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P. Köster: Kabinenpreidigt: Wenig Respekt vor öffentlichen Anordnungen – und doch will die Bundesliga eine Extrawurst

Der Ball in der Bundesliga ruht wegen des Coronavirus bis mindestens Ende April. Wenn die Liga irgendwann wieder weiterspielen will, muss sie aufhören, sich um sich selbst zu drehen, meint stern-Stimme Philipp Köster.

DFL verlängert Spielpause: Bundesliga soll im Mai fortgesetzt werden

Wenn Karl-Heinz Rummenigge sich zu Wort meldet, klingt das oft sehr entschlossen. Also musste auch diesmal ein kategorischer Imperativ herhalten, als der Bayern-Boss Anfang der Woche mit der FAZ über die nähere Zukunft der Bundesliga sprach. "Wir müssen die Saison zu Ende spielen – egal wann!", verkündete Rummenigge markig, notfalls müssten die Spiele eben bis September nachgeholt werden, die neue Saison würde dann eben erst im Winter starten.

Sicher hatte Rummenigge einige gute Gründe, einen Abbruch der Saison abzulehnen. Dass der Rechteinhaber Sky nur für Spiele zahlt, die tatsächlich stattfinden, ist wohl der gewichtigste. Jede Woche ohne die zuvor üppig sprudelnden TV-Gelder verschärft die Krise vieler Klubs dramatisch. Doch fragt man sich angesichts der wachsenden finanziellen Not, warum die Bundesligaklubs derzeit so erschreckend wenig dafür tun, dass tatsächlich in absehbarer Zeit weitergespielt werden kann.

Bundesligaboss Christian Seifert informiert zum Coronavirus

Per Videokonferenz informierte DFL-Boss Christian Seifert über die Pläne der Bundesliga in der Coronavirus-Pandemie – die Klubs haben die Chance verspielt, Verantwortung zu übernehmen, meint stern-Stimme Philipp Köster.

DPA

Denn mal abgesehen von den medizinischen Bedenken und der Tatsache, dass alle anderen großen europäischen Ligen derzeit eher vom Abbruch der aktuellen Spielzeit ausgehen, stünde ja vor einer Wiederaufnahme des Ligabetriebs die große Frage: Ist der Fußball wirklich so bedeutend, so wichtig für die Volksseele, dass ihm eine Sonderbehandlung gebührt? Um diese Frage überzeugend zu bejahen, müsste der Fußball nun, inmitten dieses Ausnahmezustands, erst einmal überzeugend demonstrieren, dass er sich nicht permanent nur um sich selbst dreht.  

Nur zur Erinnerung: Es ist gerade einmal zwei Wochen her, da hatte DFL-Boss Christian Seifert die dramatische Lage der Liga eindrücklich geschildert und auch der breiten Öffentlichkeit in Erinnerung gerufen, dass es beileibe nicht nur darum geht, dass hochbezahlte Profis wieder dem Ball nachjagen können, sondern dass am Wohlergehen der Liga auch über 50.000 Arbeitsplätze hängen. Eine überzeugende Blut-Schweiß-Tränen-Rede war das und die ideale Startrampe für die Klubs, um zu zeigen, dass sie nicht nur auf Pokale und Umsatzrekorde schielen – sondern gesellschaftliche Verantwortung zeigen können.

Bundesliga lässt in Coronavirus-Krise Chance verstreichen

Heute jedoch, vierzehn Tage später, kann festgestellt werden: Die Liga hat diese Chance ungenutzt verstreichen lassen. Sicher, viele Klubs waren nicht untätig. Borussia Dortmund unterstützt die lokale Kneipenszene, Profis wie Leon Goretzka und Joshua Kimmich spenden und sammeln Geld, vielerorts verzichten Lizenzspieler auf Teile ihres Gehalts. Und trotzdem ist der beherrschende Eindruck, dass es dem Profifußball nicht gelingt, sich aus dem über viele Jahre gepflegten Konkurrenzdenken und den klassischen Egoismen zu befreien.

Mal konstruktiv gefragt: Wo bleibt eine gemeinsame Erklärung der Profiligen, in der die Klubs gemeinsam berichten, was sie in den nächsten Wochen für die Gesellschaft tun wollen? Wo bleibt der gemeinsam installierte Rettungsfonds für die Klubs, die in den nächsten Wochen in Richtung Insolvenz driften? Und wie können die Profiligen zeigen, dass sie begriffen haben, dass es derzeit Menschen und Institutionen gibt, die weitaus größere Probleme haben als der Entertainmentbetrieb Profifußball?

Die Profiklubs haben bisher weder eine gemeinsame Stimme noch eine gemeinsame Richtung gefunden. Nicht einmal in der Frage des Trainingsbetriebs konnten sich die Vereine einigen. Trotz klarer Empfehlung durch die DFL fand an manchen Orten tatsächlich eine Art reduziertes Training statt – klarer konnten die Klubs nicht demonstrieren, wie wenig Respekt sie vor öffentlichen Anordnungen zur Kontaktsperre halten. Bitte Distanz halten? Nein, der Profifußball braucht unbedingt eine Extrawurst.

Klar ist: Die Bundesligen werden nur dann überhaupt an eine Fortsetzung des Ligabetriebs denken können, wenn sie bis dahin nicht den Eindruck erwecken, dass sie all das, was um sie herum passiert, möglichst vollständig ignorieren. Der Fußball ist am Zug, er muss solidarisch sein und mitfühlend und mit offenen Augen für die enormen Herausforderungen, vor Ort und gesamtgesellschaftlich. Nur dann könnte aus Rummenigges "Egal wann!" irgendwann ein konkreter Tag werden. Die Liga hat es selbst in der Hand.  

wue

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