der letzten Jahre ist nämlich eins gemein: Sie empfanden im Rückblick die von allen Seiten an sie herangetragenen Erwartungen als Belastung, als schweren Rucksack. Englands Michael Owen hat in seiner Autobiographie gut beschrieben, wie sehr das Trommelfeuer an Schlagzeilen, TV-Berichten und Statements jungen Spielern die Unbefangenheit nimmt, wie sehr sie damit beschäftigt sind, den Projektionen von Medien und Öffentlichkeit gerecht zu werden. Wer also junge Spieler penetrant überhöht, sie als Supertalente und Wunderkinder verherrlicht, gefährdet ihre Entwicklung, nicht nur als Sportler, sondern auch als Persönlichkeit.

Mit erst 16 Jahren noch ein halbes Kind

Unbestreitbar ist Moukoko ein junger Mann mit herausragenden Anlagen und einer für sein Alter selten gesehenen Reife. Seine Torrekorde in der Jugend waren beeindruckend, seine Technik und Athletik weit jenseits der sonst im Nachwuchsbereich üblichen Bestmarken. Hinzu kommt eine für einen Sechzehnjährigen erstaunliche Abgeklärtheit, er wirkt schon nach seinen ersten Tagen im Profikader selbstbewusst und reflektiert. Er wird sicher seinen Weg als Profi machen, und wenn alles gut geht, tatsächlich ein internationaler Star werden. Aber er ist erst 16 Jahre alt, ein halbes Kind, das bisher nur ein paar Minuten im Erwachsenenbereich gespielt hat, und das geschützt werden muss.  

Es ist erstaunlich, dass diese Erkenntnis noch nicht beim BVB angekommen ist. Der Klub hat selbst erlebt, was passiert, wenn jungen Spielern früher Ruhm zu Kopf steigt. Es ist erst etwas mehr als drei Jahre her, dass Ousmane Dembélé den Klub in Richtung Barcelona verließ – ein zuvor viel gefeierter Jungstar, dem Geld und Ruhm völlig die Sinne vernebelten. Nun kann man einwenden, dass die Borussia damals prächtig an der Ablöse verdiente und sich der Franzose in den Wochen vor dem Transfers wie ein bockiges Kind gerierte.

BVB-Manager: "Was ich tagtäglich erlebe, das gefällt mir nicht"

Aber der Fall Dembélé zeigt auch: Diese Talente sind immer noch Jugendliche, milchbärtige Heranwachsende, die nichts von der Welt wissen und den Hype um sie nur mühsam einordnen können, wenn überhaupt. Sie werden seit Jahren in Internaten gedrillt und nun ins Scheinwerferlicht gedrängt. Ob sie damit zurecht kommen, darüber herrscht in der Fußballszene eine beeindruckende Gedankenlosigkeit, wie sie stellvertretend am Sonntag Marcel Reif im Sport1-Talk "Doppelpass" formulierte. Moukoko müsse konstant Leistung abrufen. "Das verlangt man von einem 16-Jährigen. (…) Damit muss er zurechtkommen." 

Vielleicht muss er das wirklich, wenn er ein Star werden will. Er muss den Druck aushalten, die Erwartungen der Öffentlichkeit und der Medien. Aber er muss sich auch darauf verlassen können, dass sein Klub es ihm nicht noch schwerer macht – mit gedankenlosen Postings und pathetischer Überhöhung. Michael Zorc hatte über den Umgang mit Moukoko gesagt: "Was ich tagtäglich erlebe, das gefällt mir nicht." Uns auch nicht.     

les

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